Helfer, die Hilfe brauchen

DIE ZEIT Österreich, 31. März 2016

Tausende Freiwillige springen seit vergangenem Sommer in der Flüchtlingsbetreuung ein, wo der Staat versagt. In die Euphorie, gebraucht zu werden, mischen sich nun Zweifel – auch an sich selbst 
 

ZUM ZEITUNGSARTIKEL 

 

Im Keller des Flüchtlingsheims in der Siemensstraße in Wien, 21. Bezirk, kniet eine erkältete junge Frau. Bianca Lackner, blauschimmriger Lidschatten und abperlender Lidschatten in ebendieser Farbe, sucht in Spenderboxen nach Acrylfarben. In den Osterferien will die 29-jährige Wienerin mit den Kindern basteln, die in den ehemaligen Büroräumen von Siemens leben. Will den Syrern, Afghanen, Irakern die Bedeutung des Festes erklären.

Lackner ist mindestens dreimal die Woche da, zum Plaudern, zum Blödeln, um Spenden zu sortieren. Als eine Angestellte des Arbeiter-Samariter-Bunds, der das Heim betreibt, sie bittet, eine Gruppe von Flüchtlingen nach Schönbrunn zu begleiten, sagt sie sofort zu: »Sagt mir nur, wann.« Seit September arbeitet Lackner als Flüchtlingshelferin. Ehrenamtlich. Zeitlich geht es sich aus, weil sie seit zweieinhalb Jahren arbeitslos ist. Nur: »Seit ein paar Monaten fühlt es sich nicht mehr so an.« Bianca Lackner hat, wie viele Freiwillige, in der Flüchtlingskrise eine neue Aufgabe gefunden.

Mit den Menschenströmen, die im vergangenen Sommer auch Österreich erreicht haben, entstand eine Welle der Hilfsbereitschaft. Tausende Freiwillige sind aktiv geworden auf den Bahnhöfen, an den Grenzen, in Notquartieren. Menschen, die Transporte erledigen, Deutsch unterrichten, mit dem Innenministerium telefonieren. Die Flüchtlinge zu Arztterminen begleiten oder sie gleich bei sich aufnehmen. Sie haben Vereine aus dem Boden gestampft, Eigeninitiativen gestartet, sind Aufrufen großer Organisationen gefolgt. Frauen wie Männer haben sich mobilisiert, Obdachlose, Blinde, Richter, Studenten. 

Damit hat die Zivilgesellschaft Aufgaben des Staates übernommen, aus einem Impuls heraus, einem Verantwortungsgefühl. Aber aus der Ausnahmesituation ist längst Alltag geworden und aus der Euphorie des Helfens oft Ernüchterung. Statt die Freiwilligen zu unterstützen, tritt die Politik mit Ideen wie der Umleitung von Spendengeldern in die Staatskassa auf. Es geht aber auch um das, was mit den Einzelnen in diesen Monaten geschehen ist: um Idealismus und Desillusionierung, um Selbstwahrnehmung und Selbstüberschätzung, um das Gebrauchtwerden und um Überforderung.

Montag, 18 Uhr in der Sport- und Funhalle Donaustadt. Junge Burschen aus Syrien, dem Irak, Palästina haben sich Fußballtrikots angezogen und laufen neben ein paar gleichaltrigen Österreichern einem Ball hinterher. Ein Foul, der Schiedsrichter pfeift. Er heißt Joe Schramml, ist Psychotherapeut. Der 59-jährige Rapid-Fan ist Initiator von Play together now, einem Verein, der über Fußball Integration ermöglichen will. Dreimal wöchentlich spielen, Kräfte messen, Deutsch üben: »Fußball hat eine therapeutische Wirkung, wenn auch nicht im klassischen Sinn«, sagt er. »Es braucht keine Sprache, die Regeln sind überall dieselben.«

Es war im letzten Spätsommer, als Schramml aus dem Urlaub nach Wien zurückkam und mitten in der Flüchtlingskrise landete. Monate zuvor hatte er für eine Jugendgruppe Hallen zum Fußball- spielen gemietet, spontan holte er nun Flüchtlinge dazu. »Das positive Feedback, das wir am Anfang bekamen, war überwältigend.«

