Dieses Tier ist eine Sache

Reportagen, Ausgabe 43/2018

Biologisch betrachtet ist der Mensch nicht mehr als ein großer Affe.

 

ZUM MAGAZINARTIKEL 

 

Wenn Sandra menstruiert wie an jenem Mittwoch im Dezember 2017, ist alles etwas anders als sonst. Sie möchte dann nicht gestört werden, ist passiv, Bewegung liegt ihr ohnehin nicht so. Nähert sich ihr einer der Betreuer, dann weicht sie ihm aus. Sie schaut ihm nicht wie sonst tief in die Augen, sondern eher durch ihn hindurch, als ob er nicht anwesend wäre.
Sandras rotbraunes, zottelig wirkendes Haar, das beinahe ihren ganzen Körper bedeckt, erinnert an die Schale einer Kokosnuss. Ihre Arme sind stark, länger und kräftiger als die Beine. Sie liebt Rucola und während ihrer Tage noch mehr als sonst: Weintrauben. Ihre «Bonbons». Sandra sitzt die meiste Zeit auf einer Felsformation aus Beton oder in einer Ecke dieses sehr überschaubaren Territoriums, von dem sie – die Gefangene – auf die Avenida del Libertador, die Strasse des Befreiers, sehen kann.
Gerade interessiert sie das aber nicht. Sie zieht sich ihren grauen Pullover über den Kopf, wie sie das meistens tut, wenn ein Fremder sie ansieht. Der Pulli lässt ihre kleinen, eng zusammenliegenden
Augen verschwinden. In der Natur bedecken sich Orang-Utans gerne mit Blättern. Sandra ist ein Orang-Utan, 32 Jahre alt, geboren in Norddeutschland, seit 24 Jahren wohnhaft in Buenos Aires, genauer gesagt im ehemaligen Zoo, República de la India 3000. Sie ist dort mittlerweile die Einzige ihrer Art. Und ohne die leiseste Ahnung davon zu haben, ist Sandra auch der wohl bekannteste Orang-Utan der Welt.
Es ist der 18. Dezember 2014, als das zweithöchste Gericht Argentiniens ein weltweit einzigartiges Urteil spricht: «Ausgehend von einer dynamischen und nichtstatischen Rechtsauslegung ist es notwendig, das Tier als Rechtssubjekt anzuerkennen, da nichtmenschliche Subjekte (Tiere) Inhaber von Rechten sind, weshalb ihr Schutz im entsprechenden Kompetenzfeld gegeben sein muss.»
Ein kurzer Absatz, der weitreichende Folgen nach sich ziehen wird. Er besagt: Tiere sind keine rechtlosen Objekte. Weil sich das Urteil auf ein Verfahren im Namen Sandras bezieht, geht es vereinfacht als Schlagzeile um die Welt: «In Argentinien erhält ein Orang-Utan menschliche Rechte.» Sandras Freiheit scheint nah, ebenso das Ende von Zoos und Zirkussen. Doch so einfach ist ihre Geschichte nicht. Fast vier Jahre später sitzt Sandra immer noch im selben Käfig.
Der Mann, der für den Wirbel verantwortlich ist, lebt 900 Kilometer weiter nördlich von seiner Klientin: Pablo Buompadre, 41, Anwalt. Tagsüber Sekretär des Staatsanwalts seiner Heimatstadt Corrientes, die restliche Zeit über unbezahlter gerichtlicher Vertreter von Schimpansen, Eisbären, Elefanten und der Orang-Utan-Dame Sandra. Ein idealistischer Mann mit Dreitagebart, schwarzen gewellten Haaren, einer angenehmen Stimme. Und einer Streitlust, die ihresgleichen sucht.
Buompadre ist Gründer der Organisation Afada, einem Zusammenschluss von lateinamerikanischen Anwälten, die für Tiere vor Gericht ziehen. Sie sind damit nicht die Einzigen. So verklagte die Tierschutzorganisation Peta einen Fotografen im Namen eines Affen, weil er mit dessen Selfies Geld verdiente. Der Fall ging durchs Netz. Nicht nur, weil er so kurios klingt. Sondern auch, weil er eine Frage aufwirft, die lange nicht diskutiert wurde, aber von philosophischer Schwere und zeitloser Bedeutung ist: Sollen Tiere Rechte haben?
«Das argentinische Gesetzbuch bezeichnet Tiere rechtlich als sich bewegende Sachen», sagt Buompadre an einem Sonntagvormittag im Haus seiner Grossmutter. Neben ihm liegt einer seiner zehn Hunde. Dieser sei demnach eine Sache so wie der Stuhl, auf dem er sitze, Eigentum eines Menschen, erklärt er. In der Küche bereiten Pablos Mutter und seine Lebensgefährtin das Essen vor: Hühnchen mit Reis. Für Pablo kochen sie Spaghetti mit Tomatensauce.
Ginge es nach ihm, so hätten Tiere Rechte, wie seine fünfjährige Tochter sie hat, «ohne Verpflichtungen». Sie zu erkämpfen, sei nur eine Frage der Zeit. «Auch wir Menschen sind Tiere, Säugetiere.» Pablo Buompadre spricht daher nicht von Menschen und Tieren, sondern von nichtmenschlichen und menschlichen Tieren. Er vertritt eine biozentrische Sicht, nach der alles «Lebendige» einen ethischen Eigenwert besitzt.
