Lizenz zum Heimholen 

Neue Zürcher Zeitung, 6. März 2016

Nach dem Militärdienst ist das Reisen um die Welt für junge Israeli schon fast Pflicht. Viele übertreiben es dabei so sehr mit Partys und Drogen, dass sie die Kontrolle über ihr Leben verlieren. Doch ein Mann steht bereit, sie nach Hause zurückzubringen. 

 

ZUM ZEITUNGSARTIKEL 

 

Die vorerst letzte Frau, die Hilik Magnus in einen Flieger steckte mit dem Ziel Ben Gurion Airport Tel Aviv, musste er aus einem nepalesischen Gefängnis holen. Er fand sie, 23 Jahre alt, in einer Zelle eingesperrt mit einheimischen Prostituierten und Trickbetrügerinnen, auf dem Steinboden mit ihrem Bettlaken spielend. Die Polizei in Pokhara hatte die junge Frau wegen merkwürdigen Verhaltens festgenommen, sie hatte keine Dokumente bei sich. Zehn Tage lang hatte sie still sitzend an einer Vipassana-Meditation teilgenommen. Hier, am Boden der nepalesischen Zelle, war sie nicht ansprechbar, beinahe katatonisch, der Schizophrenie nahe.

Selbst Hilik Magnus, der in den letzten 22 Jahren Hunderte verschollener Israeli auf der ganzen Welt aufspürte, hat solch eine Verstörung selten gesehen. Bis zu neun Monate im Jahr ist der 66 Jahre alte Mann mit dem langen weissen Bart eines Nikolaus beruflich unterwegs. Er ist 24 Stunden erreichbar. Sein Smartphone, eingepackt in eine neonorange Hülle, klingelt im Dauertakt. Magnus war einmal Parkaufseher, später arbeitete er für den israelischen Geheimdienst. Mit 45 Jahren gründete er ein Rettungsunternehmen. Seither befreit er Extremsportler aus Gletscherspalten und Dschungeltiefen, tot oder lebendig. Aber bekannt ist er in Israel wegen anderer Einsätze geworden.

Hilik Magnus hat aus einem nationalen Problem ein Geschäft gemacht. Junge Israeli, die in Indien, Peru oder Malaysia durchknallen, die Kontrolle verlieren, nicht mehr unterscheiden können zwischen Realität und Traum, sucht er und bringt sie nach Hause zurück. Ein Team von 15 Leuten, dazu einheimische Informanten in den Orten, die die Israeli frequentieren, helfen ihm dabei. In Indien werden T-Shirts verkauft mit der Aufschrift «Hilik, du kriegst mich nicht». Aber kaum einer ist ihm bisher entgangen.

Man könnte es Israels unbekannte Plage nennen, eine «Volkskrankheit», von der die Jugend betroffen ist, entstanden aus der besonderen Bedrohungssituation und dem Selbstverständnis dieses Landes. Ein Drama in drei Akten: reisen, feiern, ausflippen. Es ist so zur Normalität geworden, dass zu Hause die Rettung institutionalisiert wurde, dass ganze Berufssparten davon leben, dass ein auf das Krankheitsbild zugeschnittener Zufluchtsort entstand. Und doch sind die psychotischen jungen Reisenden eines der grössten gesellschaftlichen Tabus Israels.

Was in den achtziger Jahren als Abenteuer einiger Kampfsoldaten begann, ist heute für junge Israeli eine Pflichtveranstaltung: die Reise nach dem Militär. Zu Zehntausenden brechen die Ex-Soldaten jedes Jahr ins Ausland auf. Allein in Indien zählt die Botschaft in manchen Jahren bis zu 60 000 von ihnen gleichzeitig.

