Der Jäger und der Sammler

39NULL, Schwerpunkt: Macht und Ohnmacht (2015)

Ein knappes Vierteljahrhundert regierte Luis Durnwalder Südtirol. Seit einem Jahr ist er Pensionist. Wie geht das Leben nach der Macht?

ZUM MAGAZINARTIKEL 

 

Luis Durnwalder, der Jäger, er schießt nicht mehr. Ein Septembermorgen im Ahrntal, er sieht zwei Hirsche, ein Reh, ein paar Murmeltiere und Gämse, beobachtet sie, nähert sich, aber das Gewehr bleibt stumm. Rund 400 Tiere habe er in seinem Leben erlegt, da müsse er sich heute nichts mehr beweisen. „So etwas ist mir mittlerweile doch völlig egal.“ Früher, erzählt er dann, sei es schon vorgekommen, dass er vor einer Regierungssitzung noch schnell ein Hirschkalb geschossen habe, danach das obligatorische Glas Schnaps gekippt. Waidmannsheil, Waidmannsdank. Er erzählt solche Geschichten gern.

Um zu Luis Durnwalder zu gelangen, dem Landeshauptmann a. D., wie es auf seiner Visitenkarte steht, muss man die Kompatscherstraße entlangfahren – und es nennt sich wohl Ironie des Lebens, dass sein Nachfolger genauso heißt. Dort, im Keller seines Zweitwohnsitzes in Naturns, hat er sich einen 200 Quadratmeter großen Raum eingerichtet, es ist sein „Hobbyraum“. An der Wand hängt sein Porträt, daneben ein Auszug seines Terminkalenders aus Zeiten, in denen er zu viel Weiß auf dem Blatt als Beleidigung empfunden haben muss: „Da ist die abstrakte Kunst Jackson Pollocks nicht weit“, kommentierte 2013 die Süddeutsche Zeitung. Auf einem Holztisch liegen 45 Jahre Politikerleben ausgebreitet. Luis Durnwalder, der Sammler, hat in all den Jahren keinen Brief, kaum eine Einladung weggeschmissen. An lang gewordenen Tagen ordnet er nun die Unterlagen in drei Kisten. Kiste Nr. 1: möchte er gerne aufbewahren. Nr. 2: kann entsorgt werden. Was er mit dem Inhalt der dritten Kiste machen soll, darüber grübelt er noch.

Wenn Politiker ihre Karriere beenden, dann meist, weil sie abgewählt werden, weil das Volk genug von ihnen hat. Bei Durnwalder war das anders. Er war klug genug, zu einem Zeitpunkt zu gehen, an dem er die breite Öffentlichkeit hinter sich hatte, aber die Auseinandersetzung mit mehr als einem politischen Skandal noch vor sich. Es ist paradox, dass sich in einer gesunden Demokratie jemand so in die Macht verbeißen kann, wie Luis Durnwalder es tat. In Südtirol war es dennoch möglich. Das sagt mehr über den Zustand der Südtiroler Demokratie aus als über Durnwalder.

24 Jahre lang war er Landeshauptmann der Provinz Bozen, Nr. 1 unter dem Edelweiß, zu sehen auf Plakaten, in den Tageszeitungen, den Rai Nachrichten, und jeder, der ihn dabei erlebt hat, weiß: Er war es unglaublich gern. Als Politiker hat er in all dieser Zeit funktioniert. Auch damals, als man ihm am 5. Mai 2002 während einer Veranstaltung in Mühlbach einen Zettel hinlegte, auf dem stand: „Ihre Tochter ist gerade gestorben.“ Er spricht seine Rede zu Ende. „Nachher habe ich schnell den Ausgang gesucht.“ Nach vorne schauen, nicht zurück – vielleicht liegt darin das größte Geheimnis seines Erfolgs.

Es kommt ihm auch in diesen Tagen zugute. Luis Durnwalder, der Pensionist, hat jetzt etwas, das man nie mit ihm verbunden hat. Er hat Freizeit. Und in der mache er nur noch, was er wolle, und nicht, was andere gerne von ihm hätten. Daher sitzt er an einem Donnerstagvormittag Ende September lieber in seinem Garten und schaut hinauf zu Reinhold Messner und Schloss Juval, anstatt sich im Bozner Landesgericht blicken zu lassen, wo der Vorverhandlungsrichter zur selben Zeit gegen ihn ermittelt. Zwischen 1995 und 2013 soll er einen Teil des Repräsentationsfonds un-rechtmäßig ausgegeben haben. „Mit dem Geld habe ich dem Dalai Lama eine Sachertorte zur Begrüßung gekauft.“ Durnwalder versteht den Wirbel nicht.