So argumentieren auch Tierrechtler, die von einer neuen Sklavenbefreiung sprechen. Und die soll bei den Menschenaffen beginnen. Die selbst zugeschriebene Sonderposition des Menschen lehnen die Revolutionäre als Anthropozentrismus ab. Das Ziel: Mensch und Tier sollen vollständig gleichgestellt werden – mit aller Konsequenz: kein Konsum mehr von tierischen Produkten, keine Tierversuche, keine Jagd.
Sie fordern das Ende aller Zoos, Zirkusse und Aquarien. Orang bedeutet auf Malaiisch Mensch, Utan heisst Wald. Orang-Utans sind die Waldmenschen. Sie essen hauptsächlich Pflanzen, mögen Früchte, Samen, Blätter und Rinden. Weil sie auch Insekten wie Ameisen oder Termiten verspeisen, kontrollieren sie deren Bestand und sorgen für ein Gleichgewicht des Ökosystems, in dem sie leben. Einst waren Orang-Utans über ganz Südostasien verbreitet, heute existieren nur mehr wenige Populationen auf den Inseln Borneo (Pongo pygmaeus) und Sumatra (Pongo abelii). Von der ersten Art leben noch rund 55 000 Exemplare, von der letzten knapp 15 000. Orang-Utans haben die niedrigste
Fortpflanzungsrate unter den Primaten. Die grösste Bedrohung für ihr Aussterben geht aber vom Menschen aus.
Während des Jurastudiums kämpfte Pablo Buompadre als Aktivist gegen Tierrechtsverletzungen in seiner Heimatstadt. Er erreichte, dass einer der grössten Zirkusse seine Zelte abbrechen musste. 2012 wird er zu einem Tierrechtskongress nach Salvador de Bahia eingeladen. Die Brasilianer sind in der Thematik weiter als seine argentinischen Landsleute, die zu diesem Zeitpunkt nicht über Tierrechte diskutieren, sondern darüber, welches Fleisch am Sonntag auf den Grill gelegt werden soll.
Pablo ist besonders von einem Vortrag fasziniert: Er behandelt die Geschichte des Zoo-Schimpansen Suiza. 2005 wurde für ihn ein Habeas-Corpus-Antrag gestellt. Der Habeas-Corpus-Akt (lateinisch: «Du sollst den Körper bringen») wurde 1679 vom englischen Parlament eingeführt. Fortan konnte der König Personen nicht einfach nach Gutdünken wegsterben – die Verhafteten erhielten ein Recht auf sofortige Haftprüfung. Sie durften «ihren Körper» vor Gericht bringen, hatten fortan das Recht darauf, sofort angehört und angesehen zu werden. Ein historischer Schritt auf dem Weg zum Rechtsstaat.
Zum ersten Mal weltweit wurde dies 2005 auch für ein Tier gefordert. Der Richter lehnte nicht sofort ab, bat um mehr Informationen. Aber ehe er diese erhielt, verstarb Suiza. Zu Hause in Corrientes studiert Buompadre die Situation der Primaten in seinem Land, für ihn allesamt Ausstellungsobjekte in gefängnisartigen Einrichtungen, die sich Zoos nennen. Er wird Vegetarier und verzichtet bald, bis auf Käse, ganz auf tierische Produkte. Und er beginnt, Tiere zu befreien, auf legalem Weg. Als Anwalt hat er Möglichkeiten, die gewöhnliche Aktivisten nicht haben: Er könnte ihre Rechtssituation verändern.
Sein erster Versuch heisst Toti, ein Schimpanse aus dem Zoo von Cordoba. Dem Recht auf Habeas Corpus wird nicht stattgegeben, aber Pablo erreicht mit dem Fall das höchste Gericht Argentiniens. In der Welt der Justiz wird man auf Pablo Buompadre aufmerksam –wenngleich er noch belächelt wird. Sein zweiter Klient ist ein Eisbär, Arturo. Auch für ihn stellt er einen Habeas-Corpus-Antrag, dieser wird auch abgelehnt.
Versuch Nummer drei und vier: In einem privaten Zoo in der Gegend von Entre Ríos lebt unter den unwürdigsten Bedingungen der Schimpanse Toto. Er wird an einer Leine gehalten, zum Fussballspielen genötigt. Das Recht auf Habeas Corpus wird sofort abgelehnt, Toto stirbt. Ungefähr zeitgleich erfährt Pablo vom vergessenen Schimpansen Monti, seit 46 Jahren wohnhaft im Zoo der heissesten Stadt Argentiniens, in Santiago del Estero. Auch ihn kann er nicht befreien.
Jeder Misserfolg schmerzt Pablo. Er, der weit weg von den wichtigen Gerichten unweit der Grenze zu Paraguay versucht, das argentinische Rechtssystem auf den Kopf zu stellen, der dafür auf viele Stunden mit seiner Familie verzichtet, er denkt nicht daran, aufzugeben. Sein Ehrgeiz ist nach wie vor grösser als der Frust. Da hört er zum ersten Mal von einem Orang-Utan namens Sandra, untergebracht im Zoo von Buenos Aires. Seine neue Klientin.