Ähnlich einer Pilgerfahrt fällt die Rucksackreise zwischen zwei Lebensabschnitte. Sie soll die Soldaten in Zivilisten zurückverwandeln, sie vom Jugendlich- zum Erwachsensein hinüberführen. Davor haben die Frauen zwei Jahre, die Männer drei Jahre lang Befehle befolgt, vom 18. Lebensjahr weg. Für manche bedeutet diese Zeit Beschuss oder Krieg. Die Jahre beim Militär gelten in Israel als die prägendste Zeit im Leben, tiefe Freundschaften werden geschlossen, Nationalstolz und Solidarität gefestigt.

Aber die Militärjahre sind auch Jahre des Verzichts, kein Luxus, keine Partys, wenig Privatsphäre. Der grosse Trip ist die Belohnung. Von einem kontrollierten Leben unter Militärstrukturen hinein in die totale Anarchie. Nichtstun scheint die grösstmögliche Auflehnung zu sein gegen eine Heimat, die zu ewiger Wachsamkeit verpflichtet. In der Phase der totalen Freiheit werden viele zu Drogenkonsumenten, 90 Prozent laut der Israelischen Anti-Drogen-Behörde (IADA). Haschisch, LSD, Kokain, MDMA. Manchen wird das zu viel.

Shy Dan, 26, ist Mitglied einer militärischen Spezialeinheit, Sohn einer vornehmen Unternehmerfamilie aus Haifa. Der Vater Josi ist Colonel in der Armee, die Mutter arbeitet in der Bank. Shy sieht aus wie der perfekte Schwiegersohn. Er trägt Dreitagebart und die dunkelblonden Haare kurz. Man würde ihm nicht zutrauen, dass er jemals etwas mit Drogen zu tun gehabt hat. Aber lange war Marihuana sein Begleiter, zu Hause in Israel und später im Ausland: im Kongo, in New York und schliesslich in Südamerika, wo er ausflippte.

Mittwoch, der 28. September 2011. Seine Mutter erinnert sich genau an das Datum, an dem «ein Tsunami» ihr Familienidyll zu ertränken versuchte. Die Familie Dan war gerade auf dem Weg zum Roten Meer, da erhielt die Mutter einen Anruf: Ihr Sohn, 22 Jahre alt, seit einem Monat in Süd­ amerika unterwegs, verhalte sich merkwürdig, er behaupte Dinge, glaube, mit der Sonne sprechen zu können. Reisen und merkwürdiges Verhalten – die Eltern mussten nicht lange überlegen, um das Schlimmste zu vermuten. Zehn Minuten nachdem Vater Josi Dan das Rote Meer erreicht hatte, kaufte er einen Flug nach Peru.

Von Eilat, fünf Meter Meereshöhe, flog er über Tel Aviv und Bukarest nach Madrid und weiter nach Lima. In Peru nahm er einen Nachtbus, der ihn zu seinem Sohn in die Andenhaupt­stadt Huaraz brachte, 3052 Meter Meereshöhe. Dort traf er auf einen veränderten Menschen: Shy, sonst ein ruhiger Mann, sprach ohne Pause, monoton wie ein Roboter. Er konnte nicht stillsitzen. «Er glaubte in einem Café­besitzer Jesus Christus zu erken­nen», erzählt Josi Dan. 

Psychotische Menschen fallen in einen Zustand extremer Dünnhäutig­keit. Die Grenzen zwischen innerem Erleben und äusserer Realität gehen verloren. Shy sagt heute, er habe ein Leben gelebt, wie man es aus Träu­men kennt. Als der Vater den Sohn aufforderte, mit nach Hause zu kom­men, weigerte sich Shy, warf mit Möbeln um sich, zerriss den Reise­pass. Da fesselte Josi ihn an ein Hos­telbett. Shy, 190 Zentimeter gross, kräftig, befreite sich, der Vater zog die Bänder fester. Heute sind Shys Hände ein Narbenfeld ob der Verletzungen, die er sich in jenen Stunden zufügte.