Ein paar Wochen vorher erscheint er auch nicht zu den Festlichkeiten am Tag der Autonomie. Freitag, den 5. September, Landhausplatz Bozen: Der neue Landeshauptmann Arno Kompatscher öffnet erstmals die Türen der Verwaltung, erklärt den Menschen die Autonomie, gibt Einblick in das System. In der Ära Durnwalder war dieser selbst das System. Gut möglich, dass er da hin müsse, sagt er noch zwei Tage davor, aber es klingt, als sei er sich nicht sicher, ob man ihn auch braucht. Am Tag der Veranstaltung will er nichts mehr davon wissen. „Da gehe ich nicht hin.“ Keine weiteren Fragen.

Luis Durnwalder, das Arbeitstier, steht heute zu Zeiten auf, an denen er früher schon dreißig Bittsteller empfangen hatte. Von sechs bis acht Uhr morgens besuchten ihn kleine Leute mit ihren großen Sorgen. Präsenz war sein Erfolgskonzept, kaum eine Schuleinweihung, selten ein Fest, das er ausgelassen hat. „Ich bin ein Typ, der jedem auf die Schulter klopft und dem jeder auf die Schulter klopft“, sagt er und schenkt auf der Terrasse seiner Villa in Pfalzen Johannisbeersaft in zwei Gläser ein. Im Gang steht sein in Laaser Marmor gemeißeltes Ebenbild, zwei Stirnfalten tief eingraviert.

Luis Durnwalder wirkt, als hätte er Urlaub, und für einen Moment könnte man vergessen, dass er keine Auszeit genommen hat, sondern nie wieder als Politiker arbeiten wird. Er trägt ein hellblaues Hemd, dunkelblaue Jeans, einen Goldring mit blauem Stein am linken Ringfinger, keine Krawatte. Mit seinem dicken Zeigefinger wischt er auf dem iPhone von rechts nach links. Durnwalder kritzelt keine Blätter mehr voll, er hat jetzt einen digitalen Terminkalender. Und weil er immer noch Veranstaltungen sammelt wie andere Pfandflaschen, hat er in zwei Tagen gleich sechs Termine: 10 Uhr: Festveranstaltung 60 Jahre Südtiroler Gemeindeverband. 10.30 Uhr: Comando Truppe Alpine verabschieden. „Das wird knapp.“ Er grinst. Viele Politiker, sagt er, meiden heute den Kontakt mit dem Volk. 11.30 Uhr: Einweihung einer Gärtnerei in Schullian. 16 Uhr: Geburtstag Pfarrer Wengen – 60 Jahre. 20 Uhr: Treffen des Sternzeichens Jungfrau. Dazwischen muss er zum Zahnarzt.

Es gibt zwei Gesichtsausdrücke, die Luis Durnwalder beschreiben. Das Schmunzeln, das er aufsetzt, wenn er so wirken möchte, als könne ihm nichts etwas anhaben, oder eine Anekdote zum Besten gibt wie jene über seinen Einstieg in die Politik. Weil der Partei vor über 45 Jahren die nötigen Kandidaten fehlten, erbarmte er sich beim Kartenspielen und ließ sich auf die Liste setzen. Auf Anhieb wurde er Bürgermeister seiner Heimatgemeinde. Der zweite typische Ausdruck sind die hochgezogenen Augenbrauen, die andeuten, dass jetzt etwas Ernstes folgt, Sätze wie: „Ein jeder Baum wird einmal gefällt.“

In der Einfahrt vor dem Pfalzner Wohnhaus steht sein Auto, ein silberner Mercedes. Durnwalder fährt nun selbst. Er hat keine zwei Chauffeure mehr wie früher, kein Büro in Bozen und auch keine Sekretärin. „Ich musste erst lernen, mit dem Computer umzugehen und Briefe selbst zu schreiben.“ Täglich erhält er zehn bis 15 Schreiben, auf jedes antwortet er. Oft sind es Einladungen zur Eröffnung eines Kindergartens oder einer Feuerwehrhalle – Projekte, die er genehmigt hat. „Manche glauben immer noch, ich könnte Geld geben“, sagt er, „aber ich kann heute nicht mehr helfen wie früher.“

