Verliebt, verloren, verheiratet

FREITAG, 28. Mai 2015

Syrien. Monate bevor der Bürgerkrieg ausbricht, begegnen sich die beiden Studenten Manal und Mustafa. Dann werden sie getrennt und finden erst in einem Flüchtlingslager wieder zueinander

 

ZUM ZEITUNGSARTIKEL 

 
Die Vorbereitungen, nach denen die 23-jährige Syrerin Manal im größten Flüchtlingslager der arabischen Welt zur Braut werden will, dauern länger als ihre Hochzeitsfeier. Am Vorabend haben Frauen ihren Rücken, die Füße und Hände mit Henna bemalt, drei Stunden lang. Sie haben Manal geschminkt, zum ersten Mal in ihrem Leben liegen dicke Schichten Make-up auf ihrer Haut, die Wimpern sind getuscht, mit Kajal umrandet. Ihr dickes, dunkles Haar haben die Helferinnen auf Lockenwickler gedreht und hinterher mit hundert Klammern und noch mehr Perlen geschmückt. Manals Hochzeitskleid ist geliehen aus einem Geschäft in jener Einkaufsstraße, die sie in diesem jordanischen Flüchtlingscamp „Champs-Élysées“ nennen.

Viele sagen, es gebe in Zaatari nichts Schönes, nur Notwendiges: ein Dach über dem Kopf und ausreichend zu essen. 85.000 Syrer leben hier auf 18 Quadratkilometern, eine syrische Stadt in Jordanien, aus der Not entstanden. Es gibt keine Bäume, keine Sträucher, aber Krankenhäuser, Schulen, eine Müllabfuhr und Feuerwehrmänner, die Hälfte der Bewohner ist nicht älter als 18. Manche sind in Zelten untergekommen, die Glücklicheren in Bungalows und Containern. In einem davon feiern Frauen an diesem Nachmittag ein Fest.

Sie stehen im Kreis, während in ihrer Mitte die Braut tanzt. „Wenn du etwas unbedingt haben willst, aber es schwer zu erreichen ist, dann nennen wir das Manal“, sagt Mustafa (26). Der Bräutigam lächelt, als er Tage später noch einmal die Bedeutung des Namens erklärt. Niemand kennt sie besser als er.

Die Geschichte der beiden beginnt fünf Jahre früher. Mustafa, geboren in Bosra, einer Kleinstadt im Süden Syriens, ist damals Lehramtsstudent an der Universität von Damaskus. An einem Märztag im Jahr 2010 besucht er Freunde in der Universitätscafeteria von Daraa, der Hauptstadt seiner Region. Am Nebentisch sitzt im hellblauen Gewand und petrolblauen Kopftuch ein Mädchen, das schöner ist, als er es sich je hätte vorstellen können: Manal, 19 Jahre alt, auch sie Lehramtsstudentin. Wer ist sie, fragt Mustafa seine Freunde. Auch Manal bemerkt ihn. Er gefällt ihr, und doch lehnt sie den Kontakt ab, als er danach fragt.

Aber Mustafa ist hartnäckig, zurück in Damaskus bittet er seine Freunde nachzuhaken, so lange, bis Manal zustimmt. „Gut, lass uns Freunde sein.“ Zuerst chatten Manal und Mustafa auf Skype, dann schicken sie sich Whats-app-Nachrichten, schließlich telefonieren sie, das erste Mal zwei Stunden lang. „Die Zeit hatte keine Bedeutung mehr“, erzählt Mustafa. „Die Zeit stand still“, sagt auch Manal. Jeden zweiten Abend sprechen sie miteinander, Hunderte von Minuten im Monat. Sie unterhalten sich über den Beruf: „Was würdest du am liebsten unterrichten?“, über die Familie: „Mit welchem deiner Brüder verstehst du dich am besten?“, über Filme und Musik.

Zwei Monate vergehen, bis Mustafa den Satz ausspricht, den er schon lange in sich hegt: „Ich will dich sehen.“ Manal stimmt zu. Sie verabreden sich für den 18. Mai 2010, auf dem Spielplatz vor der Moschee, gleich neben der Universität in Daraa. Mustafa reist dafür aus dem 125 Kilometer entfernten Damaskus an. Sie reden kaum miteinander bei diesem ersten Treffen, sie halten ihre Hände, zehn Minuten lang. Dann verabschieden sie sich. Manal und Mustafa sind keine Freunde mehr, sie sind nun ein Paar.

