Jäger und Gejagter 

Playboy, Ausgabe 11/2017

Seit 30 Jahren schießt er illegal Tiere im Wald. Getrieben von seinem Jagdinstinkt und der Lust am Spiel mit dem Gesetz. Auf Pirsch mit einem der letzten Wilderer der Alpen. 

 

ZUM MAGAZINARTIKEL 

 
Der Schuss kracht wie 1000 Böller in die Stille, er lässt die Luft für einen Moment nach Schwefel riechen. Später wird der Schütze sehen, dass die Patrone, golden und breit wie eine Füllfeder, den Lungenflügel des Rehbocks zerfetzt hat. Wie ein Kartoffelsack ist das Tier ins hohe Gras gefallen. So sehr der Schütze sich in diesen Sekunden freut über seinen Treffer und so sehr die Anspannung nachlässt, er darf jetzt keinen Fehler machen. Der Schuss könnte ihn verraten, er könnte ihn vom Jäger zum Gejagten machen. Daher ist das erste Gebot eines Wilderers, die Waffe verschwinden zu lassen. 

Es ist schwer vorstellbar, dass es einen wie ihn noch gibt heutzutage. Und tatsächlich sind es nur noch wenige, die wie er durch die Wälder der Alpen ziehen und ohne Jagdausweis und ohne Waffenschein Wildtiere erschießen. Es gab Zeiten, da hätte man ihn hingerichtet, da hätte er mit seinem Augenlicht für seine verbotene Leidenschaft gebüßt. Heute wird er zumindest strafrechtlich verfolgt, die einen verfluchen ihn noch immer, die anderen fürchten oder verklären ihn als letzten Alpenrebellen. Er selbst sagt, halb mit einem Schmunzeln, aber ein wenig scheint er auch daran zu glauben: „Die Frauen, die begehren Wilderer wie mich.“

Weil sein illegales Hobby ihm schon frühmorgendliche Hausdurchsuchungen der Polizei samt Staatsanwalt eingebracht hat und drei Gerichtsprozesse, soll seine Identität in dieser Geschichte gewahrt werden. Er könnte Hubert heißen, Franz oder Josef, er könnte in Südtirol wohnen, im Piemont oder in Nordtirol, es spielt keine Rolle. Daher kein Name, keine Ortsbeschreibung, nur so viel: Der Protagonist ist ein schlanker Mann Anfang 50, circa 1,75 Meter groß. Er wohnt auf einem abgelegenen Hof in den Alpen, seine Haut ist von der Sonne gegerbt, der Bart dicht, die Haare trägt er lang.

Es ist die kürzeste Nacht des Jahres, ein schwüler Sommerabend, als er aufbricht, den Rehbock zu schießen. Ende Juni ist Rehbockzeit, Hirsche schießt man im Herbst. 22 Grad zeigt es noch gegen 20 Uhr an auf 1500 Meter Höhe. Barfuß steigt der Wilderer durch kniehohes Gras, vermeidet es, auf Äste zu treten, bewegt sich beinahe geräuschlos durch den Wald, den er seit Kindheitstagen kennt. Er trägt eine beige Hose, ein grünes T-Shirt, darüber eine schwarze Jacke. Unauffällige Freizeitkleidung. Zusammen mit dem Fotoapparat und dem Fernrohr um die Schultern ist sie eine gute Tarnung. In der Hosen- tasche versteckt er ein Messer.

Nach einer halben Stunde Fußmarsch erreicht er den Ort des Geschehens, das Ende eines Waldstücks. Der Wilderer nimmt unter einer Lärche Platz. Vor ihm eine Wiese. In den Tagen zuvor hat er Ausschau gehalten nach einem möglichen Opfer, und er ist sich nun sicher, dass es bald vor ihm erscheinen wird.

Die Waffe, ein Stutzen, das klassische Jagdgewehr für die Pirschjagd, hat er kurz zuvor aus einem sicheren und trockenen Versteck im Wald geholt. Sie bei sich im Haus aufzubewahren wäre zu gefährlich. Ebenso wie das Kaliber des Gewehrs zu verraten, denn ein Jäger besorgt ihm die Munition.

Bevor er die Waffe aus der schwarzen Plastiktüte holt, zieht er dünne, weiße Handschuhe an, um keine Spuren zu hinterlassen. Er blickt nach links, nach rechts, gibt keinen Laut von sich, nicht einmal ein Räuspern. Nur Kuhglocken sind zu hören, Wildgräser zu riechen. Er zündet sich eine Zigarette an, während er beobachtet und wartet. Der Geruch von Regen liegt in der Luft, ein Gewitter braut sich zusammen.

Und dann, schon 20 Minuten später, kommt der Rehbock aus dem Wald: Vier Jahre alt ist er, trägt ein Sechser-Gehörn auf dem Kopf, sein rotbraunes Fell leuchtet im grünen Gras. „Ein prächtiges Tier“, sagt der Wilderer.

