Hüter der Revolución

Punkt-Magazin, Schwerpunkt Staat (2016)

Vor 56 Jahren gründete Fidel Castro die Komitees zur Verteidigung der Revolution, kurz: CDR. Spätestens seit der Annäherung der USA drohen den kubanischen Patrioten aber die Gegner auszugehen. Welchen Nutzen hat die Organisation heute noch? 

 

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Im Haus mit der Nummer 120, in der Strasse Maestra Nicolasa im kubanischen Santa Clara, der Stadt, in der Ernesto Che Guevaras sterbliche Überreste begraben sind, steht die Revolution jeden Tag noch vor den ersten Sonnenstrahlen auf. Sie liegt hier in vier Frauenhänden, wird verteidigt und diskutiert zwischen Wäscheleinen und Telenovelas. Von der Mutter, Xiomara Macuràn Aguero, 63, strenger Blick, leicht geflochtener Zopf, und ihrer einzigen Tochter, Yalimi Silverio Macuràn, 39, runde Brille, krauses Haar.

An der Haustür aus abgenutztem Holz klebt ein Sticker: «Präsident des CDR, des Komitees zur Verteidigung der Revolution». Auf dem Fensterrollo ein weiterer Aufkleber: «Koordinator der Zone». Beide sind mit einem bewaffneten Männchen versehen, darüber steht: «aktive Wache». Xiomara, pensionierte Schneiderin, und Yalimi, Krankenschwester für Endoskopie, sind Koordinatorin und Präsidentin der CDR Nr. 6 Raúl Cepero Bonilla, Zone 2, Santa Clara. Das Revier der beiden ist ein Häuserblock, ihn zu verteidigen ihre Mission.

1960 gründete der Revolutionsführer Fidel Castro die CDR, die «Comités de Defensa de la Revolución», als lokale Bürgermilizen mit dem Ziel, das Land vor Anschlägen und Angriffen zu schützen, die damals von den USA gegen die junge Revolution in Kuba verübt wurden. Ihr Fokus liegt auf der Einheit des Viertels, «In jeder Strasse Revolution» lautet einer ihrer Kampfsprüche. «Eine Organisation gegründet für die Ewigkeit», verkündete Castro damals. Und tatsächlich wächst ihre Mitgliederzahl immer noch. Rund 8,5 Millionen Menschen gehören einer CDR an, 96 Prozent aller Kubaner.

Wäre Kuba ein Körper, wären die CDR seine Zellen. Knapp 136 000 gibt es im Land, zusammengeschlossen zu 17 450 Zonen arbeiten sie fleissig und beständig, um den sozialistischen Organismus am Leben zu erhalten. Keine andere Organisation ist auf der Karibikinsel derart präsent. Die CDR sind Ohren und Augen der Partei, Informations- und Sicherheitsnetz des kubanischen Staates. «Gegen die Kampagnen der imperialistischen Aggression werden wir ein System der revolutionären kollektiven Wachsamkeit implementieren, in dem jeder weiss, wer und was jemand macht, der in dem Block lebt», schrieb Castro im Gründungspapier. Für dieses Überwachungssystem wurde Kuba im Ausland oft kritisiert, mit dem Stasiwesen des befreundeten DDR-Regimes verglichen.

Kein politischer Anlass, an dem die Nach- barschaftsorganisationen in den letzten 56 Jahren nicht teilgenommen hätten. Überall auf Kuba sind ihre Botschaften verteilt: auf Häuserwänden, auf Brücken und Mauern, gemalt, auf Pappkarton oder Holz geschrieben. Doch wie bedeutsam sind die CDR in Zeiten, in denen der Feind kein Feind mehr ist und sich das System langsam aber sicher transformiert?

