Diese Liebe wird nicht halten

Der Falter, Ausgabe 25/2017

Ein Argentinier kommt nach Tirol, dort stiehlt er ein Herz und jede Menge Bargeld und kommt ins Gefängnis. Die unwahrscheinliche Liebesgeschichte von Humberto und Nicole

 

ZUM ZEITUNGSARTIKEL 

 
Du fragst, ob wir uns Briefe geschrieben haben?“ Nicole, vor der sich fünf dicke Mappen stapeln, Liebesbeweise, abgeheftet in Klarsichthülle und Humberto, der die Briefmarken und das Papier dafür im Gefängnisgeschäft gekauft hat, lächeln müde. „Mein Leben, meine Königin, meine geliebte Frau“ steht in einem Brief auf Spanisch, bemalt mit Blumen und Herzen. „Ich lege mein Sein in deine Hände, ich lebe für dich“ in einem anderen. Und: „Wie ich dich vermisse. Vergib mir.“

Jahre nach dem Briefeschreiben, an einem Freitagabend, in einem Innsbrucker Wirtshaus, sitzt Humberto, 35, schwarzes Haar, Sommersprossen im Gesicht, dicht neben seiner Frau Nicole, 34, schwarzes Haar, die Haut blasser. Sie bestellen beide: Pressknödelsuppe als Vorspeise und Wiener Schnitzel als Hauptspeise, Humberto ohne Preiselbeermarmelade. Dazwischen schauen sie einander an, verlegen, schüchtern fast. Unersättlich verliebt.

Noch 18 Tage. 18 Mal einschlafen in Österreich, fast jede Nacht davon alleine – Humberto in seiner Zelle, Nicole in ihrer Wohnung. Bald schon wird es anders sein, bald ist alles überstanden. Die Geschichte von Humberto und Nicole könnte Stoff vieler Filme sein: eine Liebe, die hält, zwischen einem Mann, der zum Verbrecher wird, und einer Frau, die bei ihm bleiben will.

Was er in den vergangenen sechs Jahren erlebt hat, sagt Humberto, könne Nicole sich nicht vorstellen. Ebenso wenig, wie er weiß, was sie draußen hat durchstehen müssen, vor den Gefängnismauern. Das Schwierigste: nicht bei ihr sein zu können, Geburtstage zu verpassen, Nicoles Abschluss an der Universität. Das Quälendste: am Anfang nicht zu wissen, wie es Humberto geht. Ihn nicht anrufen zu können, wenn sie ihn dringend gebraucht hätte. Daher soll ihre Geschichte abwechselnd erzählt werden, aus beiden Perspektiven.

Humberto ist 15 Jahre alt, als sich seine Eltern trennen, der Vater auszieht, die älteren Geschwister zu ihren Partnern ziehen, und er, der Jüngste, lebt fortan mit seiner Mutter am Stadtrand von Buenos Aires, 13 Millionen Einwohner. Tagsüber arbeitet er bei einem Autolackierer, abends geht er in die Schule. Er macht die Matura, fährt als Kurier mit dem Motorrad durch die Stadt. Er führt ein einfaches Leben, spielt und schaut Fußball, wann immer er kann.

2003 lernt er auf der Straße eine junge Studentin aus Österreich kennen. Sie werden ein Paar, zwei Jahre später fährt er auf Besuch in ihre Heimatstadt Innsbruck. Im März darauf ziehen sie ganz nach Tirol und heiraten, damit Humberto bleiben darf. Im August beginnt er zu arbeiten, in einer spanischen Bar im Zentrum der Stadt. Im Oktober beginnt eine neue Kollegin: Nicole. „Mit einem Mal war alles anders.“

Nicole sieht aus, wie sich Humberto seine Traumfrau schon als Jugendlicher ausgemalt hat, wie er sich die Mutter seiner Kinder wünscht: dunkle Haare, schlank, Ausländerin. Außen zart und innen stark. Ihm wird klar, dass er in seiner Ehe nur halb glücklich ist. Er sucht Gründe, um Nicole zu sehen, versucht, in ihrer Nähe zu sein. Nach der Arbeit bleiben sie oft stundenlang sitzen und reden, trinken Wein. Als seine Frau immer eifersüchtiger wird, ist er längst verliebt.

