"Wir sind ein Exot"

DIE ZEIT Österreich, 3. Juni 2015

Er könnte ein Großstadtbohemien sein. Doch der Modeschöpfer Bernd Mühlmann schneidert in einem abgelegenen Osttiroler Bergtal. Ein Designerleben voller Widersprüche
 

ZUM ZEITUNGSARTIKEL 

 

Der Modeschöpfer mag es puristisch. Er trinkt den Kaffee schwarz und ohne Zucker, er raucht eine Zigarette dazu. Vor ihm am Bildschirm flimmern neue Jackenschnitte, geradlinig und immer zuerst farblos. »Die Farbe kommt oft erst kurz vor der Produktion dazu«, sagt er. Auf der hellgelben Styroporwand hinter ihm hängen Ausschnitte aus Modemagazinen, so lange, bis sie ihn inspirieren oder langweilen. Es gab Zeiten, in denen Bernd Mühlmann neongelbe Netzshirts trug wie Duran Duran. Heute hat er einen melierten, royalblauen Baumwollpullover angezogen, grob gestrickt, dazu eine anthrazitfarbene Organic-Jeans, die aus der eigenen Kollektion stammt. Eine Schiebermütze sitzt auf dem kurz geschnittenen Haar.

Ein typisches Mühlmann-Stück ist die körpernah geschnittene Jacke mit poliertem Metallreißverschluss, verschließbaren Taschen und einer mit Alcantara besetzten Kapuze. Man würde den Arbeitsplatz, an dem solche Stücke entstehen, an vielen Orten vermuten, in den Modemetropolen der Welt, in Wien zumindest, vielleicht noch in Graz oder Innsbruck. Doch wenn der Designer aus dem Fenster seines Ateliers blickt, sieht er kein Großstadtpanorama. Er blickt in ein Tal: steil absinkende Berghänge und jahrhundertealte Bauernhöfe in schwerem, dunklem Holz. Im seinem Studio pulsiert Elektromusik, draußen plätschert der Winkeltalbach.

Hier in Außervillgraten ist Bernd Mühlmann 1974 geboren und aufgewachsen. Auf 1200 Meter Seehöhe ist das Klima rau, der Winter lang. Das Villgratental liegt in einem Seitental des Osttiroler Pustertals – nur wenige Gegenden Österreichs sind abgelegener und weiter weg von allem.

»Kommen sie zu uns, wir haben nichts«, sagte ein Villgrater Bergführer einst einem Reporter der ZEIT, und prompt wurde der Satz zum Werbespruch der lokalen Touristiker. Er stimmt noch immer: Es gibt keinen Skilift und kein Quartier mit mehr als 50 Betten. Straßennamen braucht es nicht, eine Nummer reicht als Adresse aus, »Mühlmann – handmade in the alps«, Außervillgraten 191.

Im zweiten Stock entwirft Bernd Mühlmann seine Kreationen, geschneidert werden sie von zwölf Mitarbeitern ein Stockwerk tiefer. Er ist einer der letzten Designer, die in Österreich zeichnen und produzieren. »Wir sind ein Exot«, sagt er. Ein erfolgreicher Exot: Mit dem Label, das seinen Nachnamen trägt, erwirtschaftet er eine Million Euro Umsatz im Jahr und hat es bis zur Berliner Fashion-Week geschafft.

Im Jahr 1964 begann der Vater als Maßschneider, gründete einen Konfektionsbetrieb, der für andere Marken in Lohnarbeit nähte und einer der größten Arbeitgeber im Tal wurde. Doch ab Mitte der 1990er Jahre flüchteten die Auftraggeber mit ihren Bestellungen in Billiglohnländer. »Innerhalb eines Jahres war die Arbeit weg«, erzählt Bernd Mühlmann.

Bernd, der Zweitgeborene, kehrte damals gerade nach drei Jahren an der Wiener Modeschule Michelbeuern ins Tal zurück. Zuvor hatte er, als einziges der vier Kinder, im Familienbetrieb eine Schneiderlehre absolviert. Schon damals kristallierte sich heraus, wie sehr sich die Vorstellungen zwischen Vater und Sohn unterschieden. Um den Betrieb zu erhalten, brauche es neue Ideen, bekniete Bernd seinen Vater. Aber der scheute Veränderungen, und deshalb weigerte sich der Junior, den Betrieb zu übernehmen.

Der Sohn verließ wieder das Tal, aber ging nur in die nächstgelegene größere Stadt. In Innsbruck wartete er, »bis der Vater anruft«, erzählt er und lacht. Ein paar Monate später läutete das Telefon, und er kehrte endgültig zurück, weil er sich für die Zukunft des Familienbetriebes und für die Menschen verantwortlich fühlte.

Gemeinsam strukturierten Vater und Sohn den Betrieb um und reduzierten die Angestelltenzahl auf 20 Schneiderinnen. Der Vater war der Ausführende, der Perfektionist, der Urvillgrater. Der Sohn tickt seit je anders. Er wollte nicht nur Aufträge erfüllen, sondern auch selbst kreativ sein.

Schon während der Lehrzeit schneiderte er für die kleinen Schwestern Kleider und für sich selbst Hemden sowie Skianzüge. Farben und Stoffe kombinierte er auf untraditionelle Weise. In den Anfangsjahren der Betriebsübernahme begann er in freien Stunden zu zeichnen. Es waren zögerliche Versuche, die er unter dem Label Celsius vertrieb. Den Kreationen den eigenen Namen zu verpassen, wagte er noch nicht. »Mit vielem davon war der Vater nicht einverstanden.« Oft habe er gefragt, warum das Sakko anders geschnitten sei, als man es im Tal kenne. »Er hat die Modeentwicklung nicht mitgekriegt, aber er hat mich machen lassen.«

Mühlmann senior starb 2007, im Jahr darauf gründete der Sohn das Label.

