Die Wurzeln einer Region 

Brand Eins, Ausgabe 06/2018

Seit fünf Jahren frisst sich das Bakterium Xylella durch die süditalienischen Olivenhaine. Die meisten Bauern schauen ihm traurig, aber tatenlos dabei zu. Anders Giovanni Melcarne: Er kämpft gegen das Baumsterben – mit kühlem Kopf und wissenschaftlicher Hilfe.

 

ZUM MAGAZINARTIKEL 

 

In einer Gegend, in der alle verbeulte Fiats fahren, düst Giovanni Melcarne in einem makellosen Audi Q3 herum. Rechts das Ionische Meer, die südlichste Küste Italiens. Links dem Tode geweihte Olivenbäume. Ohne hinzuschauen, zeigt er auf sie, sagt: „Auch er“ oder das Todeswort „Xylella“. Melcarne, dessen kleine Augen sich hinter einer Designerbrille verbergen, ist auf dem Weg zu seiner Ölmühle, es ist die größte der Gegend.

 

Dort fährt der 48-Jährige mit einem Gabelstapler Olivenkisten von einem Ort zum anderen. Nie gibt er Ruhe. Eine Hand am Smartphone, die andere bei den Oliven. Je stiller die Welt um Melcarne steht, desto mehr bewegt er sich. Er steigt wieder ins Auto, dessen Tacho nach wenigen Monaten schon 89 000 Kilometer zeigt. Sein vorheriges hat er mit 580 000 Kilometern verschenkt – 380 000 davon zurückgelegt für die Rettung der Olivenbäume.

 

Seit fünf Jahren sterben in Melcarnes Heimat, dem Salento – der Absatz des italienischen Stiefels – massenhaft Olivenbäume. Grund dafür ist laut Wissenschaftlern das Bakterium Xylella fastidiosa, das sie austrocknen lässt. Elf Millionen Bäume auf rund 85 000 Hektar sind allein in der Provinz Lecce in Gefahr. Zwei Millionen sind bereits zerstört, weitere fünf Millionen zeigen erste Anzeichen. Das ist in vielerlei Hinsicht schlimm.

 

Die Olivenbäume sind im Salento das wirtschaftliche Standbein der Menschen. Und sie haben emotionalen Wert, sind ihr Wahrzeichen. Eine Generation vererbt sie an die nächste. Bäume wie der famose „Gigante di Felline“ wurden mehr als 1000 Jahre alt und siechen nun vor sich hin. Manche Bauern sagen, sie seien selbst krank geworden, als ihre Bäume erkrankten. Sie betrauern ihr Sterben wie das eines Familienangehörigen, und die meisten verfallen in Lethargie, sehen dem Zerfall in Zeitlupe tatenlos zu.

 

Dies vorweg zum Temperament der Salentiner, nur so lässt sich begreifen, wie anders Giovanni Melcarne ist. Zweifelsohne ist auch er eng mit dem Boden verbunden, er pflückt Oliven, seit er sieben Jahre alt ist. Und dennoch hat man den Eindruck, er sei am falschen Ort geboren. Melcarne mag keine Sonntage, weil er dann ruhen muss. Er hat im Norden studiert. Er verabscheut heißes Klima, im vergangenen Sommer war er kein einziges Mal am Meer. „Schwitzen, ohne zu arbeiten, ist sinnlos“, sagt er.

 

Melcarne ist ein Mann, der Herausforderungen liebt. Auch das Sterben der Olivenbäume sieht er als Herausforderung an. Der Agronom ist niemand, der sentimental auf ein Unglück reagiert, er ist ein rationaler Mensch, „verliebt“ in die Wissenschaft. Melcarne sagt: „Niemand löst deine Probleme für dich.“ Und weil er so denkt, könnte er das Kulturerbe Salentos retten.

 

Sein Heimatdorf Gagliano del Capo hat 6000 Einwohner und 50 000 Olivenbäume. Es steckt noch nicht so tief in der Krise wie andere Orte, aber die Zeichen der Zerstörung werden sichtbarer. Auch an den 5000 Olivenbäumen, die auf Melcarnes 45 Hektar Anbaufläche stehen. 95 Prozent mit Ogliarola Salentina, fünf mit Cellina di Nardò.

 

Diese beiden Sorten machen die überwiegende Mehrheit der Bäume im Salento aus – und ausgerechnet sie sind am anfälligsten für das Bakterium. Eine Monokultur mit Folgen. „Vom ersten Symptom bis zur totalen Unbrauchbarkeit vergehen anderthalb Jahre“, sagt Melcarne. In der aktuellen Saison hat er ein Drittel weniger produziert als 2015 /2016. Ein Jahr kann er noch ernten. Dann sind die Bäume Geschichte.