Der Rehbock ist allein unterwegs, 200 Meter trennen ihn vom Wilderer, der nun am Boden kauert, die Waffe zum Schuss bereithält. Wie er da so liegt, ist er dem Tier nicht unähnlich. Es ist ein Augenblick, in dem er alles um ihn herum vergisst. Der auch nach 30 Jahren Wildern keine Routine eintreten lässt, stattdessen jedes Mal wieder Nervenkitzel. Der Schütze zielt, drückt ab und trifft. Mit dem ersten Schuss. Sein schönster und gleichzeitig verwundbarster Moment. Kurz darauf setzt Regen ein. Und beim Wilderer ein Gefühl von Glück.

Die Lust am Wildern, sie scheint auch in seinen Genen zu liegen. Schon der Großvater mütterlicherseits war ein Wilderer, damals blieb ihm keine Wahl, um die Familie durchzubringen. Es ging darum, Essen auf die Teller zu bringen und nicht Trophäen an die Wände zu hängen. Für die verbotene Jagd stieg er auf 3000 Meter hohe Berge hinauf, schoss bis zu drei Gämsen auf einmal, jede um die 30 Kilogramm schwer, und schleppte sie in einer Rückentrage nach Hause. Auch der Bruder der Mutter hat gewildert. Mit diesen Geschichten wächst unser Protagonist auf.

Von den Tieren im Wald ist er von klein auf fasziniert, zunächst beobachtet er sie nur. Als Zehnjähriger fängt er mit den Händen ein Reh und lässt es wieder frei. Er liest viele Bücher über Flora und Fauna der Alpen, studiert die heimischen Vogelarten und kennt bald alle Kräuter und Blumen auf den Wiesen, alle Geschöpfe im Wald. Mit 16 Jahren zieht er selbst los, eine alte Büchse um die Schulter, aus der von hinten mehr Schießpulver herauskommt als von vorne. Mit Freunden geht er in die Berge, das Gesicht ist mit Ruß bemalt, und schießt auf eine Gams. Seine erste Tat als Wilderer. 

Mit 18 Jahren wählt er dennoch den klassischen Weg, tritt zur Jagdprüfung an und soll dafür auf ein Reh schießen. Weil es nicht sofort tot ist, muss er ihm aus der Nähe einen Genickstich mit dem Messer versetzen. Den Blick des Rehs vergisst er nicht mehr, er verfolgt ihn auch nachts. Daher schreibt er einen Brief an die Jagdaufsicht, in dem er erklärt, aus Gewissensgründen von der Jagd zurückzutreten. Die erfahrenen Jäger lachen ihn aus, nennen ihn ein Weichei ob der Gefühlsduselei.

Den Waffenschein und die Jagdkarte behält er zunächst. Aber erst mal nähert er sich den Tieren mit einem anderen Kaliber. Er kauft sich ein Teleobjektiv und geht nicht mehr mit der Waffe, sondern mit einer Spiegelreflexkamera auf die Jagd. Er fühlt sich verbunden mit dem Wild, ist selbst wie ein Wilder. Befreundete Jäger begleitet er in den Wald und ist an ihrer Seite, wenn sie schießen. Mit den Jahren merkt er, dass die Lust, selbst abzudrücken, zunimmt. Die Waffe hält er nun wieder bereit.

Eines Abends, da ist er um die 25 Jahre alt, begegnet ihm auf dem Nachhauseweg ein Hirsch, der König unter den Waldtieren, imposant und anmutig, um die 150 Kilogramm schwer. In diesem Moment ist der Jagdinstinkt größer als die Lust an der bloßen Beobachtung. Er hat die Waffe im Auto, lässt die Fensterscheibe herunter und zielt auf das Tier. Volltreffer. Als er es später holen will, wartet neben dem erlegten Tier die Polizei auf ihn. Der Jagdaufseher hat ihn während des Schusses vom Hochsitz aus beobachtet und sie informiert. Ihm werden Jagdkarte und Waffenpass abgenommen. Es kommt zum Prozess wegen Wilderei, bei dem er sich von einem so renommierten wie teuren Anwalt vertreten lässt und einen Ausgleich erreicht.

Von da an ist ein anderer Reiz größer als der, Tiere zu töten: das Spiel mit dem Gesetz. Er hat es nicht erfunden, es ist ein altes Spiel. Nicht nur schlauer zu sein als das Wild, sondern auch als die Jäger, die Aufseher, die Polizisten. Fortan schießt er nur noch die besten Tiere. Den Jägern den begehrtesten Hirsch wegzunehmen wird zu einer Genugtuung für ihn. Acht bis neun Jahre ist das ideale Alter eines Hirsches, sagt er. „Da ist das Fleisch gut und das Geweih schön, aber dann ist er auch am schlauesten.“

Seine Beute bringt er mit dem Schlitten nach Hau- se oder trägt sie. Bisher hat er 10 Hirsche geschossen, rund 30 Rehböcke und 20 Gämsen. Aus den Krallen eines großen Bergvogels hat er sich ein Amulett gefertigt, das er bei wichtigen Treffen bei sich trägt. Die Trophäen hängen in seinem Haus, einem Bauernhof aus dem 12. Jahrhundert, in dem er allein wohnt, für jeden Besuch sichtbar an den Wänden. Im Gang und neben Kruzifixen und Heiligenbildern in der alten Stube. Eine Holzschnitzerei zeigt einen Wilderer, die erlegte Gams über der Schulter hängend, dem von Jägern in den Rücken geschossen wird. 

