Operation "Romeo und Julia" 

Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 8. Oktober 2017

Sie lieben sich, obwohl ihre Familien dagegen sind und sie mit dem Tod bedrohen. Das Love Commando ist ihre einzige Hoffnung. Im Liebesversteck, wo junge indische Paare Zuflucht finden.

 

ZUM ZEITUNGSARTIKEL 

 

An einer Strassenecke in Pahar Ganj, dem Backpackerviertel von Neu Delhi, Indien, wartet ein Mann Anfang 30, und nickt stumm. Die Fotografin und die Reporterin folgen ihm an einen Ort, der vorher nicht bekannt gegeben wurde, weder über Telefon noch über Email. In einer Seitengasse geht er nach zwei Häusern über Treppen hinauf in den ersten Stock. Dort klingelt er und wartet, bis ein junger Mann das schwere Gittertor aufsperrt und die Gäste in einen engen Gang eintreten lässt. Ein Hund namens Romeo schnüffelt an den fremden Beinen.

 

Die geheim gehaltene Wohnung hat drei Zimmer und einzig die Küche weist ein Fenster auf. Der mit Blick nach draussen geht über schäbige Hotels, vollgestopfte Geschäfte, Elektrogewusel und vom Monsun aufgeweichte Strassen. In einem etwa vier Mal vier Meter grossen Raum kauern junge Frauen und Männer auf dem Fussboden, manche halten Händchen, andere schlafen Arm in Arm. Ein Ventilator bläst warme Luft, eine Neonbirne brennt helles Licht auf die jungen Paare, die keine sein dürften.

 

Einer der jungen Männer bringt Tee in das Nebenzimmer, für Sanjoy Sachdev, 57 Jahre alt, seine Haare und der Bart sind so weiss wie die eines Greisen. An der Wand klebt ein Zeitungsartikel über ihn, neben ihm liegt ein Buch mit dem Titel „Marriage and divorce law in India“. Die jungen Leute nennen ihn Baba, das bedeutet Grossvater. Auch wenn er nicht verwandt ist mit ihnen, kümmert sich Sanjoy Sachdev um sie als ob er das wäre. Oder vielmehr müsste man sagen: er tut genau das nicht, denn anders als die eigene Familie versucht er sie zu schützen statt zu töten.

 

Baba ist das älteste Gründungsmitglied von „Love Commando“, einer Organisation, die sich der Liebe verschrieben hat. Als im Juli 2010 der Sohn eines guten Freundes fest genommen wird - weil er seine Freundin laut deren Eltern vergewaltigt haben soll, obwohl sie bestätigt, ihn zu lieben - entscheidet Baba gemeinsam mit Freunden, nicht nur ihn frei zu bekommen, sondern mehr zu tun. Noch am gleichen Abend versammelt sich eine Gruppe von Anwälten, Ärzten, Lehrern und Journalisten und gründet die Aktion Love Commando. Sie gehören verschiedener Religionen an und unterschiedlichen Kasten, aber sie eint dieselbe Einstellung: „Liebe ist kein Verbrechen“.

 

Die meisten von ihnen agieren seither im Hintergrund. Sieben, darunter auch Baba, zeigen in der Öffentlichkeit ihr Gesicht. Auf ihrer Homepage wirken sie unfreiwillig komisch, Männer mittleren Alters, die Arme vor der Brust verschränkt mit ernster Miene, dazu Herzchen mit Flügeln im Hintergrund und ein schlechter Song, Kitsch a la Bollywood. Aber das schmälert ihr Tun nicht.

 

Das Love Commando hat seit seiner Gründung schon tausenden Paaren zu einem gemeinsamen Leben verholfen. Das ist nicht selbstverständlich in einem Land wie Indien, in dem noch immer meistens die Eltern den Ehepartner für ihre Kinder auswählen und es Jahr für Jahr zu Zehntausenden von Ehrenmorden kommt, wird dem widersprochen. Auch wenn es gesetzlich erlaubt wäre, ist es immer noch ein gesellschaftliches Tabu, wenn ein Moslem sich in eine Hindu verliebt. Oder eine Frau oberer Kaste einen Mann aus einer unteren Kaste heiraten möchte.