Die Bestätigung von außen pusht jeden Freiwilligen. »Bei der Ehrenamtlichkeit geht es auch um Selbstaufwertung«, sagt Dominique Schnötzinger. Auch er sei nicht gefeit davor gewesen, gesteht der Psychologe. Er war beim Train of Hope, einem spontan organisierten Zusammenschluss von vielen Hunderten von Freiwilligen am Wiener Hauptbahnhof, für die Vermisstensuche zuständig. Und er war stolz, als die Initiative im Dezember den Menschenrechtspreis erhielt: »Eine Rückmeldung und eine Bestätigung zu wollen, das ist urmenschlich.« Allerdings sei Selbstdarstellung oft nicht fern, sagt er. Menschen, die vor Flüchtlingsbooten Selfies machen, die stolz darauf sind, dass sie 24 Stunden nicht mehr geschlafen haben.

»Hätte mir jemand vor fünf Jahren gesagt, dass ich je so tief eintauche, ich hätte ihn ausgelacht«, sagt Bianca Lackner. Die Helfergeschichte der früheren Biologiestudentin, die mit der Schwanger- schaft das Studium abbrach, in Büros jobbte und derzeit arbeitslos ist, gleicht vielen anderen: Auf Facebook sieht sie den Aufruf, am Wiener Hauptbahnhof zu helfen. Ihre neunjährige Tochter ist gerade in der Schule, spontan fährt sie zum Bahnhof.

Schon am nächsten Tag übernimmt Lackner die Teamleitung des Vorratslagers. Rekordwoche: 80 Stunden. Der Regelfall: 16 Stunden am Stück. Einmal ist sie doppelt so lange da, als um halb zwölf Uhr nachts fünf syrische Familien vor ihr stehen und eingekleidet werden müssen, aber niemand außer ihr sich im Lager auskennt. Ihre Tochter ist in dieser Zeit beim Vater oder bei der Großmutter, die beide das Engagement unterstützen. Die Sätze, die Lackner damals am häufigsten sagt, sind: »Hast du ...?« und »Bringst du mir ...?« Es ist wie im Rausch: Sie schleppt Kisten, rennt viele Kilometer, führt in den drei Monaten am Bahnhof kein Privatleben mehr. Nimmt vier Kilo ab.

»Gegen Jahresende ist bei vielen eine Übermüdung eingetreten«, sagt Psychologe Schnöt- zinger. Dazu sei die Stimmung gegenüber Flüchtlingen – auch nach der Kölner Silvesternacht – gekippt. »Und manche sind naiv in die Freiwilligenarbeit gegangen.« Groß sei die Gefahr, zu viel zu machen, weil viel zu tun ist.

Heraus kommen Helfer, die am Ende selbst Hilfe brauchen. Die überreizt sind, die man zwingen muss, für ein paar Stunden Pause zu machen. Schnötzinger erinnert sich an den Fall einer jungen Freiwilligen am Bahnhof, »die nicht mehr sozial interagieren konnte und aufhören musste«.

Momente der Überforderung: Klar habe es die gegeben, sagt auch Bianca Lackner. »Mehr als einmal.« Aber: »Niemand von uns spricht gerne darüber.« Weil sich für jedes Problem eine Lösung fand, irgendwie. Der Train of Hope, sagt sie, war Hektik, Chaos und eine große Familie, frei von hierarchischen Strukturen.

Wie viel Verklärung entsteht in der Ausnahmesituation des Notstandes? Mitte Dezember wurde die Arbeit am Bahnhof eingestellt, weil sich die Flüchtlingsrouten geändert haben. Bis dahin hat Bianca Lackner mehr als einmal überlegt aufzuhören. Aber was wäre dann pas- siert? »Ohne die Freiwilligen wäre die Flüchtlingshilfe zusammengebrochen.« 

Das Selbstbild der Unabkömmlichkeit erhält aber Gegenwind. Einerseits habe es sie selbstbewusster gemacht, das alles zu schaffen, sagt Lackner. In der Krise der Flüchtlinge hat sie für sich wieder eine berufliche Richtung, eine mit Sinn gefunden. Nun möchte sie daraus eine Arbeit machen, möchte eine Ausbildung an der Akademie der Zivilgesellschaft starten, möchte ihre Erfahrungen der letzten Monate in diesem Bereich weiter nutzen. Aber der Staat kommt dem nicht entgegen. Gerade sitzt ihr das Arbeitsmarktservice im Nacken, schlägt ihr Jobangebote vor, in Call- centern und anderen Branchen.