Weil der Vater nicht weiterkam, organisierte die Mutter Hilfe: Hilik Magnus. 36 Stunden später kam die­ ser zur Tür des Hostels herein, band Shy los, umarmte und beruhigte ihn. Den Weissbärtigen hielt Shy für den Auserwählten, der gekommen war, um ihn zu sich zu holen. In einem Krankenhaus in Lima liessen sie Shys Wunden verarzten. Als Hilik ihn am Flughafen von Tel Aviv seiner Mutter übergab, kamen Shy das erste Mal Zweifel: «Vielleicht bin ich doch nicht auserwählt.»

«Israelische Backpacker reisen anders», sagt der israelische Anthro­ pologe Tamir Leon. Auf der einen Seite wollten sie den Zwängen des Heimatlandes entfliehen, andererseits blieben sie am liebsten unter sich, konsumierten israelisches Essen in israelisch geführten Hostels. «Der typische israelische Reisende hat keine Lust, eine neue Kultur kennen­ zulernen», sagt Leon.

Mit 22 Jahren reiste Tamir Leon zum ersten Mal mit dem Rucksack durch Indien. 30­mal ist er seither zurückgekommen, um die jungen Rei­senden zu studieren. Man könne die israelischen Reisenden in drei Grup­pen einteilen, sagt Leon. Die Leute aus Gruppe eins interessierten sich vorwiegend für Sightseeing, sie zögen höchstens einmal an einem Joint. Rund 30 Prozent aller Reisenden gehörten dazu.

Die Israeli aus Gruppe zwei konsu­mierten vorwiegend Marihuana, här­tere Sachen höben sie für spezielle Anlässe auf wie eine Vollmondparty. Gruppe drei – rund 15 Prozent gehör­ten ihr an – sei die extremste. Die Leute beginnen den Tag mit einer Chillum, der indischen Pfeife, sie seien ständig stoned, von frühmor­ gens bis spätabends. «Auffallend viele Kampfsoldaten sind darunter.» Weil sie risikofreudiger und zuversicht­licher seien, dass ihnen nichts etwas anhaben kann.

Von Goa nach Geha hiess es früher, vom Strand in die staatliche Psychia­trie. An der Situation hat sich in den Jahren nichts geändert, aber am Umgang mit ihr: Heute bieten zwei der fünf Versicherungen, mit denen Hilik Magnus arbeitet, einen Rückhol­service nach Drogenexzessen im Aus­land an. Staatliche Psychiatrien besu­chen nur noch wenige. Stattdessen landen sie in der Rehabilitationskli­nik, in der auch Shy Dan, der Elite­ soldat aus gutem Hause, behandelt wurde: in Kfar Izun.

Ihr Name bedeutet «Dorf der Har­monie», und sie ist eigentlich keine Klinik, zumindest keine geschlossene Abteilung in einem Krankenhaus. Kfar Izun liegt am Strand, eine Stunde nördlich von Tel Aviv. Ein Ort mit Platz für 40 Personen, von weitem sieht Kfar Izun aus wie eine Hotel­ anlage. Gelbfarbene Bungalows mit roten Ziegeldächern, davor Liege­stühle mit Blick aufs Mittelmeer. Im Garten steht ein Volleyballfeld. Im Ferienambiente wurden die Ex­-Solda­ten krank, nun soll es sie wieder zurück ins normale Leben führen.

Nach Kfar Izun kommen die Patien­ten freiwillig, jederzeit könnten sie gehen. Wer hier eincheckt, braucht kein Stigma zu fürchten, anders als im öffentlichen System wird die Kran­kenakte nur intern festgehalten. Dafür zahlen die Eltern Betroffener in monatlichen Raten von rund 15 000 Schekel, das sind 3600 Euro. Ehema­lige Soldaten, Freiwillige und profes­sionelle Sozialarbeiter gründeten 2001 die Klinik unter Palmen. Der Direktor Omri Fresh, Spezialist in der Behandlung von Drogenopfern, wurde 2010 mit dem Recanati­-Chais­-Rashi­-Preis für aussergewöhnliche Sozialarbeit ausgezeichnet. 

