Kims untreue Kinder

Das Magazin (Schweiz), Ausgabe 20/2018

Wie sieht das Leben junger Nordkoreaner aus, denen die Flucht in den Süden des Landes gelungen ist?
 

 

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Aus ihrem sechs Quadratmeter grossen Zimmer winkt Nara Kang, die Haare mit Lockenstab in Szene gesetzt, die Lippen rot nachgezogen, die Haut gepudert, ihren heute 17 547 Followern. «Hellooo, nice to meet.»Nara, 20, ist vor zwei Jahren aus Nordkorea nach Seoul geflohen.Yu Jin Mun, schwarzes Kleidchen, goldfarbene Schuhe und noch ungeschminkt, wartet in der Maske eines TV-Studios. Sie tippt in ihr pink glitzerndes Handy, lächelt ihre Nervosität weg. In dreissig Minuten hat sie ihren ersten Fernsehauftritt.Yu Jin, 38, ist vor dreizehn Jahren aus Nordkorea nach Seoul geflohen.Pyung Lee, den rechten Arm mit Tattoos übersät, die Augenbrauen gezupft, die Haare zum hippen Undercut frisiert, hat das mit den Liveshows und den Fernsehauftritten schon hinter sich. Er nippt an seinem Kaffee im Plastikbecher – Iced Americano – und plant sein nächstes Ding.Pyung, 23, ist mit elf allein aus Nordkorea nach Seoul geflohen.

Süd- und Nordkorea, zwei Welten, geteilt seit 1953: Der Norden ist eine kommunistische Diktatur, so abgeschottet wie kein anderes Land; der Süden eine kapitalistische Hochleistungsgesellschaft, so schnell aufgestiegen wie kaum ein anderes Land.

In den Köpfen vieler Südkoreaner sind die Nordkoreaner ewiggestrige Fabrikarbeiter, aufgewachsen mit Hunger statt Bildung. Bemitleidenswert, uncool, faul. Doch eine junge Generation von Nordkoreanern entspricht diesem Bild nicht mehr. Sie sind mit verbotenen südkoreanischen Serien und Hollywoodfilmen gross geworden. Die Neugier auf die Welt des Südens – und nicht so sehr Armut und Hunger –, treibt sie dazu, eine gefährliche Flucht auf sich zu nehmen.

Über China gelangen sie in den Süden, sehen, was sie bisher nur vom Bildschirm kannten: Hochhäuser mit Leuchtreklamen, Staus auf den Strassen, jeden Monat andere Kleider in den Läden. Die Jungen passen sich schnell an, und sie wollen gesehen werden. Sie gehen online und treten in TV-Shows auf. Doch kommen sie wirklich an? Und welchen Preis zahlen sie dafür?

«Hellooo, nice to meet.» Nara wird nicht müde, diesen Satz zu wiederholen. Dann verabschiedet sie sich, drückt auf «Verbindung trennen». Feierabend. Zwei Stunden lang hat sie ihren Fans vorgesungen, ihnen von ihrem Frühstück erzählt– Erdbeeren und Joghurt –, hat Likes und Follower gesammelt, sich für jeden einzelnen mit einem «thank youuu» bedankt. Seit zwei Wochen hat Nara ihre eigene Liveshow auf bigo.tv.

«In Südkorea habe ich das erste Mal vom Internet gehört», sagt sie. «Am Anfang habe ich es nicht genutzt. Es hat mich einfach nicht interessiert.» Dann erfuhr sie, dass man im Internet einkaufen, Nachrichten schauen und die Welt sehen kann. Sie hat ihren Namen gesucht und Bilder von Frauen gefunden, die so heissen wie sie. Viele Bilder. «Ich war sehr überrascht.»

Nach weniger als zwei Jahren online ist Nara so etwas wie ein Social-Media-Star. Sie nutzt Instagram, Facebook, Kakao Talk, WeChat und andere, erhält Bewunderung in Form von Tausenden Followern und Likes. Am Anfang war das anders: Gerade mal zehn Likes und keinen einzigen Kommentar gab es für ihren ersten Facebook-Post. Also kommentierte sie selbst. Nach einer Weile kam die erste Einladung ins Fernsehen. Und auf einmal war sie sichtbar.

In Südkorea gibt es Dutzende Shows, in denen aus Nordkorea Geflohene auftreten. Kaum eine, in der nicht auch Nara präsent ist. Bei ihrer ersten, sie war neunzehn, wurde ihr Gesicht «rot wie eine Tomate». Aber bald gewöhnte sie sich an die Auftritte. Sie hatte Dates mit südkoreanischen Prominenten, es gab sogar eine gefakte Heirat mit einem Basketballstar. In anderen Shows erzählt sie von ihrem Alltag. In der TV-Show «Moranbong Club» ist Nara Teil der ständigen Besetzung.