Die Treffen werden häufiger, und sie dauern länger: Statt zehn Minuten halten sie jetzt eine Viertelstunde ihre Hände und manchmal auch eine halbe. Immer sehen sie sich auf dem Spielplatz vor der Moschee, immer kommt Mustafa von Damaskus nach Daraa. „Eine glückliche Zeit“, erinnert sich Manal. Aber dann verändert sich das Leben in Syrien.

Ein Jahr nachdem sich Manal und Mustafa in der Uni-Cafeteria von Daraa zum ersten Mal gesehen haben, geht von dieser Stadt ein Konflikt aus, der für Syrien bis heute andauert. Anfang März 2011 demonstrieren dort gut zehntausend Syrer gegen das seit 48 Jahren bestehende Ausnahmegesetz und das Regime von Baschar al-Assad. Schnell erfassen Protest und Aufruhr das ganze Land.

Der Spielplatz vor der Moschee in Universitätsnähe ist für Manal und Mustafa bald kein sicherer Treffpunkt mehr. Auch an der Universität, in der Meetings stattfinden, ist es gefährlich geworden. Mit seinen Freunden geht Mustafa genauso auf die Straße wie viele in seinem Alter. Sie verstecken ihre Gesichter hinter Tüchern, weil sie Angst haben, fotografiert zu werden.

„Wir träumten von einem anderen Land der Demokratie und Freiheit“, erinnert sich Mustafa heute. Die Märsche beginnen in Frieden, aber die Armee schlägt mit voller Härte zurück. Junge Syrer werden festgenommen, manche müssen ins Gefängnis, andere verschwinden für immer. Mustafa will sich der Freien Syrischen Armee anschließen, aber Manal hat Angst und hält ihn davon ab: „Ich verbiete es dir“, sagt sie. Also lässt er es bleiben. Bald, denkt Mustafa, wird diese Zerreißprobe für das Land ohnehin vorbei sein. Viele arabische Staaten, auch die westlichen, werden kommen und uns helfen, Assad zu besiegen.

Als der Krieg stattdessen voranschreitet, telefonieren Manal und Mustafa wieder mehr, weil sie sich seltener sehen. Sie reden nun weniger über Filme oder Musik, und häufiger darüber, wie schwierig das Leben in Syrien geworden ist. „Wie es wohl weitergeht?“, fragt Manal. „Alles wird gut“, hofft Mustafa. Im Oktober 2011 bricht ihr Kontakt ab: Die Internet- und Telefonverbindungen werden schlechter, Mustafa zieht um, wohnt nun nicht mehr in Damaskus, sondern wieder in seiner Heimatstadt Bosra.

Manal weiß nicht, wie es ihm geht. Und Mustafa weiß nicht, ob Manal unversehrt ist. „Die Zeit schien damals ewig zu dauern“, sagt Manal. Nach vier Monaten ein erstes Wiedersehen. Am 5. Januar 2012, mittags gegen 13 Uhr, treffen sie sich auf dem Spielplatz vor der Moschee nahe der Universität in Daraa, am gleichen Ort wie viele Male zuvor, aber die Stadt ist nicht mehr die gleiche, Syrien ist es erst recht nicht. Manal denkt, was Mustafa von Anfang an dachte: Dich möchte ich heiraten. Niemand von beiden aber wagt es, das auszusprechen.

Im Frühjahr 2012 wird die Lage immer prekärer. Mustafas Familie flieht nach Jordanien. Der Sohn begleitet sie nur widerwillig, er will kein Flüchtling sein. Die Flucht dauert drei Tage, obwohl die Familie nur wenige Kilometer von der jordanischen Grenze entfernt lebt. Tausende syrische Flüchtlinge stehen an der Grenze. Sie kommen überwiegend im Flüchtlingslager Zaatari unter, das damals offiziell noch nicht eröffnet ist und nur aus ein paar Großzelten besteht.

