Wir bleiben

DIE ZEIT, 15. Januar 2015

Junge Italiener haben die Nase voll vom Gejammer ihrer Eltern. Sie wollen sich eine Zukunft aufbauen. Ausgerechnet in Neapel

 

ZUM ZEITUNGSARTIKEL 

 

Seit er in seine Heimatstadt Neapel zurückgekehrt ist, denkt Vincenzo Marino, 24, manchmal, dass es mehr Mut braucht zu bleiben als zu gehen. Vier Jahre hat er in London gelebt, ein Jahr in Australien. Das erste Mal in seinem Leben war er im Ausland fest angestellt. Wenn er krank wurde, hat er sein Gehalt weiterhin be- kommen. Er hat fast fünfmal so viel verdient wie zuvor in Neapel, wie jeder, den er dort kennt, und zum ersten Mal konnte er ein bisschen sparen.

Seit fünf Monaten wohnt Vincenzo wieder zu Hause, er teilt sich ein Zimmer mit der großen Schwester und dem kleinen Bruder. Er jobbt in einem Pub, wenn man ihn braucht, wie früher schwarz, wie früher für lächerlich wenig Geld. Man könnte seine Situation perspektivlos nennen. Vincenzo Marino tut das nicht. Er hat nicht vor, wieder zu gehen, er meint es diesmal ernst mit dem Bleiben. Den Namen seiner Stadt trägt er auf dem rechten Oberarm tätowiert.


In Neapel konzentriert sich der Verfall, nirgendwo in Italien ist der Staat so abwesend wie hier. Neapels Superlative: dichtest besiedelte Stadt Europas, größter Abladeplatz illegalen Giftmülls, eine Millionenstadt, zersetzt von mafiösen Strukturen. Neapel ist das Symbol des Stillstands in einem scheinbar unreformierbaren Land. Im August 2014 war laut Nationalem Institut für Statistik beinahe jeder zweite italienische Jugendliche arbeitslos – im Süden liegt die Zahl noch höher. 2013 verließen knapp 95 000 Italiener offiziell das Land. Die Auswanderer waren zwischen 18 und 34 Jahre alt.

Daher klingt Vincenzos Entscheidung ungewöhnlich, antizy-
klisch. Und doch ist sie es nicht, denn unter den jungen Italienern scheint ein Umdenken stattzufinden. Warum zurückkehren in eine Stadt wie Neapel? Um sich eine Zukunft aufzubauen. »Oder um es zumindest zu probieren«, sagt Vincenzo Marino. Weil er hier zu Hause ist.

Viele junge Neapolitaner kämpfen wieder für ihre Stadt. Sie kommen zurück oder weigern sich, überhaupt zu gehen. Die Einstellung »Du entscheidest nichts«, die lange die Gedanken der Neapolitaner bestimmt hat, bricht auf – in einer fatalistischen Gesellschaft, die Heilige um Lottonummern bittet und gleichzeitig um die Genesung der Großmutter, ist das ein großer Wandel. Die Jungen denken anders als die Alten. Sie wissen: Ihr Schicksal liegt in ihrer Hand.

Der Norden Neapels. In Casavatore, wo Vincenzo Marino groß geworden ist, wurde mit allem gegeizt außer mit Zement. Sechs- bis zehnstöckige Hochhäuser reihen sich aneinander. Casavatore, sagt er, sei die »totale Vernachlässigung«, es gebe keine Infrastruktur, kein kulturelles Angebot, oft nicht mal eine Bar.

Seit Vincenzo ein Kind war, hat er die Parks in seiner Stadt nur durch einen Gitterzaun gesehen, weil sie schon immer geschlossen waren, zu heruntergekommen, um darin zu spielen. Die Schaukeln hat er nie benutzt, weil sie nur aus Gerüsten bestanden und die Sitze fehlten. Fußball hat er mit seinen Freunden während der Mittagspause der Postangestellten gespielt, als auf deren Parkplatz keine Autos standen. Das war direkt gegenüber des Schwimmbades, bis zu dessen Eröffnung er die Tage gezählt, aber dessen Becken er nie mit Wasser gefüllt gesehen hat. Als die Erwachsenen die letzten Stahlstangen abtransportierten, mitnahmen, was für ein paar Lire zu verscherbeln war, hat auch er es begriffen. Nie wird er dort schwimmen.

Die Wut, die er seit damals in sich trägt, hat ihn veranlasst zu gehen. Und sie war es auch, die ihn hat zurückkommen lassen. Weil er sie umwandeln möchte in etwas Konstruktives.