Für Yu Jin in den Goldpumps ist es heute das erste Mal. Eben musste sie noch die Strumpfhose wechseln – die Produktion akzeptiert nur hautfarbene –, nun sitzt sie auf einem der dreizehn für Nordkoreaner vorgesehenen Sessel im Studio, neben ihr auf Augenhöhe ein Schild: «Pyongyang goldener Löffel», ein Hinweis auf ihr wohlhabendes Leben in der Nordkoreas Hauptstadt. Rechts von Yu Jin sitzt eine frühere Sekretärin des nordkoreanischen Propagandaministeriums, dahinter ein Mann, der sein Etikett «Sind die Verwandten von Kim Jong-uns Mutter Verräter?» entfernen liess. «Wollt ihr mich umbringen?» fragt er, ehe die Aufzeichnung beginnt.

Die Nordkoreaner werden sehr inszeniert und möglichst auf eine prägnante Formulierung reduziert. Vor allem soll das Publikum unterhalten werden. Politische Äusserungen werden von jungen, hübschen Frauen nicht verlangt – die sind fürs Optische da. «Politik interessiert mich nicht», sagt Nara.«Moranbong» bezeichnet ein Viertel in Nordkoreas Hauptstadt Pyongyang, mit Stadion und eigenem Fussballklub. Und auch Kim Jong-uns Lieblingsband trägt diesen Namen. In der südkoreanischen TV-Show sprechen die geflüchteten Nordkoreaner über ihre Heimat und ihr früheres Leben, erzählen Klatsch und Tratsch über die Führerfamilie, etwa darüber, welche Frauen des Kim-Clans schön sind und welche sich untereinander verstehen.

Die Sendung läuft seit September 2015 jeden Dienstag um 22 Uhr. Offizieller Sendezweck: «die Kommunikation zwischen Süd- und Nordkorea bestärken». 85 Minuten Nordkorea, übertragen in die südkoreanischen Wohnzimmer. Siebzig Prozent der Zuschauer sind fünfzig und älter, die Mehrheit davon sind Frauen über sechzig Jahre.Viele Nordkoreaner werden direkt nach ihrer Ankunft in Seoul für die Sendung rekrutiert: Die Produktionsleitung wählt sie aus einer Liste aus, die krassesten Geschichten, die hübschesten Frauen und Kims ehemalige Verbündete. Dennoch sagt der Moderator nach der Show: «Wir haben ein ehrliches Interesse an unseren Brüdern aus dem Norden. Wir können zur Veränderung in Nordkorea beitragen.» Auch Yu Jin glaubt, sie könne durch den Auftritt etwas verändern. «Ich weiss, Kim Jong-un sieht zu.»

Yu Jin hat viel zu erzählen, von ihrem Leben im Luxus, ihrem Hund, ihren Reisen nach Europa, die sie als Tochter eines Fussballfunktionärs unternehmen konnte. Aber dann Stille, Yu Jin verhaspelt sich, sie hat ihren Part verwechselt. Die Panne wiederholt sich, immer wieder redet der Produktionsassistent auf sie ein, Raunen der anderen Nordkoreaner. So war das vorab nicht besprochen. Obwohl es eigentlich nur um ihr eigenes Leben geht, muss sie sich an ein vorgefertigtes Skript halten.

Im Studio sitzen separat, auf einem kleinen Podest, vier glatt frisierte südkoreanische B-Promis – Komiker, Models, Sänger. Sie kommentieren jeden Satz der nordkoreanischen Überläufer mit «ooooohhhh» und «aaaaahhh». Die Stimmung hat etwas von einer Freakshow.

Von dieser Art Inszenierung hält der tätowierte Pyung Lee nichts. Auch er war einmal in einer Show für Nordkoreaner und weiss vom vorgegebenen Ablauf. Deswegen ging er selbst live auf Sendung. Er hatte einen eigenen Kanal auf Africa TV, ähnlich wie Youtube. Dort sendete er vier Stunden täglich, beinahe ein Jahr lang. Und konnte erzählen, was er wollte. Über sich und Nordkorea und die gängigen Vorurteile, die er schon lange satthat: Nordkoreaner sollten dankbarer sein, Nordkoreaner sind faul, Nordkoreaner sind Spione.

