Dein Haus kennt dich

DIE ZEIT, 4. Dezember 2014

Intelligente Häuser versprechen das Leben bequemer und sicherer zu machen. Aber um welchen Preis?

 

ZUM ZEITUNGSARTIKEL 

 
Ein junges Paar, keine Kinder, keine Sorgen, ist im Cabrio in Richtung Meer unterwegs. Am Strand schaut der Mann auf sein Smartphone. Er checkt die Wohnzimmerkamera und die der Küche: alles in Ordnung. Die Frau läuft ins Wasser, die beiden strahlen.

Szenen wie diese sind nicht Science-Fiction-Filmen entnommen, sondern den Werbespots, die sie unterbrechen. In der Welt der »intelligenten Dinge« haben Häuser aufgehört, nur Häuser zu sein. Sie schließen Türen und Fenster, fahren Rollläden hoch, kochen morgens Kaffee und heizen das Badezimmer vor.

Von »Smarthomes« spricht man bei zwei oder mehr Systemen, die über Funk miteinander verbunden sind, um dem Menschen Arbeit abzunehmen. Bei voll automatisierten Systemen braucht die Maschine keine Anweisungen mehr, sie weiß selbst, wann sie beispielsweise die Jalousien zu schließen hat. Diese Entwicklung ist dabei, unser Leben zu verändern. Wohin sie führt, welche Folgen die intelligente Vernetzung mit sich bringt, können wir heute allenfalls erahnen.

Hamburg, Wedeler Landstraße. Dort, wo die Häuser niedriger werden und die Gärten breiter, leben Uta und Uwe Brandts, beide Mitte 50. Ihr Neubau hat eine Hausautomatisierung, »weil die Technik es hergibt«, sagt Uta Brandts. Über ihr Smartphone lässt sie die Markise im Garten herunter, automatisch geht das Licht an, Musik ertönt. Über den Bildschirm öffnet sie die Tür, mit der Außenkamera hat sie beobachtet, wer sich dem Haus nähert. Uta Brandts findet es irre, dass sie ihrer Mutter die Tür öffnen könnte, während sie auf den Malediven ist. Ihr Mann Uwe sagt: »Ob es sein muss, ist eine andere Frage.«

Im intelligenten Haus wird intimes Wissen gefilmt und übermittelt, Tag für Tag. Es ist wie ein Familienmitglied, vor dem man nichts geheim hält, das aber nicht anders kann, als alles nach außen zu tragen, weil es über das Internet mit der Welt verbunden ist. Das macht intelligente Häuser zu einem Einschnitt in die Privatsphäre. Aber gibt es so etwas heute noch, Privatsphäre? Oder löst sie sich gerade vor unseren Augen auf? Denn offenbar kümmern die Bedenken nicht viele: Die Branche wächst, 2018 soll ein Viertel aller deutschen Haushalte intelligent vernetzt sein.

An einem Montagvormittag im November sind im Industriegebiet der schwäbischen Kleinstadt Rottenburg am Neckar Häuslebauer am Werk, Tüftler. Die Firma Somfy ist Weltmarktführer im Bereich Antriebe und Steuerungen für Rollläden und Sonnenschutz – einer Branche, die dem intelligenten Haus den Weg ebnete, sagt Oliver Rilling, Leiter für Produktionsmanagement und Kommunikation. Rilling, 47 Jahre alt, ist bei Somfy die treibende Kraft bei den intelligenten Häusern gewesen, die erst seit drei Jahren auf dem Markt angeboten werden. Als Kind habe er am liebsten Lego-Häuser »kreativ mitgestaltet« und mit Feuer gespielt. Im Grunde macht er als Erwachsener dasselbe.

»Alle, die meinten, Online-Entwicklungen könnten ihnen nichts anhaben, sind eines Besseren belehrt worden«, sagt Rilling. Buchhandlungen, Printmedien, Banken und Versicherungen: wurden abgestraft, weil sie die Modernisierung verpasst haben. Warum sollte der Hausbau da verschont bleiben?