Bernd Mühlmanns Mode nennt sich non-seasonal – ein Design, das keine Jahreszeiten kennt. Seine Mode provoziert nicht, sie spricht seine Sprache: Sie nimmt sich zurück, versehen mit raffinierten Details, eine besondere Naht, ein ungewöhnlicher Schnitt. Er bevorzugt Erdtöne und die Materialien der Heimat: Wolle, Leinen, sein Liebling ist der Walkstoff. Beim Walken wird ein Stoff so verfilzt, dass die ursprüngliche Webbindung kaum erkennbar ist.

Zuerst die Pflichten, dann die Kreativität scheint das Motto von Bernd Mühlmann zu sein. Erst wenn alles Notwendige erledigt ist, die Gehälter bezahlt sind und das Finanzamt zufrieden ist, hat er den Kopf frei für das Zeichnen. »Man muss Kompromisse eingehen, sonst geht es nicht.«

Auch die Rückkehr ins Tal war ein Kompromiss. »Ich wäre gerne in der Stadt geblieben«, sagt er. Trotzdem zog er zurück in das Elternhaus in der sogenannten Kirchensiedlung, wo er alleine lebt. Heute bedeutet Villgraten für Bernd Mühlmann vor allem Ruhe. Es gebe nicht diesen Druck, Lösungen zu finden, wie in der Stadt, diesen ständige Vergleich mit anderen, wenn nichts Vergleichbares in der Nähe ist. Ein Luxus sei das, in einem schnelllebigen Business wie der Modebranche, in der sich in jeder Saison alles ändert.

Ungefragt erzählt Mühlmann dann, dass es in Villgraten alles gebe, was man im Alltag benötigt, zwei Supermärkte, eine Bank. Aber immer hier zu sein sei trotzdem mühsam. Die Kultur fehle, ein guter Kinofilm, eine Theatervorstellung, sagt er, während er mit dem schwarzen BMW durch das Winkeltal kurvt, versteckt im hintersten Eck Villgratens. Hier geht er in den wenigen freien Stunden laufen, durch Wiesen und Wälder, vorbei an Bauernhäusern und kleinen Holzhütten, in denen Stroh gelagert wird.

Immer wieder flüchtet Mühlmann aus der Enge, besucht Modemetropolen oder verbringt das Wo- chenende in Innsbruck. Ein wenig Kultur holt er sich selbst ins Tal. Auf einem Flügel aus den vierziger Jahren, den er im Atelier stehen hat, spielt er Werke des japanischen Musikers Ryuichi Sakamoto. Manchmal versinkt er stundenlang in den Klängen, aber immer erst nach der erledigten Arbeit, »kurz zwischendurch zu spielen wäre nicht im Sinne des Komponisten«.

Im Villgrater Dialekt, mit den charakteristischen dumpfen O, spricht er über seine Lieblingsdesigner: Kris Van Assche, der junge Belgier, von dem er hin und wieder ein Stück kauft. Oder die Großen, Dior und Saint Laurent, die ihren Stil gefunden haben und sich doch immer wieder neu definieren. Die eigene Ware verkauft er im Onlineshop, wenigen ausgewählten Läden und in seinen beiden Geschäften. Das eine steht in Außervillgraten, im Parterre unter der Produktion und dem Atelier. Der zweite Laden wird von seiner Schwester in der Innsbrucker Altstadt geführt.

Im Jahr 2011 schließlich der Höhepunkt des Designerlebens: Er stellt seine Stücke bei der Berliner Fashion-Week vor. Es hätte der Start einer großen internationalen Karriere sein können. Doch Mühlmann entscheidet sich gegen das Diktat der Modewelt und meidet fortan große Messen. Lieber bleibe er klein und überschaubar, »man ist sonst in dieser Maschinerie gefangen«. Von den meisten Schnitten werden nur 10 bis 15 Stück produziert.

Seine Kunden kommen aus der ganzen Welt. Vor Kurzem hat sich Heather Mills, die Exfrau von Paul McCartney, im Innsbrucker Geschäft einkleiden lassen. Und auch die ehemalige Tatort-Kommissarin Simone Thomalla trägt Mühlmann. Im Villgratental selbst hat er kaum Absatz, für viele ist er »der mit di Dirndlan«, obwohl er noch nie welche entworfen hat.

Wenn Bernd Mühlmann sein puristisch eingerichtetes Atelier verlässt, verwandelt er sich vom weltgewandten Modedesigner zum Osttiroler Dorfbewohner, der jeden mit einem Lächeln grüßt. Er will dazugehören. Hört er Jugendliche in der Dorfbar rassistische Aussagen poltern, beschäftigt ihn das lange. Er belehrt sie nicht und fängt keinen Streit an, er fragt nur, ob sie nicht toleranter sein könnten.

In großen Städten ertappt er sich dabei, wie er Menschen mit ausgefallener Kleidung hinterher- blickt, sich ihren Stil einprägt, fast studiert. Villgraten muss im Vergleich dazu eine Erholung für die Augen sein. Die Mode der ländlichen Bevölkerung kritisiert der Designer nicht, wie er auch die Leute hier nie kritisieren würde. Ihnen gefielen halt traditionelle Farbkombinationen, und sie kauften gerne in Discountläden ein. Einmal sei er in so ein Geschäft gegangen. Sofort fing er an, die Kleiderbügel zu ordnen. »Alles war so ungleichmäßig, so überladen. Da dachte ich: Besser ich gehe wieder.« Die Kleidung im Tal sei eben das Gegenteil von dem, was er mache.

 

Foto: Martin Mischkulnig