Die Zuschauer stellten Fragen, Pyung antwortete. Hast du öffentliche Hinrichtungen gesehen? Kannst du gut kämpfen? Hattest du schon eine Schönheitsoperation? «Viele sehen die Nordkoreaner nicht als individuelle Personen, sondern als Teil des Regimes», sagt Pyung. Es gebe viel Misstrauen. Die Wahrnehmung hänge sehr von der aktuellen politischen Situation ab. Dem wollte Pyung mit seiner persönlichen Geschichte etwas entgegenstellen.

Pyung strahlt Ruhe aus, ist geduldig und sanft. Er spricht leise, doch die Tattoos auf seinem rechten Arm erzählen seine Geschichte in einem anderen Ton: Totenköpfe, wegen der vielen Leichen, die er gesehen hat – auf den Strassen seiner Heimatstadt und im Grenzfluss Yalu, der Nordkorea von China trennt. Bei seinem ersten Fluchtversuch war Pyung sieben Jahre alt. Auch ein Gesicht hinter Gittern ist in Tinte auf seiner Haut verewigt. Er wurde in China aufgegriffen und zurück nach Nordkorea gebracht. In ein Gefängnis. Ein Onkel kaufte ihn frei. Mit elf Jahren floh Pyung erneut, diesmal kam er in Südkorea an.

Gut 31 000 Nordkoreaner haben seit 1953 denselben Weg wie Pyung hinter sich gebracht. Die meisten gelangen mithilfe von Schleppern über den Fluss Yalu nach China. Weil sie dort aber Illegale sind, geht ihre Flucht weiter nach Südostasien, manchmal auch in die Mongolei. Von den dortigen südkoreanischen Botschaften werden die Geflohenen dann nach Südkorea ausgeflogen.

Auch wenn seine Vergangenheit für immer unter seine Haut gestochen ist, hat Pyung in der neuen Heimat schnell seinen härteren nordkoreanischen Akzent abgelegt wie altmodische Kleidung. Er ist zusammen mit Südkoreanern auf die Schule gegangen und hat heute kaum mehr Kontakt zu anderen Nordkoreanern. Dennoch wurde die Herkunft zu seinem Geschäftsmodell, genau wie bei Nara. Umgerechnet rund 90 000 Schweizer Franken hat Pyung in den ersten neun Monaten online verdient. Nun plant er ein neues Programm.

Erfolgreich sind vor allem jene, die sich dem neuen System anpassen. Die südkoreanische Regierung hilft ihnen dabei. Einmal angekommen, erhalten die nordkoreanischen Flüchtlinge den südkoreanischen Pass, eine Wohnung, Begrüssungsgeld. In einem Umerziehungscamp werden ihnen drei Monate lang Geschichte und Politik aus der Perspektive Südkoreas beigebracht, sie lernen die Anglizismen, mit denen die Sprache im Süden durchsetzt ist, ebenso lernen sie, Geld abzuheben oder Hamburger zu essen. Basiswissen für die moderne Welt.

Mit Sozialarbeitern erstellen sie Pläne für eine glückliche Zukunft. Junge Nordkoreaner können kostenfrei an den renommierten Universitäten studieren. Jene, die arbeiten möchten, erhalten Jobtrainings. All diese Bemühungen machen das südkoreanische Integrationsmodell einzigartig.Kaum noch etwas an Nara erinnert an Nordkorea. Ihr einziges Mitbringsel aus der Heimat: eine Uhr, ein Geburtstagsgeschenk ihres Vaters. Sie holt sie aus einer Kiste unter dem Bett, legt sie um. Doch die Uhr ist nun zu gross, hängt lasch von ihrem Handgelenk herab. In ihrer Heimat kannte Nara keinen Hunger. Sie isst erst weniger, seit sie in Südkorea lebt. Stattdessen lässt sie sich Vitamine spritzen. Nara, das sind 42 Kilogramm Ehrgeiz und der Traum, Schauspielerin zu werden.

In Nordkorea wurde Nara bestraft, weil sie Jeans trug. Heute besteht ihr Zimmer fast nur noch aus Kleiderschrank, Teddybären – und Selfies. Eines lebensgross und eingerahmt als Puzzle, tausend Teile Nara. Sie hält den Kopf schief und das Smartphone in den Händen. «Südkorea hat meine Tochter sehr verändert», sagt die Mutter, mit der Nara in einer Sozialwohnung im Südwesten von Seoul lebt. Früher sei sie brav gewesen, gehorsam und leise. Heute sehne sie sich danach, im Mittelpunkt zu stehen.

