Wunder in Zeiten des Social Freezing

Brigitte, Ausgabe 25/2015

In einer Wallfahrtskirche in Neapel steht ein alter Stuhl. Er soll Frauen, die sich auf ihn setzen, zur Schwangerschaft verhelfen. Hunderte Paare mit Kinderwunsch pilgern jeden Monat dorthin. Sie hoffen lieber auf ein Wunder als auf die Reproduktionsmedizin

 

ZUM MAGAZINARTIKEL 

 

Rosella, 28, geht die 45 Treppen hinauf, über Marmor und kalten Stein. Ihr Mann Pietro steht hinter ihr, hält ihre Hand fest in seiner. Sie reiht sich ein in die Schlange der Wartenden. Die älteren Frauen, denen nur noch wenig Zeit bleibt, um schwanger zu werden, sieht sie beinahe mitleidig an. Dann konzentriert sie sich wieder auf den magischen Stuhl, wegen dem sie hierher gekommen ist. Sie ist die Nächste. Zwei Minuten Zeit für ein Wunder.

Rosella hat sechs künstliche Befruchtungen hinter sich. Nach der letzten hat sie aufgehört, an die Fähigkeiten der Medizin zu glauben, aber der Traum, ein Kind zu gebären, ist noch nicht gestorben. „In meinem Leben fehlt etwas“, sagt sie. Daher ist sie, Integrationslehrerin in einer Schule im New Yorker Stadtteil Bronx, mit ihrem Mann Piero, 35, Koch – beide haben sizilianische Wurzeln –, nach Neapel geflogen, um einen Ort zu besuchen, zu dem Frauen mit Kinderwunsch seit Hunderten von Jahren pilgern.

Die Wallfahrtskirche „Santuario Santa Maria Francesca delle cinque piaghe“ steht im historischen Zentrum Neapels, Vico Tre Re a Toledo. Ein Hort der Honung, 365 Tage im Jahr geöffnet. Grund für den Ansturm ist ein Stuhl, der möglich machen soll, was unmöglich scheint: Setzt sich eine Frau mit Kinderwunsch auf ihn, soll sie durch die Gnade der Heiligen Francesca der fünf Wunden schwanger werden.

Mehr als 300 Jahre alt ist sein Kastanienholz; zugedeckt mit einer Strickdecke aus großen, farbigen Quadraten und roten Fransen steht er schlicht und unscheinbar im ersten Stock der Kirche, im ehemaligen Schlafzimmer der Heiligen Francesca, Patronin der unmöglichen Schwangerschaften. Hunderte von Paaren glauben an ihre Kraft und die des Stuhles, viele vertrauen in sie sogar mehr als in die Medizin. Auch heute noch, in Zeiten der künstlichen Befruchtung, der Leihmutterschaft und des Social Freezing.

Seit vier Jahren sind Rosella und Piero verheiratet, ebenso lange versuchen sie, Nachwuchs zu kriegen. „Wir sind im Glauben erzogen worden, und so handeln wir auch“, sagt Piero. Adoption kommt für sie nicht infrage, eine Leihmutterschaft im Ausland auch nicht – für die beiden wären das zu viele Eingriffe in Gottes Willen. „Wenn er es möchte, schenkt er uns ein Kind. Wenn nicht, akzeptieren wir seine Entscheidung.“ Er wiederholt den Satz, als ob er sich selbst davon überzeugen müsste.

Täglich beten Paare vor den Heiligenstatuen, setzen sich Frauen und manchmal auch ihre Männer auf den Stuhl; an jedem Sechsten im Monat, dem Todestag der Heiligen Francesca, sind es hundert und mehr. Wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit des Stuhles gibt es nicht, aber die fordert hier auch niemand. Er überzeugt die Menschen auf einer emotionalen statt rationalen Ebene, dient ihnen als Projektion. „Die Entstehung des Lebens ist immer noch ein Wunder“, sagt eine Frau mit Sex-and-the-City-Shirt, zum zehnten Mal besucht sie die Kirche.