2010 hat das IADA die Daten der bis dahin behandelten Patienten in Kfar Izun ausgewertet. 63 Prozent von ihnen waren Kampfsoldaten und 61 Prozent männlich, ihr Durchschnitts­alter betrug bei der Einweisung 22,7 Jahre. 100 Prozent konsumierten Can­nabis, 40 Prozent zusätzlich andere halluzinogene Drogen und etwa 30 Prozent Kokain. Die Hälfte soll bereits vorher psychische Probleme gehabt haben. 74 Prozent waren durch Asien gereist, 13 Prozent durch Südamerika. Über die Hälfte fand alleine zurück nach Israel, jeden Fünften holten Familie oder Freunde in die Heimat. Ein Viertel wurde professionell nach Hause gebracht.

Ihr Zustand sei keine Abhängigkeit, sondern ein momentaner Zusammen­bruch, so die Klinikleitung auf ihrer Website. Die Jugendlichen stünden an einem Scheideweg, müssten schnell und gut behandelt werden, sonst bleibe der Schaden permanent. Sie befinden sich in einer Art Limbus, zwischen den Sphären, in der Theologie ist es der Aufenthaltsort für aus dem Himmel gefallene Seelen. Im Harmony Village erhalten sie eine auf sie persönlich abgestimmte Therapie. In ihr mischen sich östliche und west­liche Ansätze. Der Tagesablauf ist genau geregelt, Kung Fu, Yoga, Tai Chi. Gruppensitzungen, Einzelgesprä­che, Familientherapie.

Nur die Härtefälle landen in der Drogenklinik unter Palmen, die, bei denen die Situation lebensbedrohlich ist, es sind die wenigsten. Die meisten kommen ohne sofort erkennbaren Schaden nach Israel zurück. Aber das bedeutet nicht, dass sie gesund sind. Nach Monaten ohne Verpflichtungen und Zwänge fühlen sich auch die, die keine schlechten Drogentrips erlebt haben, verloren. Oft tragen sie immer noch denselben Haarschnitt, dieselbe Kleidung, die sie im Ausland trugen. Der schwierigste Teil der Reise, das Landen, bereitet ihnen Probleme. Im verwirrten Zustand verharren sie oft Wochen oder Monate, manchmal wer­den Jahre daraus.

Psychologe Shlomo Herbet, 59, hat Hunderte von ihnen betreut. In der Küstenstadt Netanya, 30 Zugminuten von Tel Aviv entfernt, führt er mit sei­ner Frau seit einem Vierteljahrhun­dert die Privatpraxis Mavarim. Der Name bedeutet «Übergangsphase». Seine Klienten sind zwischen 20 und 35 Jahre alt, «sie sitzen fest», sagt Shlomo Herbet, ein Mann mit graumelierten Haaren und sanftem Blick. «Sie finden keinen Job, haben Probleme, eine Beziehung einzugehen, sie schreiben sich in die Universität ein, ohne zu studieren.» Sie führen zu Hause das Backpacker-Leben weiter, hängen in Cafés herum, die den ganzen Tag Frühstück servieren.

Seine Kunden empfängt Herbet in seiner Praxis, oder er geht mit ihnen in den Wald. Lernen, die Natur wahrzunehmen, zu sich zu finden. Er besucht sie auch zu Hause, wenn sie nicht imstand sind, das Haus zu verlassen. Er betreut die Eltern und Geschwister mit, die die Situation überfordert. Dass so viele junge Israeli im Ausland zu Drogen greifen, ist für den Mann, der noch nie in seinem Leben Drogen genommen hat, naheliegend. «Die Freiheit nach dem Militär ist ein Schock, sie wissen nicht, was sie damit anfangen sollen.»