Obwohl sie überall auf Kuba zu finden sind, spürt man die Bedeutung der Nachbarschaftsorganisationen vor allem in den weniger aufregenden Städten. Beispielsweise in Santa Clara, der Heimat von Xiomara und Yalimi, Hauptstadt der Provinz Villa Clara. Ein Verkehrsknoten, Wirtschafts- und Agrarzentrum und ein Ort, in den sich trotz des Che- Mausoleums nur wenige Touristen verirren. Das Ur-Kuba sei hier noch zu finden, sagen viele. 234 CDR-Zonen gibt es in der Stadt, die jeweils mehrere Nachbarschaftsorganisationen umfassen. Ohne die, so die Anwohner, das gesellschaftliche Leben nicht denkbar wäre.

Als eingefleischte «Cederista», wie die Mitglieder der CDR genannt werden, lebt Xiomara Macuràn Aguero nach dem Prinzip «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser». Daher kennt sie die Sorgen und Ängste ihrer Nachbarn, sie macht sich frühmorgens und auch noch abends Gedanken darüber. Sie weiss, ob ein Jugendlicher Probleme in der Schule hat oder eine ältere Frau Schwierigkeiten, alleine einzukaufen. Rund 80 Menschen gehören ihrer CDR an, 18 Jahre lang war sie die erste Ansprechpartnerin, die Präsidentin der Organisation. Vor fünf Jahren wurde ihr ein weiterer Posten übertragen: Sie wurde zur Koordinatorin der Zone 2 von Santa Clara gewählt. Sieben CDR unterliegen seither ihrer Koordination. Sie nimmt ihre neue Aufgabe ernst, die Präsidentschaft hat sie an ihre Toch- ter abgegeben. 42 Prozent der CDR-Präsidenten sind wie Yalimi jünger als 40 Jahre.

In Zeiten des Umbruchs Zweifel an der Wichtigkeit der grössten Massenorganisation des Landes aufkommen zu lassen, könnte fatal sein. Es könnte den Niedergang des Systems bedeuten. Überschwänglich äusserte sich daher auch Staatsoberhaupt Raúl Castro im Jahr 2015, der Zeit der ersten Annäherung zwischen Kuba und den USA, über die Bedeutung der CDR an deren Gründungstag, dem 28. September. Als wolle man allen zeigen, dass die Revolution und ihr Verteidigungsorgan kein bisschen an Kraft verloren hätten. Auch ein Museum wurde den CDR gewidmet, in der Altstadt von Havanna wird ihrer Geschichte auf drei Stockwerken gehuldigt. Fidel Castro blickt dort von allen Seiten auf die Besucher herab, dazu sind Auszüge seiner Reden und die Baskenmütze zu sehen, die er auf einem CDR-Kongress trug. Aufgelistet sind auch die grössten politischen Erfolge der Vereinigung, zu der unter anderem die Befreiung politischer Gefangener in den USA zählt. 

Xiomara kennt alle wichtigen Daten auswendig, ihre Familie ebenso. Im Haus Nummer 120 leben drei Generationen zusammen: die Hausherrin und ihr Ehemann Modesto Silverio, 61, seit 18 Jahren aktiv in der Partei, die Tochter und der Schwiegersohn, zwei Enkelkinder, 18 der Junge und 12 das Mädchen. Beide wollen dereinst Medizin studieren, «dem kubanischen Volk dienen», sagt die Grossmutter und nickt zustimmend. Ein Tamarindenbaum steht im Garten, durch die offenen Fenster dringt warme Luft herein. Die Einrichtung ist spärlich, aber nirgendwo fehlt ein Sticker des CDR. Dazu ein paar wenige Bücher im Schrank. Xiomara liest nur revolutionstreue Autoren oder solche, die die Unabhängigkeit erkämpft haben.