Es ist kurz vor 9.15 Uhr, die zweite Messe des Tages beginnt. Vergoldete Kerzen stehen hinter dem Altar, darunter weiße und gelbe Lilien. Frauen bringen frische Blumen für die Heilige. Sie haben sich zurechtgemacht, kommen mit rotem Lippenstift, perfekt frisierten Haaren. Schwangere, junge Eltern, Großeltern und solche, die es endlich werden möchten, sitzen in den Kirchbänken, dazwischen sind Kinderwagen geklemmt. Babygeschrei übertönt die Kirchenglocken.

Der Klingelbeutel wird von Bank zu Bank gereicht, Münzen fallen klirrend hinein. Manche werfen einen leisen Schein hinterher. Im brüchigen Italienisch liest ein farbiger Priester die Messe, eine Schwester stimmt zum Gebet an: Santa Maria Francesca, unsere Schwester und Beschützerin. Mach, dass jedes Paar die Freude erleben kann, ein Kind in den Armen zu halten. Amen.

Den Zugang zum Stuhl regeln die Nonnen so entschlossen wie Verkehrspolizistinnen, „bitte rechts bleiben, links den Weg freilassen“, rufen sie den Wartenden zu. Die Berührung mit dem Stuhl, blickt man in die Gesichter der Frauen, bringt emotionale Befriedigung und Zuversicht. Das Ritual ist immer dasselbe. Während eine Frau auf dem Stuhl sitzt, spricht eine Nonne das Gebet und die Segnung. Dabei hält sie der Sitzenden ein Reliquiar, in dem sich eine Strähne und Knochen der Heiligen befinden sollen, an die Stirn, dann an das Herz, schließlich auf den Unterleib. Manche Frauen weinen danach. Etwas habe sich in ihnen bewegt, sagen sie. Sie hätten es genau gespürt, besonders als das Reliquiar über ihrem Unterleib war. Manchmal weinen auch die Männer, leiser, heimlicher, wischen sich hastig über die Wangen.

Neapel ist für seinen besonderen Umgang mit dem Glauben bekannt. Altäre säumen die Gassen der Altstadt, Heilige werden in aufwändigen Festen geehrt, gleichzeitig werden sie wie Familienmitglieder angesehen, befragt in allen Lebenslagen: von der Gesundheit bis zum Glücksspiel.

Die Heilige Francesca (1715 - 1791) war die erste Heilige Neapels, 38 Jahre lebte sie in dem Haus, das nach ihrem Tod zur Wallfahrtskirche umgebaut wurde. Die Hälfte ihres Lebens soll sie auf dem Stuhl sitzend verbracht haben. Dort prophezeite sie einer Frau, die schon lange auf Nachwuchs wartete, dass sie drei Kinder bekommen werde. Weil das tatsächlich eintraf, galt sie von da an als Patronin der Frauen mit Kinderwunsch. An den Wänden des Stuhlzimmers zeigen Bilder in schweren, schwarzen Rahmen die verschiedenen Lebensphasen der Heiligen. Ein Glaskasten schützt das alte Bett und eine dicke, mit Flecken bedeckte Matratze. Im Vorraum verkaufen die Nonnen Kalender mit Rosenkränzen, Schlüsselanhänger, die Biografie der Heiligen, Babyfotos.

Sie haben viele Funktionen an diesem Ort, sie sind Administratorinnen genauso wie Seelsorgerinnen. Sie halten die Kirche in Ordnung, sie sprechen die Gebete, posten Bilder auf Facebook. Sie teilen sich ein altes Nokia-Handy, das fast ununterbrochen klingelt. Den Frauen, die schon öfters hier waren, streicheln sie zärtlich über die Arme. Eine Frau tauscht eine rosa Brosche in eine hellblaue um, „es ist doch ein Junge geworden“, sagt sie. Die Luft ist stickig, auch wenn die Nonnen alle Fenster geöffnet haben.