Dass die Jäger keine Freude an einem wie ihm haben, ist nicht verwunderlich – obwohl auch unter ihnen jene sind, die gelegentlich wildern, das eine oder andere Tier schießen, ohne es zu melden, weil sie pro Jahr offiziell nur zwei bis drei schießen dürfen. Trotzdem gibt es die eine Hälfte, die ihn gerne drankriegen würde – doch bisher musste er nie einsitzen. „Solange ich nicht auf frischer Tat ertappt werde, habe ich nichts zu befürchten“, sagt er und lacht. Er wäre ihnen nicht böse, sagt er, wenn sie ihn erwischten. Genauso wie sie ihm nicht böse sein sollten, wenn er wildere. Mit der anderen Hälfte der Jäger verstehe er sich sehr gut. Einmal lässt ihn einer ziehen, obwohl er ihn mit einem eben erst geschossenen Rehbock im Wald erwischt. Weil er sagt, er habe es zufällig gefunden und es das Gesetz will, dass der Finder das Tier behält. 

Als der Regen nachlässt an jenem Abend, an dem unsere Geschichte beginnt, will er das erlegte Tier im hohen Gras suchen, um es nach Hause zu bringen. Wie ein Spaziergänger läuft er an der Wiese entlang, da kommt ihm ein Jäger entgegen, Hut auf dem Kopf, Gewehr um die Schulter. Der Wilderer kennt den Mann und spricht ihn an. „Grüß Gott, heute auf der Jagd?“ Zur Antwort bekommt er nur einen widerwillig geknurrten Gruß. Hat der Jäger den Schuss gehört? Hegt er einen Verdacht? Gut möglich. Denn bald darauf nimmt der Jäger an einer Stelle im Wald Platz, von der aus er das Gebiet überblicken kann, in dem der geschossene Rehbock liegt. Der Wilderer kann seine Beute nicht unbemerkt holen. „So ein Arschloch“, sagt er später.

Erst einmal muss er geduldig sein, nach Hause gehen und es Nacht werden lassen. In der Dunkelheit kommt er wieder, wenn die Jäger längst schlafen. Barfuß steigt er durch nasses Gras und sucht den toten Rehbock. Und da liegt er. Der Wilderer zieht seine Beute auf den Gehweg, an seinem rechten Unterschenkel bleibt eine Blutspur kleben. Rund 20 Kilo ist der Rehbock schwer, die Zunge hängt aus dem linken Mundwinkel. Als Ehrerbietung steckt ihm der Wilderer einen „letzten Bissen“ in den Mund, einen Tannenzweig, den er nahe seines Hauses findet.

Als er mit dem Tier vor seinem Haus ankommt, atmet er auf: „Hätten sie mich verdächtigt, hätten sie hier auf mich gewartet.“ Anders als die meisten Wilderer verwendet er keinen Schalldämpfer. Das erhöht das Risiko, erwischt zu werden, aber sein Stolz lässt es nicht zu. Das Ehrgefühl dem Wild gegenüber auch nicht, selbst wenn der Schall langsamer ist als die Kugel und es den Schuss nicht hört. Ein wenig geht es wohl auch um seine Ehre gegenüber den Jägern. Warum er nicht wieder einer von ihnen ist? Die Jagd, sagt der Wilderer, werde heute zu sehr kontrolliert, die Verbindung mit der Natur sei nicht mehr gegeben. Es gehe nicht darum, das Geld für die Jagdgebühr zu sparen, für Anwalt und Geldstrafen habe er schon weit mehr ausgegeben.

Im Stall neben seinem Wohnhaus sind die Kühe, Schweine und Hennen noch wach, als er dem Rehbock mit routinierten Griffen der Länge nach die Bauchdecke aufschneidet. Er zieht die Leber heraus, den Darm, die zerfetzte Lunge, das faustgroße Herz. Nur die Leber behält er für sich. Die restlichen Innereien wirft er seinem Hausschwein zum Fressen vor die Füße. Es grunzt, als es sich darüber hermacht. Auf dem Heu im Stall und auf den Händen des Wilderers klebt das vertrocknete Blut des Rehbocks, dunkelrot und warm. Es strömt einen beißenden Geruch aus, der auch später noch im Fleisch zu schmecken sein wird.

Das Fell des Tieres muss schnell verschwinden, der Kopf wird zu einer weiteren Trophäe an der Hauswand werden, den Körper wird er in Teile zerlegen und in der Kühltruhe für besondere Anlässe aufbewahren. Doch für heute ist die Arbeit getan, das tote Tier ist sicher versteckt. Um Mitternacht legt sich der Wilderer schlafen. Am nächsten Morgen haben die Kühe das blutige Heu aufgegessen. Als zwei Jäger den Wilderer besuchen, ahnen sie nicht, was in der Nacht zuvor passiert ist.

 

Foto: A.S.W.