Intelligentes Wohnen profitiert von einer Entwicklung, die man Internet der Dinge nennt: Smartphones. Tablets. Waschmaschinen, die dann waschen, wenn der Strom am billigsten ist. Kühlschränke, die Milch nachbestellen, wenn diese ausgetrunken ist. Das Internet der Dinge verwebt die reale und die virtuelle Welt miteinander.

Die intelligenten Häuser boomen besonders in den Vereinigten Staaten, aber auch in Ländern wie Brasilien, China, Südkorea. Genauso wie in Deutschland. Somfy unterscheidet zwischen drei Gruppen von Kunden: den Go-Gos, jung, rastlos, immer online, immer zu wenig Zeit; Slow-Gos: älter als 65 Jahre, wohlhabend, mit Energiesparen und Sicherheit als Priorität; und den No-Gos, den Pflegebedürftigen, die an Service und Vernetzung mit der Außenwelt interessiert sind. Laut einer Statista-Befragung sind die Deutschen vor allem an einem intelligent geregelten Heizsystem interessiert. Bis 2020 sollen die Heizölkosten um rund 60 Prozent ansteigen. Daneben ist die Sicherheitsfrage entscheidend. Lieber verlassen sich die Menschen auf die Technik, als ihren Schlüssel beim Nachbarn zu deponieren. Beliebt ist deshalb die Anwesenheitssimulation, mit deren Hilfe man ein Haus bei Abwesenheit bewohnt wirken lassen kann.

Aber intelligente Häuser schützen keinesfalls vor Einbrechern, im Gegenteil, sie ermög- lichen eine neue Form des Einsteigens: übers Netz. Umso verwunderlicher, dass die technische Sicherheit den meisten Nutzern egal sei, sagt Datenschützer Christoph Schäfer. »Die Kaufentscheidung wird vor allem aufgrund von zwei Kriterien getroffen: Funktionalität und Preis.«

Manche Anbieter werben mit Sicherheitszertifikaten. Falk Garbsch, Mitglied vom Chaos Computer Club, einer der weltweit größten Hackervereinigungen, beeindrucken sie nicht. »Nur weil der Prüfer keine Lücke findet, heißt es nicht, dass es keine gibt.« Sobald die intelligenten Wohnsysteme massenhaft verbreitet seien, »werden auch Angriffe auf die Anlagen zunehmen«, sagt Garbsch. Der Hacker hat sich ein paar Anbieter angesehen und festgestellt, dass vor allem die günstigen oft über eine nicht verschlüsselte Funkschnittstelle kommunizieren. »Man könnte ohne besondere Herausforderung über Funk mitlesen, was im Haus passiert, und auch ungewollte Befehle verschicken.«

Intelligente Häuser sind die Konsequenz einer Gesellschaft, die kaum noch ein Geheimnis kennt. Die Transparenz, die von Politik und Wirtschaft gefordert wird, lösen die Menschen selbst ein – auf Facebook oder WhatsApp. Das Vertrauen in die Technik scheint dabei unerschütterlich. Ein technisch optimiertes Leben, eine smarte Hausregulierung bedeuten aber potenziell Dauerkontrolle. Zwar ist nicht der Staat der Eindringling; die Informationen gibt der Mensch freiwillig nach außen, weil er dafür Komfort bekommt. Im Gegenzug macht er sein Leben durchsichtig, richtet in den eigenen Wänden seinen ganz persönlichen Überwachungsstaat ein.