Francesca schläft in ihrem Kinderwagen. Sie ist die Tochter des Bauunternehmers Antonio, 40, und seiner fünf Jahre jüngeren Frau Lucia. Im April kam Francesca, benannt nach der Heiligen, in der Nähe von Neapel zur Welt, nachdem Lucia drei Fehlgeburten hatte. Die Ärzte konnten nicht herausfinden, warum sie zwar schwanger werden, aber das Kind nicht austragen konnte. „Zwischen der zweiten und der dritten Fehlgeburt habe ich von der Heiligen Francesca gehört“, sagt Lucia, die Sonnenbrille im kurzen Haar. Als sie das vierte Mal schwanger wurde, erschien sie an jedem 6. des Monats in der Wallfahrtskirche, und jedes Mal setzte sie sich auf den Stuhl. „Man muss die Situation annehmen und für ein Wunder offen sein.“

„Es ist nicht allein der Stuhl, der Wunder vollbringt“, sagt der Priester mit Blick auf die Paare, die das Ende der Messe nicht erwarten können, um endlich einen Stock höher zu gehen. „Beichtet, bevor ihr euch darauf setzt, ihr seid voller Sünden und wollt Hilfe erlangen.“ Manche hören seine Worte nicht. Sie gehen nicht in die Messe, sondern direkt die Treppen zum Stuhl hinauf. Der Priester und auch die Nonnen sehen das nicht gern. Sie wollen, dass die Menschen beten, glauben und hoffen, ohne zu hinterfragen.

Nur wenige Paare, die den Stuhl besuchen, lehnen die Reproduktionsmedizin ganz ab. Aber viele sind von ihr enttäuscht worden, setzen nun auf das Irrationale. Die Kraft der Unerklärlichkeit überwältigt hier viele. Für die, die zweifeln, aber dennoch neugierig sind, gibt es Beweise in hellblauem und rosa Leinen. Auf einer vier Meter hohen Wand sind die Namen in Polster gestickt: Antonia, Mauro, Maria, Francesco, versehen mit dem jeweiligen Geburtsdatum. Auf einem Polster steht: „Endlich bist du da“.

Auch sie hoffen auf ein Wunder, selbst wenn es dafür fast zu spät ist: Giuseppe, 49, und Cinzia, 45 Jahre alt, beide aus der sizilianischen Provinz, haben ihr Glück erst spät gefunden, seit 2014 sind sie verheiratet. „Im Dezember letzten Jahres waren wir das erste Mal hier“, sagt Cinzia. Die beiden sind keine praktizierenden Gläubigen, aber sich auf den Stuhl zu setzen, sagt Cinzia, braunes Kleid, die Holzkette und der Lidschatten farblich dazu abgestimmt, habe starke, bisher nicht gekannte Emotionen in ihr ausgelöst.

Auf die Medizin und die technischen Mittel, die es heute gibt, verzichten sie dennoch nicht, sicher ist sicher. In einer Privatklinik haben sie für den ersten Versuch der künstlichen Befruchtung knapp 3.000 Euro bezahlt. Übernächsten Monat probieren sie es ein weiteres Mal, bis dahin gehen sie beten. Giuseppe, ein Verleger mit Schnauzbart, sagt: „Die Medizin ist keine perfekte Wissenschaft.“ Es sei durchaus möglich, dass körperliche Wunder nach dem Beten passieren. Warum nicht auch diesen Weg gehen?

Du brauchst nicht mehr lange zu bangen“, sagt eine Frau Mitte 40 zu Cinzia. Eben hat sie auf dem Stuhl darum gebeten, dass ihr 14 Jahre alter Sohn, befallen von einer Infektion, im Erwachsenenalter nicht steril werde. „Wir hoffen es, denn wir leiden“, antwortet Cinzia. „Irgendwann wird sie deine Bitten erhören“, sagt die Frau und nimmt ihre Hand. „Und wenn du dich 50-mal auf den Stuhl setzen musst.“

 

Foto: Alessandro Ghirelli