 

Er erzählt das ganz nüchtern, so, als ob es nicht seine wären. Hat sogar ein Lächeln für die Handykamera, Selfie mit der Journalistin und der Fotografin. Das Bild schickt er einem Mann, der wegen des Bakteriums sein Freund geworden ist: Donato Boscia.

 

Vielleicht wäre das Ausmaß der Katastrophe noch größer, wäre Boscia, ein 60-jähriger Pflanzenpathologe und Direktor des Nationalen Forschungsrats CNR in Bari, am 9. August 2013 nicht im Salento gewesen. Beim Abendessen erzählt ihm sein Schwiegervater von einer merkwürdigen Trockenheit, die er  an seinen Olivenbäumen nie zuvor beobachtet habe. Am nächsten Tag entnimmt Boscia Proben. Bald stellt sich heraus: Die Bäume sind befallen von Xylella fastidiosa.

 

In der Via Giovanni Amendola 165 in Bari arbeiten die Forscher des CNR seitdem daran, ein Gegenmittel zu finden. Ihre Büros sind in einem Hinterhof in containerartigen Gebäuden untergebracht. Hier studieren sie das Bakterium, infizieren Testpflanzen, beobachten sie. Der CNR koordiniert außerdem den internationalen Kampf gegen das Bakterium. 29 Partner aus 14 Ländern sind beteiligt, die EU hat zehn Millionen Euro investiert.

 

Boscia näherte sich dem Bakterium anfänglich mit Neugier, nun ist daraus ein Kampf geworden. Dieser eint ihn mit Olivenbauer Melcarne, der ihn 2014 kontaktierte, nachdem er erste Anzeichen an seinen Bäumen entdeckt hatte. „Wäre Giovanni eine Frau, bekäme ich Eheprobleme“, scherzt Boscia, so oft telefonierten die beiden.

 

Weil man zwar das Bakterium genau kenne, aber bisher keine relevanten Erfolge erzielt habe, glaubt Boscia immer weniger daran, es besiegen zu können. „Stattdessen müssen wir möglichst viele resistente Sorten finden.“ Er setzt auf Feldforschung. Und auf Giovanni Melcarne.

 

An einem Sonntagvormittag Ende Januar läuft der durch ein Feld der Zerstörung: vertrocknete Olivenbäume, ein Anblick wie gefallene Soldaten. Und dennoch hegt er Hoffnung. Melcarne zeigt auf Nr. 307: ein befallener Olivenbaum der Sorte Ogliarola Salentina, auf den fünf Reiser gepfropft wurden. Fünf zarte Zweige verschiedener Sorten.

 

Nummer 1 ist jene des kranken Baumes. „Damit wollen wir kontrollieren, ab welchem Zeitpunkt der Baum austrocknet“, sagt Melcarne. Nummer 2 und 3 sind Sorten namens Leccino und Frantoio, die sich als relativ resistent erweisen. Nummer 4, Nolca aus Apulien, und 5, Bosana aus Sardinien, sind das eigentliche Experiment. „Diese Sorten beobachten wir.“ Noch sind sie gesund. Sie könnten in zwei Jahren schon Oliven tragen.

 

Mit dem Experiment hat Melcarne im April 2016 begonnen. Damals sind fünf Prozent seiner Bäume infiziert. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern pfropft er drei Monate lang 270 verschiedene Arten von Olivenpflanzen auf kranke Bäume. Er investiert 70 000 Euro, wartet nicht auf Fördergelder. Lieber züchtet er seine Zukunft selbst heran.

 

Zuvor organisiert Melcarne mit dem Bischof eine Prozession. Er, der nicht an Gott glaubt, pilgert nachts zur Heiligen Maria und bittet sie um die Heilung der Olivenbäume. Er will damit seine Nachbarn erreichen, die bezweifeln, dass ein Bakterium der Grund für das Sterben ist. Sie glauben an Verschwörungstheorien, etwa dass Xylella aus Flugzeugen geworfen worden sei, um dem Salento zu schaden.

 

Von offizieller Seite wird keine eindeutige Haltung kommuniziert. Cristian Casili, Agronom und Mitglied der euroskeptischen Fünf-Sterne-Partei, ist damals eine der lautesten Stimmen gegen Xylella als Erklärung für das Olivenbaumsterben – 2015 wird er zum Regionalrat für Apulien gewählt.