Wieder in Neapel, hat er einen Freund aus Kindheitstagen getroffen. Angelo Vozzella, 27, dessen Bruder in England lebt, dessen Schwester weggezogen ist. Der aber nicht darüber nachdenkt, zu gehen, weil er hier gebraucht wird. Er sagt: »Wenn du vor etwas fliehst, riskierst du, dass dieses Etwas nach deiner Abwesenheit deinen Platz einnimmt.« Angelo hat mit Freunden die Bewegung »Verschaff dir Raum« gegründet. Rund 30 junge Menschen gehören ihr an. Sie warten nicht mehr darauf, dass die Behörden aktiv werden. Sie sind es selbst geworden, haben Unterschriften gesammelt, um Parks zu eröffnen und leer stehende Gebäude zu benützen.

Angelo und Vincenzo stehen in einer früheren Polizeistation, denken sich den Schimmel weg, der sich in die Wände frisst, und stellen sich stattdessen die Zukunft vor. »Hier könnte die Küche hinkommen«, sagt Angelo. Vincenzo nickt. Gemeinschaftsessen möchten sie kochen und Fortbildungen anbieten, im eigenen Garten Gemüse anbauen und Möbel recyceln, selbstbestimmt leben. Die Zimmer könnten als Unterkünfte für junge Neapolitaner dienen, die nicht mehr zu Hause leben wollen, aber sich eine Miete nicht leisten können. Im Süden versorgen die Eltern ihre Kinder oft noch bis zu deren vierzigstem Lebensjahr, finanzieren sie mit ihren Gehältern und den großelterlichen Pensionen. Gleichzeitig klammert sich diese Generation an ihre Arbeitsplätze, blockiert so den Fortschritt und die Zukunft der Jugend.


Die Neapolitaner erzählen gerne von der Bedeutung, die ihre Stadt einst hatte, manche sagen, sie sei so wichtig gewesen wie London oder Paris. Wenn es je so war, dann ist das lange her, Neapel kriecht heute voran, funktioniert, irgendwie. Vermutlich weil es Leute gibt wie Serena Monti, 27.


2012 hat sie als Erste ihres Jahrgangs das Studium der Biotechnik mit Auszeichnung bestanden, sie hat ein Austauschsemester gemacht und Dutzende Bewerbungen verschickt, ehe sie eine Arbeit fand, die ihren Fähigkeiten entsprach. Seither vertraut sie nur noch auf sich. »Das größte Problem der Neapolitaner sind die Neapolitaner selbst«, sagt Serena. Daher sei die einzige Möglichkeit, die Stadt zu ändern, die Denkart ihrer Bewohner zu ändern. Dort anzusetzen, wo es am meisten schmerzt: bei sich selbst.


Serena hat ihr Leben lang in einem Viertel gelebt, über dessen Häuser sich Ende der sechziger Jahre die Stadtautobahn gelegt hat. Unweit ihres Zuhauses haben Bürger zwischen Betonsäulen ein kleines Beet angelegt und Pflastersteine, die den Satz bilden »Ich liebe Neapel«. Es möge sein, dass die Neapolitaner ihre Stadt liebten, sagt Serena. Aber trotzdem behandelten sie sie schlecht. »Neapolitaner haben sich immer mit dem wenigsten begnügt.« Sie haben sich eingerichtet in der Unzulänglichkeit, sind verliebt in die Klischees, die über ihre Stadt kursieren, begnügen sich mit Dingen wie »beste Pizza der Welt«. Die Jungen wollen mehr. Und dieses Mehr wollen sie in Neapel.


Als man Serena Monti einen Studienplatz für ein Doktorat an einer Universität in Madrid anbot, sagte sie Nein. Sie wollte Neapel nicht verlassen, ohne der Stadt eine Chance gegeben zu haben. Als sie eine Arbeit in Mailand fand und später eine schlechter bezahlte in Neapel, sagte sie die im Norden ab. Seit Februar 2013 ist sie in ein Forschungsprojekt eingebunden, in dem sie sich unter anderem mit bildgebender Diagnostik beschäftigt. »Ich bin der Beweis, dass man auch in Neapel einer wissenschaftlichen Karriere nachgehen kann.«

Bis dahin war es ein harter Kampf. Ihr Vertrag wird jedes Jahr verlängert, eine unbefristete Stelle zu finden ist in Italien ein Luxus, für den man Gerüchten zufolge zahlt, bis zu 25 000 Euro soll ein Arbeitsplatz bei den öffentlichen Bahnen kosten. Bizarr, aber gut vorstellbar in einem Land, dessen Schwarzmarkt einen jährlichen Umsatz von bis zu sieben Milliarden Euro macht.