Von einem Hügel, den sie im Camp „Syriatel“ nennen, weil man dort das syrische Mobilfunknetz empfängt, ruft Mustafa Manal an: „Ich bin in Jordanien.“ Dann hört sie nichts mehr von ihm. Ende Februar verlässt auch Manal das Land, am 1. März 2012 erreicht sie mit ihrer Familie das Flüchtlingscamp, in dem sie Mustafa vermutet. Sie fragt nach einem Mann, 24 Jahre, Student, leichter Bauchansatz. Aber Manal findet Mustafa nicht. Wie auch, er ist nicht mehr da, er wohnt jetzt in einer Gastgemeinde, unweit der Grenze. Manal beschließt zu warten, sie denkt: „Mustafa wird mich finden.“

Gerade ist sie mit ihren Cousinen unterwegs, läuft durch die staubigen Straßen des Camps, als sie ihn sieht, und er sie. Es ist der 5. März 2012. Mustafa ist ins Camp zurückgekehrt, um Manal zu suchen. Sofort kaufen sie in der Einkaufsstraße Champs-Élysées eine jordanische Simkarte für Manal, damit sie wieder telefonieren können. Aber das allein genügt nicht mehr. Sie wollen sich nicht wieder verlieren.

Anfang September 2012 hält Mustafa um Manals Hand an. In seinem Namen klopfen, wie es Brauch ist, seine weiblichen Verwandten an Manals Tür und bringen die Bitte vor. Manals Mutter hört sich die Frage als Erste an und gibt sie an den Vater weiter. Aber der stellt sich dagegen, seine älteste Tochter soll nicht in Jordanien heiraten. Deshalb – nein! Manal muss die Entscheidung akzeptieren. In der Zwischenzeit lebt sie sich im Camp ein, als eine von wenigen findet sie Arbeit. Sie ist Lehrerin, singt und malt mit Vorschulkindern. Mustafa arbeitet nicht, weil das Syrern außerhalb des Camps in Jordanien verboten ist und er noch immer in der Gastgemeinde lebt.

Im Juni 2013 schließlich hält Mustafa ein zweites Mal um Manals Hand an, wieder bringen die Frauen seiner Familie die Bitte vor. Wieder sagt ihr Vater Nein. 14 Monate später, es ist der 1. August 2014, lässt Mustafa ein drittes Mal nachfragen. Diesmal stimmt Manals Vater zu. Er muss begriffen haben: Wenn er möchte, dass seine Tochter in Syrien heiratet, wird sie ohne Mann bleiben. Die Antwort postet Manal zuerst auf Facebook: „Am Ende erlaubt mir mein Vater zu heiraten.“ Dann ruft sie Mustafa an. Eine Woche später verloben sich die beiden.

Vier Jahre und sieben Monate, nachdem sich Manal und Mustafa in der Universitätscafeteria in Daraa das erste Mal gesehen haben, küssen sie sich. Es ist das erste Mal. Wenig später beginnen sie mit der zeitraubenden Hochzeitsplanung. Die beiden sind glücklich, weil sie endlich heiraten können. Sie sind traurig, weil sie das nicht in Syrien dürfen. Zum Fest laden sie 200 Menschen ein, in Syrien, sagen beide, wären aus solchem Anlass tausend Leute gekommen. Es sind Tage wie diese, an denen sich ihre Heimat anfühlt, als hätte sie nur in einem früheren Leben existiert, als sei sie ausgelöscht, für immer verloren. Dabei ist sie doch fast zum Greifen nah: Kurz bevor die Straße nach Zaatari abbiegt, steht ein Hinweisschild: „Syrische Grenze sechs Kilometer“.

Manals und Mustafas Zukunft wird an einem anderen Ort stattfinden, damit haben sich die beiden abgefunden. Der Ort heißt Zaatari: Als Zwischenlösung gedacht, ist das Flüchtlingslager für Tausende Syrer erst zur kleinen, dann zur großen Ewigkeit geworden. Eigentlich nimmt die Verwaltung des Camps keine neuen Insassen mehr auf, aber weil Familienzusammenführungen möglich sind, darf Mustafa zu Manal kommen. Sieben Tage nach der Hochzeit beziehen sie ihr eigenes Haus, einen drei Zimmer großen Container. Sie haben ihn schon eingerichtet.

Mustafa wirkt ziemlich korpulent und Manal sehr zart. Wenn die beiden lachen, sehen sie sich ähnlich. Der eine hält noch immer gern die Hand des anderen, so wie bei ihrem ersten Treffen auf dem Spielplatz vor der Moschee nahe der Universität von Daraa. Nichts hat sich daran geändert, obwohl doch alles sonst anders wurde. Mit einer Ausnahme: Manal trägt jetzt einen Goldring am Finger und Mustafa einen aus Silber.