 

Die geheim gehaltene Wohnung in Delhi ist die Hauptzentrale von Love Commando und eine von 450 Schutzeinrichtungen im Land. Baba liegt ausgestreckt und rauchend auf einem Einzelbett. Dort, wo sein Hinterkopf die Wand berührt, ist die grüne Farbe, die alle Zimmerwände ziert, abgenützt und mit einem Fettfilm überzogen. Man kann die vielen Stunden, die er hier schon gelegen haben muss, erahnen. Baba ist fast immer anwesend. Aber Kopf und Herz seien es nicht an diesem Tag, sagt er, weil er ständig Anrufe erhält, die sein Gesicht verfinstern. Eigentlich hätte ein neues Paar ankommen sollen, schon vor Stunden. Aber nun erhält er die Nachricht: In der Nacht ist sie auf der Flucht festgenommen worden.

 

Siddhart Gupta, 25, und seine Freundin Sadaf Khan, 26, sind seit zweieinhalb Jahren ein Paar; bei der Arbeit, in einem Finanzunternehmen haben sie sich kennen gelernt und verliebt. Aber weil sie Moslem ist und er Hindu haben ihre Eltern die Beziehung nicht erlaubt. Als Sadaf dem älteren Bruder von der Liebe erzählt, rastet er aus, die Mutter verbietet ihr zur Arbeit zu gehen und sperrt sie zuhause ein, sie sagt ihr: „Dir ist nichts mehr gestattet“. Siddharth und Sadaf, er schmal und sie ein wenig korpulent, nehmen das nicht hin. Sie nehmen Kontakt mit dem Love Commando auf und planen die Flucht.

 

Doch als Sadaf ihr Haus um drei Uhr morgens verlässt, hält die Polizei sie nur wenige 100 Meter später auf. Was Sadaf als unverheiratete junge Frau nachts draussen mache? Warum sie einen Rucksack mit sich trage, fragen die Beamten. Sie sagt, dass sie ihren Bruder treffen müsse. Doch die Polizisten glauben ihr nicht. Sie bringen die junge Frau auf die Polizeistation, ebenso ihren Freund, den sie in der Nähe auflesen. Siddharth sperren sie einen Tag lang ein, das Mädchen verhören sie und bringen es dann zurück zu den Eltern. Seither hat man nichts mehr von ihr gehört. Den ganzen Tag schon telefoniert Baba mit der Polizei, mit Anwälten und Freiwilligen aber nicht mit den Familien, „weil sie ihren eigenen Kindern nicht vertrauen.“ Am Ende des Tages sagt er: „Wir müssen damit rechnen, da Sadaf umgebracht wird.“

 

Der junge Mann, der Baba den Tee gebracht hat und nun neben ihm sitzt, hört mit und sagt nichts darauf. Seine Gedanken zu erraten ist aber nicht allzu schwer. Sumit Kumar, 24, denkt sich wohl, dass er Glück hatte, weil er vor mehr als zwei Monaten unversehrt hier angekommen ist. Die stickige Wohnung wirkt nicht einladend, eher bedrückend und man kann sich schwer vorstellen wie man mehr als einen Tag hier verbringen kann, aber Sumit sagt: „Dieser Ort ist wie der Himmel für uns, weil einzig hier unser Überleben garantiert ist.“ Seine Frau Priya Bharadwaj, 21, und er stammen aus dem Distrikt Hisar im Bundetaat Haryana. Sie gehören unterschiedlichen Kasten an. Aber noch schwerer wiegt: Sie kommen aus zwei verfeindeten Nachbardörfern. „Noch nie hat jemand aus dem einem Dorf jemanden aus dem anderen geheiratet“, sagt Sumit. Während er das sagt, hält er Priyas Hand fest in seiner, wie zum Trotz.

 

Es ist der 7. Dezember 2016, als die beiden sich zum ersten Mal sehen, Priya gefällt Sumit sofort, er spricht sie an und fragt nach ihrer Telefonnummer. Sie beginnen über WhatsApp zu schreiben, telefonieren bald täglich. Nach ein paar Wochen und unzähligen Nachrichten ist auch sie verliebt. Soziale Netzwerke haben in Indien die Kommunikation von Paaren unterschiedlicher Herkunft erleichtert. Während es früher fast unmöglich war, mit jemandem aus anderen Kreisen in Kontakt zu treten und zu bleiben, ist es heute zunehmend einfach. Ohne dass die Eltern Bescheid wissen, tauschen sich ihre Kinder aus, sie lernen sich kennen und wie überall auf der Welt verlieben sie sich.

 

Auf dem Weg zum College treffen sich Sumit und Priya noch zweimal, es ist Mai als ihm Priya erzählt, sie dürfe auf Geheiss ihres Cousins das Haus nicht mehr verlassen. Jemand hat mitgekriegt, dass sie Kontakt habe mit einem jungen Mann aus dem verfeindeten Dorf, die Eltern wollen sie so bald wie möglich mit jemand anderem verheiraten. Als Sumit das hört, kriegt er Panik und beschliesst zu reagieren, ehe er seine Freundin womöglich niemals wieder sieht. Er sucht im Internet nach Hilfe und findet Love Commando. Er schildert seine Situation und wird in die Schutzeinrichtung nach Delhi eingeladen. Auch Priya ist einverstanden, zu fliehen.