Der Frust über das offizielle Österreich ist groß. Schnell hatten Politiker die Freiwilligen entdeckt. Spitzenkandidaten schauten vor den Wien-Wahlen am Bahnhof vorbei, ließen sich fotografieren, waren wieder weg. Auf eine Aussage des Vizekanzlers Reinhold Mitterlehner im Oktober antwortete Train of Hope auf Facebook: »Wir wurden entgegen der Behauptung von Dr. Mitterlehner nicht von der Politik mobilisiert: wir stellten ein Politikversagen fest und mobilisierten uns daraufhin selbstständig, um die Erstversorgung von Schutzsuchenden zu gewährleisten.«

Während sich die Politik das zivilgesellschaftliche Engagement einverleiben will, sagen viele Freiwillige, sie seien auch bei großen Organisationen auf Zurückhaltung, fast Ablehnung gestoßen. Bei der Zusammenarbeit zwischen professionellen Hilfsorganisationen und mitunter übermotivierten Helfern entstehen Reibungen.

Für das Gefühl, in Eigeninitiative agieren zu müssen, wo Staat und Organisationen scheinbar versagen, überschreiten manche nicht nur Staats- grenzen, sondern auch die der Legalität. Die Phase der großen Ausnahmesituation, der Menschen- ströme vor und in Österreich ist – zumindest vorerst – vorbei. Derzeit spielen sich die Dramen erneut in größerer Entfernung ab, an der griechisch-mazedonischen Grenze, in der Türkei, auf dem ganzen Balkan. Mit den Brennpunkten haben sich auch viele Helfer bewegt. »Einmal angefangen, kann man nicht mehr anders«, sagt Andrea Schwaiger.

Die hagere 39-Jährige mit den kurz geschnittenen Haaren ist seit letztem Sommer immer wieder entlang der Balkanroute unterwegs. Nach Traiskirchen war die gebürtige Tirolerin in Budapest, ihr erster Auslandseinsatz, dann in Röszke, Ungarn. Weiter ins Transitlager Opatovac, Kroatien, vollgepackt mit Sachspenden, der Horizont ein Zaun, »zum ersten Mal habe ich Tausende von Flüchtlingen erlebt«. In Rigonce, Dobova und Brežice, Slowenien, versorgte die gelernte Krankenschwester medizinische Notfälle. Dazwischen »zwei, drei Stunden Schlaf, die einem fast ein schlechtes Gewissen machen«. Auch Schwaiger klagt über die Ohnmacht gegenüber den großen NGOs, die »zu bürokratisch sind, zu langatmig, die man fast anbetteln muss, um helfen zu dürfen«. 

Also hat sie die Dinge selbst in die Hand genommen. Dazu gehören auch eine Überfahrt, die Schwaiger aus Ungarn nach Österreich organisierte, als im vergangenen September Tausende Flüchtlinge im Nachbarland festsaßen. Sie bezahlte den Fahrer für eine Familie, die sie nie selbst gesehen hat, »aber es war so schön, als ich ein Foto gekriegt habe, wie die Kinder in frisch bezogenen Betten schliefen«. Ein beglückendes Gefühl – und eine rechtliche Grauzone: Schwai- ger kommentiert das nicht, sie lächelt nur.

Joe Schramml, der Leiter der Wiener Fußballinitiative für Flüchtlinge, erinnert sich zwar gern an Momente wie in der Vorweihnachtszeit, als er zu Hause Pakete mit Gutscheinen und selbst ge- strickten Mützen verpackt hat. Aber wie lange sind die Wertschätzung von außen und das gute Gefühl zu helfen Motivation genug? Für ihre Initiativen werden die Freiwilligen einen langen Atem brauchen. Die Energie ist aber auch bei Schramml, mit Vollzeitjob und Familie, begrenzt. »Es nimmt eigentlich schon zu viele Stunden ein«, sagt er, schnappt sich die Schiedsrichterpfeife und geht zurück auf das Spielfeld. 

 

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