Problematisch sei das Experimentieren, weil viele von ihnen mit Kriegstraumata ins Ausland reisen, oft ohne sich dessen bewusst zu sein. «In Israel leben Hunderttausende junge Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen», sagt der Psychologe. In Verbindung mit Drogen können so Psychosen aufkommen. Psychedelische Drogen bringen das Unterbewusstsein an die Oberfläche, sie dringen tief in den Schmerz hinein. Nach dem Krieg im Sommer 2014 seien viele neue Traumata entstanden, sagt Shlomo Herbet. Das israelische Militär taufte die Operation «Tsuk Eitan», was so viel bedeutet wie «Fester Stein», aber so solide seien die jungen Leute nicht, sagt der Psychologe.

Auch Shy Dan war letztes Jahr im Krieg, zum ersten Mal. 40 Tage Gaza. Seine Aufgabe war es, herauszufinden, wo die Feinde sitzen. Dafür war er mit einem thermischen Apparat unterwegs, mit dem er fünf bis sechs Kilometer weit sehen konnte. Nachher hat er beschlossen, nie mehr an die Front zu gehen. Er hat Angst, dass die Psychose wieder hochkommt. Wüssten seine Vorgesetzten von der Drogenvergangenheit und der anschliessenden Therapie, käme er als Kampfsoldat ohnehin nicht mehr infrage. 

In den Anfangswochen in Kfar Izun kam und ging die Psychose. Als die Medikamente, die die Dopamin-Rezeptoren im Gehirn schlossen, zu wirken begannen, wurde Shy Dan depressiv. Die schönen Gefühle, die intensiven Farben waren plötzlich nicht mehr da, und er war nur noch ein ganz normaler Jugendlicher in einer Rehabilitationsklinik, ohne Job, ohne Freundin, ohne Halluzinationen. Drei Monate lang nahm er Medikamente, nach vier Monaten verliess er Kfar Izun gesund und ohne Selbstbewusstsein. Sein erster Job in einem Restaurant wurde ihm nach einer Woche gekündigt, er konnte sich das Menu nicht merken.

Aber Shy Dan gab nicht auf. «Gesund zu werden, ist kein Sprint, es ist ein Marathon.» Er bewarb sich um eine neue Arbeit, er holte sein Abitur mit den besten Noten nach, er lernte für die Universitätsaufnahmeprüfung und bestand sie. Er begann wieder Mut zu fassen, Vertrauen in sich selbst. Und er reiste noch einmal. Drei Monate Südostasien. Drei Wochen lang begleitete ihn die Mutter, eine Woche der kleine Bruder, die restliche Zeit reiste er allein. Ohne israelische Ex-Soldaten, ohne Drogen.

Warum gibt es gerade in Israel einen Ort wie Kfar Izun? Und warum werden die Kosten seit August 2011 zur Hälfte vom Ministerium für soziale Angelegenheiten bezahlt? Warum unterstützen reiche Privatpersonen wie der Besitzer eines der grössten israelischen Panzerunternehmen die Klinik? Weil sie sich mitverantwortlich fühlen? Die Antwort der Involvierten lautet: Weil Israeli solidarisch miteinander sind. Weil sie sich umeinander kümmern. Fragt man die israelischen Behörden, erhält man keine Auskunft: Sie verbieten Journalisten einen Besuch in der Klinik. Nur wenige sprechen in dem Zusammenhang offen von den Kriegstraumata.

Hilik Magnus vergleicht den psychotischen Zustand lieber mit einem Beinbruch, er sei vollständig heilbar. So wie man nach Monaten erfolgreicher Physiotherapie nicht mehr sagen könne, ob das linke oder das rechte Bein gebrochen gewesen sei, so betrügen auch nach einer richtigen Behandlung die Erfolgschancen des Gesundwerdens 100 Prozent. Auf seiner Website spricht Kfar Izun von einer 90-prozentigen Erfolgsquote. In einer von IADA veröffentlichten Untersuchung steht: Von 115 Patienten, die zwischen Januar und September 2015 behandelt wurden, waren fünf Jahre später 24 Prozent vollständig geheilt. 39 Prozent wiesen eine Besserung auf, ein Drittel litt unter chronischen mentalen Störungen.