 

Am 21. Mai erreichen sie mit dem Direktbus New Delhi. Sechs Tage später heiraten sie, in der Anwesenheit zweier Freiwilligen des Love Commando. Und dennoch gibt es Paare, die glücklicher wirken als die beiden. Den ganzen Tag über sagt das Mädchen fast nichts und wird es dann gefragt, ob es die Entscheidung bereut die Familie verlassen zu haben, sagt es: „Ich vermisse mein Zuhause.“ Den Mann, den die junge Frau geheiratet hat, hat sie vorher genau dreimal gesehen. Auch jene, die nicht verboten heiraten, haben es kaum besser. In Indien haben junge Paare keine Möglichkeit, ihre Liebe erst einmal auszuprobieren und sich zu trennen, sollte es im Alltag doch nicht klappen. Die jungen Inder haben die Wahl, zwischen allem oder nichts.

 

Mit den Eltern haben Sumit und Priya seit ihrer Flucht nicht mehr gesprochen, „weil es keinen Sinn macht“, sagen sie. Sumit ist sich sicher, dass die Familie seiner Ehefrau sie beide umbringen möchte, allen voran ihn. Gegenüber der Polizei haben sie behauptet, er hätte Priya gekidnappt, aber sie hat richtiggestellt, dass sie freiwillig mitgegangen ist. Bis sich ihre Lage beruhigt hat, werden sie in der Wohnung des Love Commando verharren, „vermutlich noch vier Monate“, sagt Baba. Das Mädchen senkt den Kopf, als es das hört. Es gibt Paare, die bleiben über ein Jahr lang.

 

75 Paare werden zur Zeit allein in Delhi versteckt, sagt Baba. Die Kosten, die durch die Hilfe entstehen, finanziert das Love Commando über Spenden. Die Gründungsmitglieder und die vielen Helfer, Baba schätzt sie auf eine Million, arbeiten alle ehrenamtlich. Die Hotline der Organisation ist 24 Stunden sieben Tage in der Woche ununterbrochen erreichbar. „Manchmal erhalten wir 25 Telefonate am Tag, ein andermal 3.000“, sagt Baba. Auch im Ausland lebende Inder sind darunter. Von den 12 Telefonen, die an die Hotline angeschlossen sind, ist Babas das letzte, das klingelt - nur dann, wenn alle anderen 11 Leitungen besetzt sind. Er wird für Notfälle freigehalten.

 

Zweieinhalb Wochen später, Anfang August, sieht die Zentrale des Love Commando unverändert aus, obwohl in der Zwischenzeit viel passiert ist, Paare ein- und ausgingen. Gegen 10 Uhr räumen zwei Männer das Frühstück weg, die Wohnung müssen sie in Ordnung halten, dafür dürfen sie kostenfrei hier wohnen. Frauen kochen und servieren, Männer putzen. Beide sollen darauf vorbereitet sein einen Haushalt zu führen, wenn sie diesen verlassen. „Sonst müssen Frauen in indischen Haushalten alles machen“, sagt Baba. Gleichberechtigung ist ihm ein ebenso grosses Anliegen wie die Liebe.

 

Ein neues Paar ist hier, und wie sich herausstellt, ist es jenes, um dessen Sicherheit Baba das letzte Mal so besorgt war, Siddharth und Sadaf, der Hindu und die Muslimin. Da sie noch lebt, hat sie der Frau ihres Bruders zu verdanken. Als sie vom Polizeiposten nach Hause kommt, eskaliert der Streit mit dem Bruder. Die Schwägerin bewahrt sie im letzten Moment davor, von ihm umgebracht zu werden. Sie hängt schon mit ihrem Schal an der Deckenlampe. Drei Tage später, als Bruder und Mutter für einen Moment unaufmerksam sind, kann sie durch die Haustür entschwinden. Mit Badeschlappen an den Füssen, ohne Geld, ohne Identitätskarte.