Serena ist keine politische Aktivistin wie Angelo oder Vincenzo. Ihr Protest ist ein stiller. Er heißt Bildung – das, was der Rückschritt am meisten fürchtet. Sie will Studierenden den Weg in die Forschung ebnen. Sie habe in den letzten Jahren Fortschritte erlebt, sagt sie, gesehen, wie sich ihre Stadt langsam hin zu einer »europäischen« entwickele. Trotzdem wäre es leichter zu sagen, was in Neapel funktioniert, als aufzuzählen, was schiefläuft. Dass die Schuld dafür allein der Staat tragen soll, genügt ihr nicht als Antwort.

Man kann in Neapel ein einfaches und den Umständen entsprechend gutes Leben führen, fragt man nicht zu viel nach. Gräbt man nicht tief, sieht man nur die Oberfläche. Unter dem heutigen Neapel aber liegen zwei alte Städte begraben, das Neapel der Griechen und das der Römer. Unterirdische Kanäle, Friedhöfe, Katakomben bilden das Fundament der Stadt. Sie sind nur sichtbar, steigt man in den Untergrund hinab, trotzdem sind sie immer da. Auch das illegale Neapel ist immer da.

Es existiert dort, wo der Staat es nicht tut. Die Camorra verkauft sich gern als Wohltäter, neben der Kirche und dem Freiwilligendienst. Aber in Wahrheit demoralisiert sie die Gesellschaft, am Ende einer mafiösen Karriere steht kein Erfolg, sondern Gefängnis oder Tod. Carlo Geltrude, 24, hätte den illegalen Weg einschlagen können. Dort, wo er aufgewachsen ist, im Brennpunktviertel Sanità, wäre es der einfachste. Er kam für ihn nicht infrage.

»Keine Komödie kann dich mehr zum Lachen bringen als eine Tour durch Italien«, sagt Carlo. Er kennt sich mit Komödien und Dramen aus. Er ist Teil der Theatergruppe Nuovo Teatro Sanità, die auf Initiative eines Geistlichen entstanden ist. Seit zwei Jahren ist sie in einer ehemaligen Kirche untergebracht. Deren Türen stehen immer offen. Professionelle Leute wie der Dramaturg, Theaterregisseur und Autor Mario Gelardi, 46, Direktor des Theaters, arbeiten freiwillig hier, bieten den jungen Neapolitanern kostenlose Theaterkurse an.

Der Altar ist zur Bühne umgebaut, die Kirchenbänke sind gegen rote Theatersessel ausgetauscht. Die Proben für ein neues Stück haben begonnen, es ist eine Collage von Texten des Autors Pier Paolo Pasolini und trägt den Titel Ein gewaltvolles Leben in der Stadt Gottes. Zwei professionelle Schauspieler spielen neben acht jugendlichen Laien, darunter Carlo. Pasolini spricht vom Unbehagen der Jugend, der Regisseur hat Texte der Jugendlichen in das Stück eingebaut. Es beginnt mit dem Tod Pasolinis, dem Zerfall, der die Situation der Stadt präsentieren soll. Neapel, der Schuttabladeplatz. Dann erscheinen Lichter, Pasolini steht wieder auf. Das Stück ist eine Liebeserklärung an das Leben, an Neapel.

Das Theater sei schwer zu verstehen, sagt Carlo, genauso wie seine Stadt. Ihn hat es gerettet. Mit 15 hat er die Schule abgebrochen, heute bereut er das. Ohne Fremdsprachenkenntnisse und Schulabschluss hätte er es im Ausland schwer. Aber das sei nicht der Grund, warum er immer noch in Neapel ist. »Für mich wäre es die größte Niederlage, den Ort zu verlassen, an dem ich geboren bin.«

Carlo hat in den letzten Jahren Europa bereist, war in Paris und Barcelona und musste feststellen, wie weit Neapel den europäischen Metropolen hinterherhinkt. Wie fast alle Neapolitaner hält auch er das Potenzial der Stadt, des ganzen Südens, für »absurd groß«. Anders als für die meisten ist Neapels schwächster Punkt für ihn die Bevölkerung selbst. Sie sei ihr größtes Hindernis, hinterfrage sich nicht.

Carlo, Serena, Angelo und Vincenzo wollen sich nicht ergeben. Sie haben genug von den Klagen, die ihnen schon am Küchentisch eingelöffelt wurden, in der Schule, im Bus. Sie wissen, das Jammern ist berechtigt – aber eben auch bequem. Es ermöglicht ganzen Generationen, sich in Lethargie einzurichten. Es ermöglicht dem Neapolitaner, Neapolitaner zu sein.

Damit wollen die Jungen brechen. Neapolitaner zu sein, glauben sie, gehe auch anders. Das ist erst der Anfang. Aber der Anfang ist das Schwerste.
 
Foto: Alessandro Ghirelli