Die Revolution, sagt sie, liege in ihren Genen. Ihre ganze Familie besteht aus Revolutionären, die Mutter eine Cederista, der Vater ein Kämpfer in der Schweinebucht, der Cousin war in Angola im Einsatz, der Grossvater im Unabhängigkeitskrieg. «Daher trage auch ich die Verantwortung für die Revolution in mir», sagt Xiomara. Sie hat viele Nächte Wache gehalten in ihrer Strasse, sie hat Blut gespendet, sie hat an jedem 28. September die fleischhaltige Suppe «Caldosa» gekocht, das nationale Gericht zur Gründung der CDR. Sie hat Häuser für Feiern dekoriert, Fahnen genäht und ist am 1. Mai Seite an Seite mit wichtigen Vertretern der Nachbarschaftsorganisation marschiert.

Die Schöpfung der CDR gilt als einer der genialsten Schachzüge Fidel Castros. Als Nichtregierungsorganisationen dennoch dem Dienst an der Regierung verschrieben, finanzieren sie sich durch ihre Mitgliederbeiträge und haben der Staatsführung viele Aufgaben abgenommen. Sie laufen von selbst, festigen seit vielen Jahren die Solidarität unter den Kubanern und auch die zum Staat. Wenn Eltern beispielsweise auf einen Schulverweis nicht reagieren, wird der Präsident des CDR angerufen. «Niemand fällt durch das System», sagt Xiomara. Ob er will oder nicht. Eine Mitgliedschaft zu verweigern ist auf Kuba zwar nicht strafbar, weckt jedoch Argwohn. Eine Verweigerung kann zur gesellschaftlichen Ausgrenzung führen, manchmal sogar zum Verlust der Arbeitsstelle.

«Solange die Revolution zu verteidigen ist, wird es die Nachbarschaftsorganisationen brauchen», sagt Xiomara auf einem klapprigen Stuhl sitzend. Heute nicht minder als früher. «Bis zum letzten Blutstropfen werden wir dafür einstehen», fügt ihre Tochter lachend hinzu. Eben ist sie nach Hause gekommen, die beiden Frauen besprechen anstehende Aufgaben. Alle Fäden laufen im Haus Nr. 120 zusammen. Neben den beiden gibt es fünf weitere Freiwillige im Organisationskomitee. Sie sind verantwortlich für die nächtliche Überwachung des Viertels, von 22 Uhr bis 5 Uhr morgens stehen jeweils zwei Personen Wache. Auch für das Einsammeln von Blutspenden, ein Überbleibsel aus den Tagen der Revolution, das Aufsammeln von Müll und die Organisation politischer Meetings sind sie zuständig.

Xiomaras und Yalimis absolute Unterstützung gilt der Partei, zuallererst Fidel, dann Raúl Castro. «Wir lieben Fidel», sagt die Mutter, ihre Stimme klingt auf einmal ganz sanft. Seinen Gesundheitszustand anzuzweifeln, käme in diesem Haus niemandem in den Sinn. «Es geht ihm sehr gut.» In diesem Sommer werden sie seinen 90. Geburtstag feiern, Xiomara plant bereits das Fest. An die Zeit, in der er nicht mehr sein wird, auch Raúl nicht mehr sein wird, will hier keiner denken. Am Abend erscheint Fidel in den Nachrichten, Ende des Parteikongresses, die Familie sitzt vor dem Bildschirm. Man sieht ihn nur noch selten, er trägt einen blauen Adidas-Pullover und hat Altersflecken im Gesicht.

Misstrauisch beobachtet man im Haus Nr. 120 die Veränderungen, die sich seit ein paar Jahren auf der Insel einschleichen. Nicht immer sind Tochter und Mutter einer Meinung. Die beiden kommen auf den Besuch des US-Präsidenten Barack Obama im März 2016 zu sprechen. «Er hat uns einen Dialog angeboten, das finde ich positiv», sagt die Tochter vorsichtig, denn sie weiss, dass ihr bald widersprochen wird. Schon erhebt sich die Mutter vom Stuhl. «Dummheiten» habe der amerikanische Präsident von sich gegeben. Ihre Stimme überschlägt sich. Lassen sich auch alle Kubaner von ihm einlullen, sie wird dem Feind von damals nie trauen, nie vergessen. «Sie haben uns die Pest an den Hals gewünscht, uns Plagen geschickt, wir wären fast verhungert», sagt sie. «Deshalb gibt es uns, die CDR.»