2008 reicht Humberto die Scheidung ein, zieht in eine eigene Wohnung, mit ei- nem Fernseher und ein wenig Kleidung unterm Arm. Mit Nicole ist er befreundet, bis zum 5. Oktober 2009, als er sie morgens anruft und sagt: Lass uns nach Verona fahren. Verona sucht Humberto aus, weil es die nächstgrößere Stadt im Süden ist. Nicole sagt: Ja.

Nach diesem Wochenende dürfen von ihrer Liebe alle wissen, sie verbringen jeden Tag miteinander, jede freie Minute. Im Frühjahr lädt Humberto Nicole nach Paris ein, er weiß, dass es die Stadt der Liebe ist. Im September 2010 ziehen sie in eine Wohnung, drei Zimmer, und Humberto denkt: Zum ersten Mal liebe ich. Sie kaufen ein Auto, feiern Weihnachten, beginnen ein neues Jahr, das nur eines sein soll vom Rest des Lebens. Humberto, der Heimweh hat, spricht oft von Argentinien. Ende des Jahres, so ist der Plan, werden sie auswandern. Aber alles kommt anders.

16. März 2011: Es ist Nachmittag, als Humberto und Nicole vor einem Dönerimbiss in Innsbruck parken. Noch bevor sie aussteigen, erscheinen drei Autos vor ihnen, 15 maskierte Männer steigen aus. Zuerst denkt Nicole, sie werden überfallen. Mit der Zeit begreift sie, dass es Polizisten sind, die ihre Waffen auf Humberto richten. Sie legen ihm Handschellen an, drücken ihn auf den Boden, nennen ihren Freund einen „großen Fisch“. Die Polizisten reden auf Nicole ein: „Du weißt doch alles, erzähl schon.“ Aber sie sagt immer wieder, sie wisse nichts. Sie fahren mit ihr nach Hause und kontrollieren die Wohnung.

Nicole, in Innsbruck aufgewachsen als jüngere von zwei Töchtern, behütet, ist unter Schock. Am Abend ein Anruf aus dem Gefängnis, es ist Humberto. Sie ruft ihren Vater an, der seinen alten Freund kontaktiert, einen Anwalt. Was Humberto vorgeworfen wird, liegt mehr als ein Jahr zurück: Bankraub. Bewaffnet. Zweimal. Am 25. Mai 2009 soll er gemeinsam mit einem Landsmann eine Raiffeisenfiliale in Innsbruck überfallen haben. Am 25. Februar 2010 zu dritt eine weitere in der Nähe der Stadt.

Anfangs verweigert Humberto die Aus- sage, sein Komplize – dessen Exfreundin die Polizei auf die Fährte gebracht hat – sagt, er habe die Banken alleine ausgeraubt. Als Polizisten eine Schreckschusspistole in Humbertos Wohnung finden, gibt er zu, dabei gewesen zu sein. Das erste Mal sind sie mit Motorrädern unterwegs, das zweite Mal flüchten sie mit einem Auto. Das erste Mal haben sie Kapuzen über das Gesicht gezogen, das zweite Mal tragen sie Perücken. Sie haben Plastiktaschen bei sich, in die die Angestellten das Geld packen. Insgesamt erbeuten sie 250.000 Euro.

Warum er das gemacht hat? „Ich habe immer gearbeitet, aber das Geld hat für vieles nicht gereicht“, sagt er heute. Leute zu bestehlen oder zu verletzen sei nicht infrage gekommen – aber Banken zu berauben, das fand er weniger schlimm.

Humberto kommt ins Gefängnis nach Völs. Nach zwei Wochen in Anstaltskleidung darf Nicole ihm eigene Sachen schicken: ein Paar Schuhe, sieben Paar Socken, sieben Unterhosen, sechs Shirts, zwei Pullover, eine Jacke, eine Jogging- und eine Jeanshose. Fünf Geräte darf er mitnehmen: einen Kaffeekocher, eine Fernbedienung, eine Tischlampe, einen CD-Player, eine Haarschneidemaschine. Dazu CDs: Bob Marley, Eros Ramazzotti, Michael Jackson. Eine Stunde darf er jeden Tag in den Hof, sonst ist er in der Zelle. Zuerst teilt er sie mit drei Männern, dann lebt er zu zweit, später alleine. 