Hilik Magnus verlangt für einen regulären Rettungseinsatz von fünf bis sechs Tagen ohne Versicherung inklusive aller Flüge und Steuern rund 70 000 Schekel, das sind 18 000 Franken. In Kfar Izun hat ein junger Mann Shy gefragt: «Glaubst du, es ist gut für Hilik, dass so viele von uns durchdrehen?» Shy hat geantwortet: «Er lebt zumindest davon.»

Aber Hilik sagt, so toll, wie es sich anhöre, sei seine Arbeit nicht. Nach ein paar Tagen mit einem psychotischen Menschen sei er meist so erschöpft, dass er fiebere. Die Anstrengung ist Hilik Magnus anzusehen. Er wirkt zehn Jahre älter als die Zahl in seinem Reisepass, obwohl er nicht trinkt und wenig isst und vor 15 Jahren aufgehört hat zu rauchen.

Hilik Magnus lebt mit seiner Frau abgeschieden in einem selbstgebauten Holzhaus in der 150 Einwohner zählenden Ortschaft Dekel. Sieben Zeitzonen hängen an der Wand seines Arbeitszimmers. In seiner Freizeit erntet er Oliven, bald möchte er Avocados anbauen. Hilik Magnus’ Haus liegt zehn Kilometer entfernt vom Gazastreifen und von der von IS-Truppen belagerten Halbinsel Sinai. Nicht unbedingt ein entspannter Ort, aber einer, in dem ein Mann wie er zur Ruhe kommt. 

Die Entspannung dauert nur bis zum nächsten Anruf. Dann, wenn wieder jemand bittet, Hilik möge das verlorene Kind nach Hause bringen, koste es, was es wolle. Damit endet für den Ex-Soldaten im schlimmsten Fall die grosse Reise. Aber im besten Fall beginnt sie an einem Nachmittag im Geschäft des Reiseausstatters Lametayel im Dizengoff-Center in Tel Aviv. Mehrmals im Monat werden hier Info-Nachmittage für Interessierte organisiert. Heute ist Südamerika an der Reihe.

In der Reiseführerabteilung sind ein paar Campingstühle aufgestellt, rund 25 Anfang-20-Jährige sitzen im Raum. Brav wie Schulkinder schreiben sie die Ratschläge des Vortragenden mit: nachts immer mit dem Taxi fahren, maximal 30 Dollar am Körper mit sich tragen, alles Wichtige in den Safe sperren. «Befolgt einfache Regeln, und ihr werdet eine gute Reise haben», sagt der langhaarige Mann.

Ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren fragt: «Brauche ich für Bolivien seit dem letztem Krieg ein Visum?» «Ja, aber das beruhigt sich in ein paar Monaten vielleicht wieder», antwortet der Mann. Shir und Talua, beide 21 Jahre alt, notieren sich auch dies. Das Paar möchte gemeinsam verreisen, wenn Shir seinen Militärdienst abgeschlossen hat. Vielleicht nach Südamerika, vielleicht nach Neuseeland oder Südostasien.

Indien schlössen sie aus, weil «manche nicht mehr gesund nach Hause kommen», sagt Shir. Von einem weissbärtigen Mann namens Hilik Magnus, der die härtesten Fälle zurückholen muss, haben sie noch nie gehört. Auch die Informationsbroschüre, die seit 2011 in Israels Impfzentren aufliegt und Auskunft darüber gibt, ob der Reisepartner durchgeknallt ist, kennen sie nicht. «Schläft er nicht? Verwahrlost er?» sind Fragen, die darin stehen. Die beiden lächeln verlegen, als man ihnen davon erzählt. Sie glauben nicht, dass sie so eine Checkliste brauchen werden. Aber das haben schon andere vor ihnen gedacht.