 

Neben dem Bakterium und der Zeit, die ihnen davonläuft, haben Melcarne und Boscia daher noch weitere Feinde: Menschen, die sie bei ihrem Kampf behindern, gar der Lüge bezichtigen. Boscia ist fünf Jahre nach der Entdeckung des Bakteriums sichtlich genervt von Kritikern, die Xylella als Ursache für das Vertrocknungssyndrom Codiro, wie das Olivenbaumsterben auch genannt wird, bezweifeln. Über Vorwürfe, er wolle sich durch das Bakterium bereichern, kann er nur den Kopf schütteln.

 

Dennoch hat die Staatsanwaltschaft Lecce ihn und andere Forscher im Jahr 2015 angeklagt, eine Pflanzenkrankheit fahrlässig verbreitet zu haben. 2010 wurde in Bari ein wissenschaftlicher Kongress zu Xylella organisiert, dafür hatte man gefriergetrocknete Proben des Bakteriums aus dem Ausland untersucht – allerdings nicht die Unterart, die wenig später im Salento wütet. Die Presse titelt: „Italien – das Land, das die Wissenschaft hasst.“

 

Viele kritische Stimmen sind leise geworden, nicht jedoch die von Melcarnes Erzfeind Luigi Russo, ein 58 Jahre alter Soziologe und Journalist. „Melcarne verdient an den vielen Bauern, die bei ihm Öl pressen“, sagt er. Leuten wie ihm käme das Sterben gelegen. So könnten alte Bäume gefällt und neue gepflanzt werden, die weniger Qualität, aber mehr Quantität bedeuteten.

 

„Melcarne steckt mit den Forschern wie Boscia unter einer Decke und die mit Multikonzernen wie Monsanto.“ Russo wird nicht müde, darüber zu sprechen, etwa in seinem Radioprogramm auf dem Kanal „Tuttifrutti“. Viel schwerwiegender als Xylella seien für das Pflanzensterben der Klimawandel, Pilze, Pestizide. Laut Bauern und Wissenschaftlern werden im Salento aber weniger Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt als weiter nördlich, wo die Bäume noch gesund sind.

 

Forscher sagen, dass sich gerade deshalb Xylella im Süden so schnell verbreiten konnte. Russo verbindet eine romantische Vorstellung mit den Bäumen, bei einem Spaziergang durch seinen Olivenhain sagt er: „Ich könnte diese Bäume küssen“, so anmutig seien sie. Gleichzeitig schürt er Unsicherheit, wühlt die Bauern auf. „Spiele nicht mit der Verzweiflung von Menschen“, hat Melcarne ihm vor Kurzem gesagt. Seitdem führen sie ihre Fehde auf Facebook fort.

 

2014 hat Melcarne mit anderen Bauern, die an Xylella als Ursache für das Pflanzensterben glauben, die Organisation „Voce dell’Ulivo“ (Stimme des Olivenbaums) gegründet. Auf seinem Versuchsfeld hat er festgestellt, dass die Sorte Favolosa immun ist gegen Xylella und hochwertigeres Olivenöl ergibt als andere resistente Sorten. Also hat Voce dell’Ulivo im Dezember vergangenen Jahres 200 000 Favolosa-Pflanzen aus Sizilien bestellt, die sie den Bauern zum Einkaufspreis von zwei Euro verkaufen. Im Oktober sollen sie gepflanzt werden.

 

Bis vor Kurzem wäre das nicht möglich gewesen. Um das Ausbreiten des Bakteriums zu unterbinden, hatte die EU 2015 verboten, sogenannte Wirtspflanzen zu setzen, zu denen neben Olivenbäumen unter anderem auch Kirschbäume, Akazien und Oleander gehören. Ende 2017 wurde das Verbot für die Olivenbaumsorten Favolosa und Leccino aufgehoben.

 

Eine der Hoffnungen heißt nun also Favolosa. Kritiker wie Luigi Russo verteufeln sie als „Laborpflanze“. Die Favolosa passe nicht in die Landschaft des Salento und brauche zu viel Wasser. Tatsächlich ist Favolosa, auch bekannt als FS-17, in Perugia (Umbrien) aus einem wissenschaftlichen Versuch heraus entstanden. Noch ist ungewiss, wie kompatibel sie in großen Mengen mit dem Mikroklima des Salentos ist. Melcarne sagt: „Wir müssen es zumindest probieren.“

 

Fährt man den Salento entlang, versteht man, warum. Kilometerlang friedhofsartige Wiesen, amputierte Bäume und „Vendesi“-Schilder, „Zu verkaufen“. „Wenn wenig geerntet wird, investiert niemand mehr“, sagt Melcarne. Keiner kaufe mehr landwirtschaftliche Maschinen, die Mechaniker hätten keine Arbeit mehr. „Ein System, das eine Umgebung am Leben erhalten hat, wird zerstört.“ Ein Erdbeben, eine Überschwemmung fällt binnen Stunden über einen Ort her. Das Olivenbaumsterben ist ein Siechtum, das Jahre andauert. Vielleicht ist es deshalb umso schmerzhafter.