Zu Beginn darf Nicole Humberto einmal wöchentlich sehen: durch ein Fenster für eine halbe Stunde. Später darf sie ihn dienstags und donnerstags besuchen, wenn der Wächter gnädig ist, eine Dreiviertelstunde lang. Einmal in der Woche telefonieren sie, dazwischen schreiben sie einander Briefe. Jeden Tag läuft Nicole zum Briefkasten, an manchen Tagen ist er leer, an anderen gefüllt mit vier Kuverts. Immer kommen die Briefe geöffnet an, weil sie eine Übersetzerin zuvor liest.

Kaum jemand glaubt, dass Nicole bei Humberto bleiben wird, Freunde und Familie machen sich Sorgen, aber halten zu ihr. In dem Betrieb, in dem er angestellt war und sie noch arbeitet, verstummen manche Gäste, sobald sie sich nähert. Arbeitskollegen tuscheln. „Es war mir egal, ich habe für uns gekämpft“, sagt Nicole. Für den einzigen Mann, dem sie je gesagt hat, dass sie ihn liebe.

Gerade erst hat sie begonnen, das Glück zu genießen, von dem sie träumt, seitdem sie Humberto zum ersten Mal sah. An einem Sommerabend 2006 geht Nicole, Studentin der Translationswissenschaft an der Universität Innsbruck, mit ihren Freundinnen in Humbertos Bar, er bedient sie. Nachher schwärmt Nicole: „Dieser Mann.“ Kurz vorher hat sie sich für einen Kellnerjob in dem Restaurant beworben, das an die Bar angeschlossen ist.

Sie ist enttäuscht, als sie erfährt, dass Humberto verheiratet ist. Die Information ist in ihrem Kopf, nur will sie nicht bis ins Herz vordringen. Dann trennt sich Humberto, sie fahren nach Verona und Nicole denkt an Romeo und Julia. Als sie das erste Mal mit ihm nach Argentinien fährt, ist es, wie ihr Humberto zuvor gesagt hat: Die Erdbeeren dort schmecken süßer, die Äpfel sind saftiger. Nicole, die immer wegziehen wollte aus Österreich, kann es nicht erwarten, in Argentinien zu leben.

Also durchhalten. Der Anwalt spricht zuerst von fünf Jahren Haft, dann von acht, schließlich sagt er den beiden: „Es könnten bis zu 15 Jahre werden.“ Weil er das Interesse verliert, als sich herausstellt, dass sein Mandant schuldig ist, studiert Nicole selbst das österreichische Strafgesetzbuch. Sie liest sich die 100-seitige Anklageschrift durch, wieder und wieder, sucht nach einer Lösung. Am 5. Dezember 2011 gibt es zwei Schuldsprüche. Humberto kriegt neun Jahre, sein Komplize elf. Von der dritten Person fehlt jede Spur.

Sieben monate nach der Verhaftung darf sie ihn zum ersten Mal besuchen. Humberto sagt Nicole, dass sie nicht auf ihn warten solle, dass er möchte, dass sie frei sei. Sie lächelt und sagt: „Wir stehen das durch.“ Die beiden umarmen einander, eineinhalb Stun- den lang. Dazwischen fragt er sie: Willst du mich heiraten? Nicole sagt ja. Auf ihren linken Oberarm lässt sie sich in verschnörkelter Schrift tätowieren: Humberto.

Als Humberto nach 14 Monaten verlegt werden soll, wünscht sich Humberto das Gefängnis in Stein. Es ist 450 Kilometer entfernt, aber hat die beste Zugverbindung nach Innsbruck. Nicole legt die Arbeit im Restaurant so, dass sie am Besuchstag frei hat. Jeden Montag fährt sie um 5.40 Uhr los, kommt gegen 20 Uhr zu Hause an, zehn Stunden Zugfahrt, um anfangs eine halbe Stunde mit Humberto zu sein, spä- ter vier Stunden lang. Den nächsten Tag nimmt sie zum Ausruhen frei.

Stein ist die größte Strafvollzugsanstalt Österreichs, rund 800 Männer aus aller Welt leben hier: Russen, Nigerianer, Ös- terreicher, Inder, Ägypter, Mazedonier. Das ehemalige Kloster gleicht einer kleinen Stadt, mit Fußball- und Basketballplätzen. Es geht Humberto hier besser als in Völs, es gibt ein Fixtelefon, von dem er Nicole von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends anrufen kann. Über den Gefängniskatalog kauft er sich einen Kühlschrank.