Früher, das war, als er über das Landesbudget verfügte wie über seinen Geldbeutel. Heute legt er einem Bettelbrief manchmal ein paar Scheine bei, 50 oder 100 Euro aus der eigenen Tasche. Luis Durnwalder wirkt nicht mehr so müde wie früher, aber die Augenringe – Relikt eines Lebens geprägt von viel Arbeit und wenig Rast – sind nicht mehr wegzuretuschieren, der Schlaf kommt zu spät. Viele Nächte, erinnert er sich, sei er erst um fünf Uhr früh zur Tür hereingekommen, habe geduscht, und weg war er. Der Eifer hat ihn seine erste Familie gekostet. Die Frau verließ ihn, „du bist mit der Politik verheiratet, nicht mit mir“, sagte sie. Die Kinder weigerten sich, mit ihm außer Haus zu gehen, weil sie es leid waren, dass im Nu zehn Menschen um ihren Vater herumschwirrten. Und doch sagt er heute: „Ich würde alles wieder so machen.“ Reue scheint keine Option im Leben Luis Durnwalders zu sein. „Bis auf eines: Ich habe bis zum letzten Tag gearbeitet. Vermutlich hätte ich langsam gehen müssen.“

Mitte Dezember 2013, wenige Wochen vor Amtsübergabe, setzen ihm dann „die Aufregung, die Nervosität vor dem Wechsel“ doch mehr zu, als er sich anfangs eingestehen will. Er verspürt eine Enge in der Herzgegend, eines Nachts ruft er die Rettung: „Ich glaube, ich habe einen Herzinfarkt.“ Im Krankenhaus wird er notoperiert. Hätte er 15 Minuten länger gewartet, wäre er nicht mehr am Leben, sagt ihm der Arzt später. Er erzählt es mit gewohnter Gelassenheit. „Wenn es vorbei ist, ist es vorbei.“

Luis Durnwalder ist keiner dieser Politiker, die in unverständlichen Floskeln sprechen. Aber auch er hat Sätze in seinem Repertoire, derer er offenbar nicht müde wird, die er gegenüber Medien immer und immer wieder sagt. Einer ist: „Ich hab das Amt des Landeshauptmanns auch abgewertet, weil ich bei jedem Hundeschlag dabei war.“ Ein anderer: „Viele haben Landeshauptmann studiert und sind es letztlich nicht geworden.“ Er ist darauf bedacht, über seinen Nachfolger kein schlechtes Wort zu verlieren. Aber es ist nicht zu leugnen, dass dieser vieles anders macht als er. Oder wie Luis Durnwalder sagt: „Es wird versucht, mit Gewalt einen ganz anderen Weg zu gehen.“ Das Büro des Landeshauptmanns hat Arno Kompatscher umbauen, die schweren Möbel aus Nussholz durch hellere ersetzen lassen. Den Dienstwagen hat er durch einen kleineren getauscht und den alten via Internet versteigern wollen, aber weil sich niemand dafür interessiert, steht er noch immer in der Garage der Landesregierung.

Wenn Luis Durnwalder abends in den Nachrichten sieht, wie Probleme gelöst, welche Wege eingeschlagen werden, redet er oft laut mit: „Teufel, das hätte ich nicht gemacht!“, sagt er dann vor sich hin. Vieles ist nun anders. Die Zeit nach ihm ist die Zeit der Volksbefragungen, der Bürgerpartizipation. In der Südtiroler Straßenzeitung Zebra hat er einen Gastkommentar über „Macht“ veröffentlicht. Er schreibt darin viel umständlicher als er redet: „Macht ist für mich nichts anderes als die Fähigkeit, mit Wissen, Fleiß, Charisma, Erfahrung, mit einem demokratischen Auftrag und unter Berücksichtigung der geltenden Gesetze auch gegen Widerstand Verordnungen, Satzungen, Programme und Entscheidungen umzusetzen und die Verantwortung dafür zu übernehmen.“ Es ist die Politik eines autoritären Vaters, der zu wissen glaubt, was gut ist für seine Kinder. Es kränkt ihn, wenn seine Entscheidungen im Nachhinein kritisiert werden. „Auf einmal heißt es, wir haben zu viel gemacht, zu groß gebaut.“

Lieber als mit amtierenden Politikern trifft er sich daher mit jenen, deren Glanzzeiten wie seine in der Vergangenheit liegen. Edmund Stoiber ist so einer, Roland Koch oder Romano Prodi. Sie rufen ihn an, wenn sie in Südtirol sind, schauen auf einen Kaffee bei ihm vorbei. Luis Durnwalder ist ein Dinosaurierpolitiker wie Franz Josef Strauß oder Helmut Kohl es waren, aber anders als in Deutschland, wo dieser Typ Politiker schon länger ausgestorben ist, hat er in Südtirol bis ins Jahr 2014 überlebt.