 

Melcarne kämpft wohl auch so obsessiv, weil er alles auf die Olivenkarte gesetzt hat. Im Jahr 2000 übernahm er den Betrieb vom Vater und baute eine Ölmühle für 3,5 Millionen Euro. Das Familienunternehmen, dessen Geschichte sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, taufte er um in Forestaforte, starker Wald.

 

Seitdem pressen 2000 Bauern ihr Olivenöl bei ihm, viele für den Eigenbedarf. Eine vierköpfige salentinische Familie verbraucht rund 150 Liter Olivenöl im Jahr. Es ist das einzige Fett, das die Menschen verwenden. Sie verfeinern es mit Thymian in der Gemüsesuppe, mit Ingwer auf einer Bruschetta, mit Zitrone auf einem Fischgericht. Sie alle hoffen auf Melcarne, sie verlassen sich auf ihn. Junge wie alte Bauern sagen: „Wir warten, bis Giovannis Versuche Erfolge haben.“

 

In den vergangenen Jahren fehlte Melcarne manches Mal in seiner Ölmühle und oft zu Hause. „Er ist an dieser anderen Front beschäftigt“, sagt Daniela Melcarne, seit 20 Jahren seine Frau. Morgens stehe er um 5 Uhr auf, nachts komme er gegen 22 Uhr nach Hause – manchmal nicht nur müde, sondern bedrückt. „Giovanni spricht nicht über seine Probleme“, sagt die Psychologin.

 

Die Krise nagt an ihm. Melcarne hat vor einem Jahr wieder mit dem Rauchen angefangen, Elektrozigarette. Er hält sie fest in der Hand, zieht immer wieder daran. Die Zahl seiner Mitarbeiter hat er von 18 auf 6 reduzieren müssen. Manchmal stehen die verbliebenen da und fragen ihn: „Und morgen?“ „Morgen ist ein anderer Tag“, antwortet er dann.

 

Er kämpft nicht nur für sie und sich, Melcarne ist Vater zweier Töchter, Paola, 17, und Daria, 13. Die jüngere möchte wie er Agrarwissenschaft studieren – und vielleicht einmal das Familienunternehmen übernehmen. Irgendwann haben die Töchter die Mama, nicht den Papa, gefragt: „Haben wir einen Plan B? Was tun wir, wenn wir alles verlieren?“

 

Zu verlieren gibt es viel. Auch die geschützte Ursprungsbezeichnung „DOP Terra D’Otranto“. Damit ein Olivenöl als solches gilt, muss mindestens 60 Prozent aus den zwei autochthonen Sorten Ogliarola Salentina und Cellina di Nardò gewonnen worden sein – aber die wird es bald nicht mehr geben.

 

„Es war ein Fehler, dass wir uns auf zwei Arten konzentriert haben“, sagt Melcarne, er ist der Präsident des DOP-Siegels. Künftig müsse man auf mehrere setzen. Er will seine Heimat neu erfinden, aber möglichst viel erhalten. Und dabei nichts unversucht lassen. Daniela Melcarne sagt: „Giovanni hat immer mehr als einen Plan B.“

 

Einer liegt in seiner Schublade, gefüllt in elf Fläschchen. In den Weiten des Salento hat er 50 wilde, namenlose Olivenbaumarten gefunden, ihre Früchte gepflückt, daraus Öle gepresst und sie im Labor des CNR untersuchen lassen. Zehn der elf weisen eine genetische Verwandtschaft mit den Sorten Ogliarola Walentina und Cellina di Nardò auf – was nicht bedeuten muss, dass sie für Xylella anfällig sind. Ein paar Öle würden nichts taugen, sagt Giovanni Melcarne, andere seien sehr interessant im Geschmack. Er öffnet die Schublade, zieht seinen Favoriten hervor: „Nr. S 79“ steht in Handschrift auf dem Fläschchen. Melcarne riecht daran, lächelt. Vielleicht hält er gerade die Rettung in seinen Händen.

 

 

Foto: Patricia Kühfuss