In Stein beginnt Humberto zu arbeiten, von Montag bis Freitag serviert er dem Gefängnispersonal Essen, für 2,78 Euro die Stunde – die Hälfte wird auf ein Konto einbezahlt, die andere braucht er im Gefäng- nis. Stundenlang hätte er hier Zeit zu reden, Freundschaften zu schließen, er schweigt aber oft tagelang. Er lernt, lieber nicht über Religion zu sprechen. Wenige bekommen so oft Besuch wie er. Viele sitzen lebenslang, manche, weil sie ihre Frau umgebracht haben.

Humberto denkt, was für ein Glück er hat mit seiner Kämpferin. Auf seinem linken Unterarm steht, schon leicht verblasst: Nicole. Ein Insasse hat es ihm im Gefängnis gestochen. Alle sechs Wochen darf das Paar für ein paar Stunden alleine sein, in einem eigens dafür vorgesehenen Appartement. „Familienbesuch“ im Gefängnisjar- gon. Der erste wird ihnen im Oktober 2012 gestattet, da ist Humberto seit eineinhalb Jahren in Haft.

Am 2. oktober 2013 heiraten die beiden. Humberto wird mit einem Bus vom Gefängnis zum Standesamt gebracht, er trägt eine helle Jeans und ein Hemd. Ein Sozialarbeiter hat ihm einen Lilienstrauß besorgt, dazu hält er eine rote Rose in der Hand, als Nicole kurz vor 7.30 Uhr im braunen Kleid erscheint. Am Vortag ist sie angereist, mit ihren Eltern und den Trauzeugen, zwei ehemaligen Arbeitskollegen aus der Bar in Innsbruck.

Nach 45 Minuten sind Humberto und Nicole ein Ehepaar, tragen fortan den gleichen Nachnamen. Mit vier Hochzeitsgästen und dem Sozialarbeiter trinken sie Kaffee in einer nahegelegenen Bar. Von 9.30 bis 14.30 wird ihnen ein Familienbesuch gewährt, ihre Hochzeitsnacht. Dann fährt Nicole nach Hause, Humberto wird in seine Zelle gebracht. In den kommenden zwei Jahren wird Humberto zweimal versetzt, einmal auf einen Bauernhof für Strafgefangene in Mautern, dann ins Freigängerhaus von Krems. Er arbeitet auf dem Friedhof der Stadt, bekommt mehr Freiheiten, und trotzdem wird das Absitzen der Strafe schwerer, weil er ungeduldiger wird, und sich nach Nicole sehnt.

Zum ersten Mal darf er im Juni 2015 im Ausgang nach Hause kommen. Als er sein Zuhause betritt, findet er alles so vor, wie er es hinterlassen hat. Das Wasserglas, das er am Tag seiner Verhaftung nicht mehr austrinken konnte, es steht unverändert auf seinem Nachtkästchen. Seit mehr als vier Jahren.

Während der ersten gemeinsamen Nacht kann Nicole nicht schlafen. Immer wieder tippt sie Humberto an, um sicherzustellen, dass sie nicht träumt. Hatte sie nie Zweifel, ob er all die Mühe wert ist, ob sie durchhalten soll für diese Liebe? „Nie habe ich mich gefragt, ob es sich lohnt zu kämpfen. Ich habe es getan, weil es nicht anders ging.“

So vergehen die Monate, die Jahre, und es wird 2017, ein Jahr, das es gut mit ihnen meint. Am 2. Jänner erfährt Nicole, dass sie schwanger ist, im September soll ihr erstes Baby zur Welt kommen. Anfang Februar folgt eine Information gemäß §46 des österreichischen Strafgesetzbuches: Bedingte Entlassung aus einer Haftstrafe. Voraussichtliche Entlassung: 16. März 2017.

Nach sechs Jahren bekommt Humberto seine Freiheit zurück. Als straftätiger Ausländer hat er Aufenthaltsverbot im Schengen-Raum, lebenslang. Noch am selben Tag brechen Humberto und Nicole auf: 30 Kubikmeter Leben werden von Hamburg nach Buenos Aires überschifft.

Sechs Jahre nachdem sie den Plan geschmiedet haben, wandern Humberto und Nicole aus. Um 15 Uhr sitzen sie in einer Maschine der Air France, fliegen über Paris nach Buenos Aires. Sie erreichen ihr Zuhause am nächsten Morgen. Keine Turbulenzen auf dem Flug.