 

Siddharth wartet in einem Auto in der Nähe ihres Hauses auf sie, die Schwägerin hat ihn zuvor verständigen können. 20 Kilometer spricht Sadaf nichts, sie zittert nur. Mit zwei Freiwilligen fahren sie über Umwege nach Delhi, um nicht wieder von der Polizei gestoppt zu werden, zwei Tage später kommen sie gegen 22 Uhr an, vorerst ist die Odyssee zu Ende. Vier Tage darauf heiraten sie. Vor der Hochzeitszeremonie konvertiert die Braut zum Hinduismus, sie trägt nun einen neuen Namen: Sadaf Khan ist zu Sneha Gupta geworden.

 

Die Hochzeitsfeier ist kein ausschweifendes Fest, es findet in der stickigen Schutzeinrichtung statt, mit wenigen Menschen und einem glücklichen Brautpaar. Am nächsten Tag ruft die Tochter die Mutter an, sie solle sich nicht sorgen. Sie bittet Saddam nach Hause zu kommen, aber diese traut ihrer Familie nicht mehr. Sie hat sich damit abgefunden, ohne sie auszukommen. Siddharts Familie hingegen hat den beiden mittlerweile ihren Segen gegeben. Sie sind bereit ein neues Leben anzufangen und dennoch ist ein Happy End ungewiss. „Wir werden eine Weile mit allem rechnen müssen“, sagt Siddharth.

 

Baba, der schon viele Fälle gesehen hat, ist zuversichtlich, dass in ihrem Fall alles gut ausgehen wird. Er selbst ist glücklich verheiratet, obwohl die Ehe damals arrangiert wurde, mit seiner Frau hat er vier Kinder. Weniger entspannt sieht er die Zukunft seines Sorgenkindes. Ravi Kant Meenas Geschichte ist ein klassischer Fall für das Love Commando, denn sie handelt von unterschiedlichen Kastenzugehörigkeiten, die in Indien so viele Lieben schon verhindert haben. In der Wohnung fällt der 24-Jährige zunächst nicht auf, weil er seinen leeren Blick hinter einer Brille und einer Schildkappe versteckt. Mit der Zeit wird klar, er ist alleine hier.

 

Ravi gehört einer der niedersten indischen Kasten an. Seine Frau Uma, 22, hingegen ist Brahmanin, Mitglied der angesehensten von allen Kasten. Seit Februar sind sie eigentlich verheiratet, aber Uma und er haben nur die ersten vier Tage ihrer Ehe miteinander verbringen dürfen. Nachdem sie in einer fremden Stadt ohne jemanden zu informieren geheirateten haben, wird Uma von ihren Verwandten gefunden. Sie ziehen sie gewaltsam an den Haaren in ein Auto und bringen sie fort. Eineinhalb Monate lang weiss Ravi nicht, wo sie steckt. Dann ruft sie ihn an und sagt ihm, dass man sie in ihrem Dorf in Rajasthan gefangen halte. Die Eltern verlangen von ihr, ihren Ehemann, mit dem sie fünf Jahre lang vor der Hochzeit ein Paar war, zu vergessen. Ein neuer Bräutigam sei schon gefunden. „Das ist illegal, aber die Polizei unternimmt nichts dagegen“, sagt Baba.

 

Das neue Leben, das Ravi sich so gewünscht hat, wird vermutlich nie stattfinden. Und das alte gibt es nicht mehr. Als sein Vater Anfang Juli stirbt, verlässt er die Schutzeinrichtung in Delhi für ein paar Tage und kehrt zur Beerdigung in sein Dorf zurück. Niemand spricht mit ihm, die ganze Zeremonie über sitzt er alleine in einer Ecke. Den toten Vater zu tragen, wie es Sitte wäre für den ältesten Sohn, wird ihm nicht gestattet. „Mein gesamtes Dorf ist gegen mich.“ Sein einziger Lichtblick sind heute die unregelmässigen Anrufe von Uma, immer dann, wenn ihr ein Verwandter für ein paar Minuten sein Mobiltelefon leiht. Als einzigem Hilfesuchenden erlaubt das Love Commando Ravi sein Handy bei sich zu tragen. Alle anderen müssen es bei Ankunft aus Sicherheitsgründen abgeben.

 

Der Schmerz hat Ravis Stimme brüchig werden lassen, jedes Wort wirkt wie unter Qualen geäussert. In der Schutzeinrichtung wartet er nun auf ein Wunder. Doch daran zu glauben wird immer schwieriger. So gesehen ist die Zentrale des Love Commandos, anders als für alle anderen jungen Menschen im Raum, für ihn nicht der Himmel, sondern ein beinahe grausamer Ort. Längst hat der einsame Ravi Kant Meena aufgehört zu zählen, wieviele Paare gemeinsam hier ankommen und gemeinsam auch wieder gehen.

 

 
Foto: Saumya Khandelwal