Während die Mutter ihre Tochter über Politik belehrt und zu Wachsamkeit rät, sitzt die 12-jährige Enkelin daneben. Aber sie hört nicht hin, hat weisse Stöpsel im Ohr und daddelt auf ihrem Handy, Reggaeton-Musik dringt leise hervor, während die Grossmutter sie ermahnt: «Gib dieses Ding heraus.» Die Enkelin zeigt sich unbeirrt. Sie ist noch nicht Mitglied des CDR, aber wird es bald werden. Ab dem 14. Lebensjahr treten die Kubaner der Vereinigung für gewöhnlich bei, vorher können sie als «Pioniere» in die Organisation hineinschnuppern. Nicht alle sind so bekannt für ihren Enthusiasmus und ihre Treue wie Xiomara und ihre Tochter. Andere sagen: «Ich bin zwar Mitglied im CDR, aber ich schenke der Organisation nicht viel Beachtung.» 

«Die CDR sind auf Kuba zum Symbol vergangener Zeiten geworden», sagt der ein paar Strassen entfernt lebende Schriftsteller Lorenzo Lunar. Wichtig seien sie vor allem in den ersten Jahren der Revolution gewesen. Heute seien sie Verwalter sozialer Aufgaben statt bewaffnete Verteidiger. Mit den Jahren sei ihnen der Feind abhandengekommen. Xiomara Macuràn Aguero kann sich eine Zeit ohne Feindbilder wohl nur schwer vorstellen. Selbst wenn es den alten Feind nicht mehr gäbe, die Gefahr, sagt sie, kann überall lauern. Auch wenn sie noch so unscheinbar wirkt. Heute, weiss sie, muss Kuba mit anderen Angriffen rechnen. Auch diesen wird sie sich mit Eifer stellen.

Dienstag, 19. April: Kuba feiert wie jedes Jahr den Sieg in der Schweinebucht 1961, als kubanische Exilanten unter US-amerikanischer Organisation versuchten, die Revolutionsregierung zu stürzen. Ein freudiger Tag im Haus Nr. 120. «Ein Datum, das wir hochhalten», sagt Xiomara. Dienstag ist auch der Tag der Schädlingsbekämpfung in ihrem Viertel. Kammerjäger in grün gehen durch die Strassen. Mit ihren Begasungsgeräten, die sie wie Waffen in der Hand halten, erinnern sie an die Geisterjäger Ghostbusters. Sie klopfen auch an Xiomaras Tür und werden her- eingebeten. Der neue kubanische Staatsfeind Nr. 1 ist der Moskito. Genauer: Die Aedes-Aegypti-Mücke, die Krankheiten wie Dengue, Gelbfieber und zuletzt das noch gefährlichere Zikavirus überträgt.

Xiomara und ihre Tochter haben vorab Flugblätter verteilen lassen, die vom Umgang mit der neuen Bedrohung handeln. Die Sprache klingt nach Kampf. «Wir befinden uns in einer Zeit, in der neue Gefahren auftauchen, die die nationale Sicherheit und Gesundheit gefährden. Diese Schlacht können wir gewinnen, wenn wir uns aktiv und bewusst alle dafür einsetzen.» Mit allen Mitteln will Xiomara verhindern, dass der Feind ihr Haus, ihren Häuserblock belagert. Sie sieht sich verantwortlich für die Gesundheit ihrer Schützlinge: Familie, Freunde, Nachbarn. «Nein zum Moskito!», steht auf den Flugblättern, die ihre Tochter fleissig verteilt. Die beiden sind sich sicher: Auch diese Schlacht werden die CDR für sich entscheiden.