Im Innenhof des Häuserblocks hat Nara ihr eben erst gekauftes Auto geparkt. Im silberfarbenen Hyundai fährt sie ins Nobelviertel Gangnam, ihr Lieblingsviertel, wo sie ihr Lieblingsessen Sushi isst – ohne Reis, denn der macht dick. Auch das Sushi ist eher Dekoration als Nahrung. Selbst wenn sie gerade nicht online ist, wirkt es, als performe sie. Nara greift sich ins Haar, Schmollmund, Selfie, noch ein Selfie.

Südkoreaner halten sie für eine der Ihren. Perfekt integriert. Es wirkt, als hätte eine junge Frau wie Nara alles erreicht. Und dennoch sagt sie: «Freunde habe ich hier keine.» Wäre Kim Jong-un nicht mehr an der Macht, würde sie lieber wieder in Nordkorea leben – «auch ohne Internet». Bisher erhält Nara nur Zusagen für Rollen, in denen sie als Nordkoreanerin auftritt – in der Theatergruppe einer Universität ebenso wie im Fernsehen.

Die Jungen bedienen sich ihrer alten Heimat, um Erfolg zu haben, doch das Etikett bleibt dann an ihnen haften. Yu Jin beschäftigt ebenfalls das Gestern. An der Universität für Nordkorea-Studien in Seoul schreibt sie eine Doktorarbeit über die wirtschaftliche Entwicklung Nordkoreas. Aber mit ihrer Forschung findet sie wenig Gehör. Deswegen spielt auch sie die Nordkoreanerin, führte etwa auf der Architekturbiennale in Seoul als Guide durch eine nordkoreanische Modellwohnung und freut sich, als die Redaktorin der TV-Show sie am Telefon bittet, trotz der Patzer wiederzukommen.

Noch lieber als im Fernsehen aufzutreten würde sie aber im Wiedervereinigungsministerium arbeiten. Am 1. März 1969 wurde das Ministerium für Nationale Wiedervereinigung Koreas nach dem Vorbild des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland eingerichtet. Es koordiniert die Forschung über die Wiedervereinigung auf Regierungsebene. Doch die Aufnahmeprüfung für einen Job im Ministerium ist hart, letztes Mal hat Yu Jin sie nicht bestanden. Nur geflüchtete Nordkoreaner wie sie kennen beide Seiten und könnten die Wiedervereinigung vorantreiben. Es ist ein sehr unwahrscheinliches Szenario, an dem vor allem das offizielle Südkorea interessiert ist. Ein Grossteil der Bevölkerung fürchtet dagegen, dass die Wiedervereinigung mit dem armen Norden das Land wirtschaftlich sehr schwächen würde. Bis auf Weiteres bleibt den Brüdern und Schwestern aus dem Norden nur die Flucht.

«Ich dachte, ich komme in den Himmel», beschreibt Yu Jin ihre Erwartungen. «Aber im Himmel war nicht alles gut.» Genaueres sagt sie nicht, nur so viel: Für ein Leben im Süden hat sie ihre 200 Quadratmeter grosse Wohnung, ihren Hund und ihre Freunde aufgegeben. Trotzdem bereue sie die Entscheidung nicht. Freiheit sei wichtiger als alles andere, sagt sie. Aber nach dreizehn Jahren im Land machen ihr diese Freiheit und das ungewisse Morgen immer noch ein wenig Angst.

Das Leben in Südkorea ist anders als in den Serien, die sich die Jungen im Norden so gern angesehen haben. Zurück können sie nicht. Was also wird aus ihnen?Yu Jin wird wieder im Fernsehen auftreten, im «Moranbong Club» und vielleicht auch in anderen Shows. Und sie wird sich nochmals beim Ministerium bewerben. Sie hofft, eine Familie zu gründen – mit Kindern, die von Geburt an als Südkoreaner aufwachsen.

Nara Kang träumt von ihrem Durchbruch als Schauspielerin, von einer Rolle als «Südkoreanerin», von einem Leben als Star. Sie träumt davon, dass sie das, was sie im echten Leben so gekonnt spielt, auch im fiktiven sein darf. Und Pyung Lee möchte in Zukunft die Seiten wechseln und produzieren. Ein Programm, in dem Nordkoreaner noch nicht gehörte Geschichten erzählen können. Die passenden Protagonisten sucht er noch. Solche, für die sich das südkoreanische Fernsehen nicht interessiert.

Es gibt also Zukunftsperspektiven für die jungen Nordkoreaner im Süden – solange sie ihre Vergangenheit nicht loslassen.

 

 

Foto: Maria Feck