Die Blase von Brüssel 

Cicero, Ausgabe 7/2016

Die EU-Kommission betreibt das größte Praktikantenprogramm der Welt. Wer dort anfängt, hat vor allem eines im Sinn: Netzwerken, um einen festen Job zu ergattern 

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Sein Blick ist nach vorne gerichtet, der Weg ist frei. Ohne nach links und rechts zu schauen, überquert Stoyan Kaymaktchiyski eine viel befahrene Straße im Brüsseler EU-Viertel. „Es ist nicht wichtig, woher du kommst“, sagt der 26 Jahre alte Bulgare, geboren und aufgewachsen in Sofia. „Es ist viel wichtiger, wohin du zielst.“ Eben hat er im schwarzen Anzug mit Krawatte das Büro verlassen, aber noch ist an diesem Montag Ende Januar um 18.30 Uhr kein Feierabend in Sicht. Der wichtigste Teil des Tages beginnt erst.

Die Verpflichtungen eines Praktikanten der europäischen Institutionen hören nicht mit der Arbeit auf. Auch die Freizeit ist perfekt durchorganisiert. Oder, wie viele sagen würden, „gestaltet“ durch 26 sogenannte Sub-Committees. Stoyan engagiert sich in den Freizeitausschüssen Alumni Network und Karriere. Kaum eine Veranstaltung, die er auslässt, selten eine Möglichkeit zum Kontakte knüpfen,die er nicht wahrnimmt. Weil er weiß, wie entscheidend es ist, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein, versucht er seit fünf Monaten, überall gleichzeitig zu sein. An diesem Abend ist er auf dem Weg zu einer Veranstaltung, die er mitorganisiert hat: Speednetworking für Young Professionals.

In einem Saal der Maastricht-Universität stehen an fünf Tischen Eurokraten, die geschafft haben, wovon die Praktikanten um sie herum noch träumen: einen richtigen Job zu ergattern. Die jungen Leute holen sich Tipps bei den Profis und in der hintersten Reihe Chips und Orangensaft. Veranstaltungen wie diese sind auch deshalb beliebt, weil man sich so ein Abendessen spart. Stoyan huscht von einer Gruppe zur nächsten, er will nichts verpassen. Die Frauen begrüßt er mit Küsschen, den Rednern hat er zuvor aus dem Mantel geholfen. Während er mit jemandem spricht, schielt er über dessen Schulter zur Tür, seinen Augen entgeht kein wichtiger Gesprächspartner.

„Beeinflusse die Sekretärin“, rät eine, die heute als Pressesprecherin ganz oben in der Kommission arbeitet. „Lade sie auf einen Kaffee ein, mache ihr Komplimente. Über sie kannst du es schaffen.“ Stoyan schmunzelt, den Trick kannte er noch nicht. Er wird ihn sich merken, um seinem Lebensplan näherzukommen: irgendwann einmal viel Macht zu haben und wenig Verantwortung.

Aber zuerst muss er eine Anstellung finden, und dafür bleibt wenig Zeit – genau genommen 35 Tage. So lange noch ist Stoyan Kaymaktchiyski „Bluebook-Praktikant“ der Europäischen Kommission und damit Teil des größten Praktikantenprogramms der Welt: Zweimal im Jahr bewerben sich 25 000 junge Menschen für 630 Plätze. Um die 2000 Praktikanten tummeln sich jedes Jahr gleichzeitig im EU-Viertel in Brüssel. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 28 Jahren. Sie beherrschen mehrere Sprachen fließend, haben im Ausland studiert und gearbeitet, Abschlüsse von den besten Universitäten Europas auf dem Lebenslauf stehen. „Wir sind die junge Elite Europas“, sagt Stoyan.

Ein Praktikumsplatz bei den europäischen Institutionen ist der Traum fast jedes Politik- oder Jurastudenten. Deswegen heuern auch jene, die nicht genommen oder die Bewerbungsfrist versäumt haben, direkt bei einer Abteilung an. Meist arbeiten sie dort ohne Bezahlung. Niemand weiß genau, wie viele das sind. Fünf Monate lang sind die Aufstrebenden „Teil von etwas Großem“. Sie erleben Entscheidungsprozesse von innen, bekommen eine Vorstellung davon, wie es ist, Funktionär zu sein. Sie tauchen ein in die Blase, die „Euro-Bubble“, wie das EU-Viertel auch genannt wird.

Für die meisten ist es nicht Belgien, nicht einmal Brüssel. Es ist auch kein richtiges Stadtviertel, aber man merkt, wenn man es verlassen hat. Die Kleidung ist dann legerer, die Leute sind entspannter, die Cafés servieren nicht mehr gesunde Mittagssnacks, die man im Stehen isst. Nirgendwo sonst in Brüssel sind die Gebäude so monströs. Geschäftiges Treiben untertags, nach 19 Uhr aber wirkt die Euro-Bubble wie ausgestorben, nur vereinzelt brennen noch Lichter. Und überall weht die EU-Fahne: gelbe Sterne auf blauem Hintergrund.

Stoyan posiert gern unter dieser Flagge, sie ziert viele seiner Bilder auf Facebook. An einem Freitagabend postet er dort ein Selfie mit zwei Arbeitskollegen, darunter schreibt er: „Almost 8pm, but still working hard for the citizens of Europe!“ Stoyan, dunkelblonde Haare, glatt rasiertes Gesicht, hat in Maastricht und Amsterdam europäisches und internationales Recht studiert. In Brüssel arbeitet er im Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung. „Eine sehr wichtige Stelle, auch wenn sie wenigen bekannt ist.“ Gerade bereitet er eine Präsentation für seinen Vorgesetzten vor. Er habe das Glück, auch komplizierte Sachen erledigen zu dürfen, sagt er. Darüber reden kann er nicht.