23. September 2014, sein 73. Geburtstag – er ist heute fast nicht zu erreichen, ständig ist das Telefon besetzt. Gegen Mittag sagt er: „Ich habe 180 Anrufe erhalten.“ Dazu 261 SMS und zahlreiche E-Mails und Karten. Aber für ihn ist das „nicht viel“. 2500 Weihnachtsgrüße waren es im vergangenen Jahr. So spricht nur einer, der es gewohnt ist, im Mittelpunkt zu stehen, auf Menschen zu wirken wie ein Magnet.

Luis Durnwalder war nie lange allein, nach seiner ersten Ehe und einer zehn Jahre dauernden Beziehung zu einer deutschen Ärztin hat er heute eine über zwanzig Jahre jüngere Frau an seiner Seite, eine jugendliche Stieftochter, die ihn Papa nennt, und seine eigene fünfjährige Tochter, die er vom Waldkindergarten abholt und deren pinkes Fahrrad ihm im Gang den Weg versperrt. Nur ein Stammeshäuptling könnte mit Luis Durnwalder mithalten.

Aber was bleibt, wenn die Macht schwindet, wie der Schnee im Frühling schmilzt? Im „Interview ohne Worte“, das Luis Durnwalder wenige Tage vor seinem Abtritt dem Südtiroler Onlinemagazin Barfuss.it gibt, schreibt er auf die Frage „Wie viele wahre Freunde bleiben Ihnen, wenn Sie nicht mehr Landeshauptmann sind?“ die Zahl 100 auf ein Blatt Papier. Die 1 streicht er durch. Bei der Frage „Wie würden Sie reagieren, wenn man Sie in ein paar Jahren nicht mehr auf der Straße erkennt?“ zieht er eine Grimasse, die man so noch nicht von ihm kennt. „Mir doch egal“, soll sie wohl bedeuten. Aber kann man das dem Mann glauben, der von sich sagt: „Wenn ich draußen den Starken und Sturen gespielt habe, flossen im Inneren oft die Tränen.“

Luis Durnwalder wird immer noch zu vielen Veranstaltungen eingeladen. Aber manchmal trifft er dort auf Menschen, die ihn unsicher fragen: „Wie sollen wir Sie betiteln?“ Bei Feiern wissen sie nicht, wohin sie ihn setzen sollen. Er lacht, wenn er davon erzählt, kurz und laut. Auf einigen Veranstaltungen sind beide da, der Alte und der Neue. Manchmal reden beide, manchmal hört Luis Durnwalder auch einfach nur zu. Es ist eine ungewohnte Rolle für ihn. Pragmatisch sagt er: „Ich bin Realist, das hilft mir.“ Wenn er durch die Bozner Innenstadt geht, halten ihn immer noch viele Menschen auf, bitten ihn um ein Foto. Täglich sprechen ihn mindestens zwanzig mit Landeshauptmann an, sagt er. Er lächelt dann leicht verlegen und antwortet: „Ich bin der Luis.“

Wenn er heute für Fotos posiert, dann tut er das nicht mehr wie früher. Er war als Landeshauptmann fordernder, vermutlich selbstbewusster. Neben der Macht hat er auch an Ausstrahlung verloren. Zwischen den Bildern und Geschenken aus 25 Jahren Dienstreisen hängen im Hobbyraum in Naturns Hunderte von Geweihen an der Wand. Jedes trägt ein Kärtchen mit Informationen zu Tier und Revier, penibel notiert vom Hausherrn persönlich. Bald schon, verrät er nach seinem Jagdausflug ins Ahrntal, wird er dorthin zurückkehren. „Einen Rehbock schießen.“ Es ist der Instinkt eines Jägers, der aus Luis Durnwalder spricht.

 

Foto: Michael Pezzei