Ivonne Hofstetter ist Autorin des Buches Sie wissen alles. In ihm beschreibt sie, warum Menschen sich gegen den Zugriff intelligenter Maschinen auf ihr Leben wehren müssten. Sie hält es für einen Trugschluss, zu glauben, es gehe nur um eine Optimierung des Wohnens. Wie viele Informationen dem Hausbewohner selbst harmlos wirkende Erleichterungen entlocken, erklärt Hofstetter anhand der Luftfeuchtigkeitsmessung. »Geringe Luftfeuchtigkeit bedeutet: Das Haus steht leer. Erhöhte Luftfeuchtigkeit hingegen heißt: Sie sind zu Hause. Noch mehr Luftfeuchtigkeit im Schlafzimmer, und ein Innensensor ›weiß‹, dass sich die Aktivität im Raum erhöht hat – ein Eingriff in die Intimsphäre, der einen Datenschützer sprachlos macht.«

Zur Überwachung braucht es deshalb keine Kamera. Es reicht auch schon ein Heizungsmesser. »Wenn beispielsweise zwei Wochen lang die Temperatur niedrig ist, kann man darauf zurückschließen, dass niemand im Haus ist«, sagt Datenschützer Christoph Schäfer. Dass aus Haushaltsgeräten gewonnene Informationen auch für den großen Datensammler Google interessant sind, zeigt die Tatsache, dass Google den Thermostat- und Rauchmelderhersteller Nest Labs für 3,2 Milliarden Dollar gekauft hat.

Doch was macht der Anbieter mit den gewonnenen Informationen? Sie werden in einer Cloud gespeichert, das sind ein oder mehrere externe Server. Erst die Cloud schafft das Smarthome: Sie vernetzt, erhält den Befehl über das Smartphone, Tablet oder den PC und schickt ihn beispielsweise an den Türöffner zurück.

Das Somfy-System wird von zwei der größten weltweiten Cloudanbieter gehostet. Wer die Cloudanbieter sind, möchte das Unternehmen »ungern nach außen geben«. Auch wenn der Anbieter die Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergeben darf, hat er theoretisch in sämtliche Informationen Einsicht: wann der Kaffeekocher angemacht, die Tür geöffnet wurde. Das macht besonders All-in-one-Systeme gefährlich, weil alle Daten bei einer Firma liegen. Was, wenn die Firma bankrott geht und dringend Geld braucht? Wird sie auch dann der Versuchung widerstehen, die Daten zu verkaufen?

Nutzerin Uta Brandts hat sich nie Gedanken über Sicherheit gemacht. »Wenn ich mir den Kopf darüber zerbreche, geht meine Lebensqualität verloren.« Sie ist mit der Technik – für sie »eine pure Bequemlichkeit, eine Spielerei« – sehr zufrieden. Die Frau des Development Managers eines großen deutschen Unternehmens hinkt einem Trend nicht gerne lange hinterher. Wenn Smartwatches oder Smartglasses bald massentauglich werden, wird sie sich vermutlich so etwas zulegen und sich über sie mit ihrem Zuhause verbinden. Auch für ihre allein lebende Mutter fände Uta Brandts eine Smartwatch interessant. In Zukunft könnte eine integrierte Sturzerkennung nach einem Unfall das Schlimmste verhindern. Fällt ihr Träger zu Boden, wird automatisch Alarm ausgelöst, der über die Cloud das Rote Kreuz informiert und die Tür entriegelt, bevor die Rettungsleute kommen.

Intelligente Maschinen lernen aus dem Verhalten ihrer Nutzer, sie vergessen nichts, sind ihnen einen Schritt voraus. Oft sei die erste Reaktion der Menschen auf technische Neuerungen: »Das will ich gar nicht.« Oder: »Das brauche ich nicht«, sagt Oliver Rilling von Somfy. Deshalb müsse man die Kunden langsam an die Möglichkeiten heranführen. »Einstieg in kleinen Häppchen« nennt Rilling das. Als er das erste Mal von virtuellen Pflegern in Altenheimen hörte, einer Art Roboter mit Display im Bauch, sagte er: »Leute, das ist total krank.« Dann dachte er an seine eigene Oma, die 95-jährig im Altenheim liegt und die er viel zu selten besucht. Plötzlich fand er die Idee spannend.