„Wir alle wissen, was ein Praktikum bedeutet: Du machst nicht viel, aber gibst vor, viel zu tun“, sagt Charlelie Jourdan, 32. 2012 hat der Franzose gemeinsam mit seinem Landsmann Yacine Kouhen, 33, eine Youtube-Serie über das Leben der EU-Praktikanten gedreht. In zwölf Folgen nähern sich die beiden humorvoll und ironisch einer Szene, die sich selbst sehr ernst nimmt. „Ein Praktikant ist das letzte Glied in der Bubble, er hat am wenigsten zu tun und ist gleichzeitig am motiviertesten“, sagt Yacine.

Stelle sich jemand als Praktikant vor, würde ihn niemand mehr beachten. „Ganz einfach, weil er unwichtig ist.“ Yacine und Charlelie wissen Bescheid, sie waren selbst einmal Praktikanten. Heute haben sie die Entspanntheit, die vielen jungen Nachwuchskräften noch fehlt. Die Arbeit an der Serie sah Yacine, freiberuflicher Coach für Kommunikation, als soziologische Milieustudie. „Die meisten der Praktikanten haben dieselben Fächer studiert: European Studies, Jura, Politikwissenschaft“, sagt er. „Sie können alles machen und nichts.“

Abschiedsumtrunk im EU- Rat. Es ist die letzte Woche für die 54 Praktikanten, in nur wenigen Tagen werden neue Gesichter an ihren Schreibtischen sitzen. Junge Männer im Anzug ziehen gemeinsam mit gleichaltrigen Frauen im Kostüm Bilanz über ihre Zeit in der Bubble. Eine Tschechin resümiert: „Ich bin nicht enttäuscht, weil ich es mir nicht spannend vorgestellt habe.“ Eine Polin sagt: „Meine Abteilung war leider nicht sehr beschäftigt.“ Andere schwärmen von den Erfahrungen. Im EU-Rat sei alles etwas familiärer, man esse gemeinsam zu Mittag, treffe sich auch außerhalb. Bei einem Glas Sekt unterhalten sich zwei Praktikanten über ihre Zukunft. Beide haben noch keinen Job, aber sie sind zuversichtlich und stimmen sich positiv: „Deine Kommunikationsfähigkeiten sind toll“, sagt ein Spanier zu einem Skandinavier, zwei Köpfe größer als er. „Deine aber auch“, muntert der ihn auf.

Am nächsten Tag in einem Großraumbüro, 21 Praktikanten sitzen vor ihren Telefonen und Laptops. Manche sind mit Textübersetzungen beschäftigt, manche schreiben Facebook-Kommentare oder Bewerbungen für einen richtigen Arbeitsplatz. Hinter vorgehaltener Hand ist auch Kritik zu hören. „Brüssel ist eine undankbare Stadt für Berufsanfänger, der Druck ist hoch“, sagt ein Deutscher. „Viele haben die Welt nicht gesehen, werden aber die neuen politischen Akteure sein.“ Und nirgendwo habe er so viele junge Menschen mit rechtskonservativem Hintergrund erlebt wie hier. Eine Engländerin bemängelt, dass die meisten aus denselben Universitäten kämen, „und bis auf zwei Ausnahmen sind alle weiß“. Brüssel, sagt sie, fühle sich tatsächlich an wie eine Blase, „wir ignorieren hier manchmal die Außenwelt, was ironisch ist, denn wir formen sie mit.“

Nicht alle machen sich solche Gedanken. Für manche fühlt sich die Zeit in Brüssel an wie ein bezahltes Auslandssemester, besonders donnerstagabends auf der Place du Luxembourg. Ein Ort, an dem man neben Kontakten fürs Büro auch solche fürs Bett knüpft. Die „Plux“, wie der Platz kurz genannt wird, ist eine Kneipenreihe direkt gegenüber dem EU-Parlament, in der sich das EU-Viertel ins Wochenende trinkt. Stoyan geht selten auf die Plux, „zuerst muss ich networken, und wenn ich dann noch Zeit habe, kann ich flirten“.

Neujahrsempfang der Landesvertretung Baden-Württemberg. Vor Jahren war Stoyan einmal Praktikant in Stuttgart, er liebt dieses Bundesland, sagt er. „Sie haben mir so viel gegeben, und ich habe ihnen so viel gegeben.“ Stoyan hat für den Empfang zwar keine Einladung, er schafft es aber, sich irgendwie durchzumogeln. Bei Käse und Kuchen spricht er wenig später einen EU-Kommissar an: „Haben Sie einen Job für mich?“ Der verneint, nippt am Weißweinglas und zieht weiter. Stoyan auch, denn wie immer hat er keine Zeit zu verlieren. „Ich esse zu langsam, das ist ein Problem.“

Gegen ein Uhr morgens in der Schwarzwaldstube im Keller der baden-württembergischen Landesvertretung ist Stoyan dann müde. Das Stehen fällt ihm schwer, aber er kann nicht nach Hause gehen, wenn doch das Bier immer noch fließt. Mit rotem Kopf steht er neben zwei deutschen Praktikantinnen, die Luft im Raum ist stickig, es riecht nach Schweiß.

„Man muss im Leben zielstrebig sein“, sagt er. Und „zwischendurch entspannen“. Die Frauen stimmen zu. „Ich war immer eine Streberin“, sagt eine und es klingt wie ein Geständnis. „Aber weil wir alle Streber waren in der Klasse, war ich nie uncool.“ Die drei lachen. Es ist das Lebensgefühl der Euro-Bubble. 

 

Foto: Franziska Gilli