Biologisch betrachtet ist der Mensch nichts anderes als ein grosser Affe. Kognitiv und genetisch stehen uns Menschenaffen so nah wie keine andere Spezies, einst hatten wir dieselben Vorfahren. Im zoologischen Nachschlagewerk Brehms Tierleben schreibt der Autor bereits im 19. Jahrhundert, die Bewohner der Insel Java glaubten, «dass die Affen wohl reden könnten, wenn sie nur wollten, es jedoch nicht täten, weil sie fürchteten, arbeiten zu müssen».
Orang-Utans sind dem Menschen unähnlicher als Schimpansen; die Trennung in der Entwicklung erfolgte vor 15 Millionen und nicht wie bei den Schimpansen vor etwa 7 Millionen Jahren. 96,4 Prozent der DNS eines Orang-Utans sind dennoch mit der unseren identisch. Mit anderen Worten: Nur 3,6 Prozent Unterschied liegen in der DNS von Sandra verglichen mit der ihrer menschlichen Besucher. Bei Schimpansen ist er noch kleiner: 1,6 Prozent. Daher hat Pablo anfangs wenig Hoffnung, mit Sandra mehr zu erreichen als mit Toti, Monti oder Toto.
Wie bei den anderen Tieren wird auch der Hebeas-Corpus-Antrag für Sandra in erster Instanz abgelehnt. Afada erhebt Einspruch dagegen. Wenige Wochen später landet die Causa beim zweithöchsten Gericht Argentiniens. Die drei zuständigen Richter gehen nicht auf die Bitte um Habeas Corpus ein, aber sie sprechen das noch viel wichtigere Urteil, das nicht nur Sandra, sondern sämtliche Tiere als Subjekte mit Rechten bezeichnet.
Als Pablo Buompadre davon erfährt, ist er gerade im Büro seines Brotjobs. Sein Anwaltskollege aus Buenos Aires ruft ihn an: «Pablo, das Urteil ist da. Setz dich hin.» Er liest ihm den berühmten Absatz vor, Pablo bringt kein Wort heraus. Der 18. Dezember 2014 ist ein beinahe unerträglich heisser Tag in Corrientes, aber Pablo hat nun Gänsehaut. Er weint vor Glück. Als er sich beruhigt, spürt er Genugtuung: Endlich hat sich die Mühe gelohnt.
Die Tage danach werden für Buompadre zu den «schlimmsten meines Lebens». Eigentlich beginnen die Sommerferien in Argentinien, aber nachdem das Urteil um die Welt gegangen ist, rufen ihn Journalisten und Aktivisten aus aller Welt an. Kollegen, die sich vorher lustig machten, gratulieren ihm. International anerkannte Anwälte für Tierrechte unterstützten ihn nicht. «Aus Neid», sagt Buompadre. Neid auf den Anwalt, der ohne finanzielle Mittel Grosses erreicht hat.
Dabei fängt der Kampf für Sandras Freiheit zu dem Zeitpunkt gerade erst an. Das Gericht hat keine Entscheidung über Sandras Zukunft gefällt, sondern angeordnet, eine mögliche Misshandlung zu überprüfen. Die Staatsanwältin schickt einen Gutachter in den Zoo – keinen Primatologen, und, wie Afada später herausfindet, einen in illegalen Tierhandel verwickelten Mann. Er schaut in der Mittagspause bei Sandra vorbei und kommt zu dem Urteil, ihr gehe es prächtig. Daher bittet die Staatsanwältin den zuständigen Strafrichter, die Untersuchung ad acta zu legen.
Dieser erkennt im April 2015 die Organisation Afada als rechtmässigen, gerichtlichen Vertreter Sandras an, da sie «ein fühlendes Wesen» sei, «aber unfähig, sich selbst zu verteidigen». Er gestattet, mehr Beweise für die Misshandlung vorzulegen. In den Folgemonaten beendet der Richter den Fall aber gleich zweimal. Afada erhebt beide Male Einspruch und erhält von einer höheren Instanz recht. Von dieser werden Buompadre und seine Kollegen gebeten, die Verantwortlichen einer
Misshandlung zu nennen. Das Verfahren dauert bis heute an – aber dazu später mehr.
Neben Sandras Käfig lärmen ihre Nachbarn, die Schimpansen, diese unruhigen, unterhaltsamen Wesen. Wäre ein Schimpanse der Clown auf dem Pausenhof, könnte man sich den Orang-Utan als ein in sich gekehrtes, eher schüchternes und friedliebendes Kind vorstellen. Nur wer sich Zeit nimmt, gewinnt sein Vertrauen. Orang-Utans sind weniger kommunikativ und scheuer als andere Menschenaffen. Nicht nur sie selbst mögen unpopulärer sein als Schimpansen oder Gorillas, auch ihre bekannteste Verhaltensforscherin Biruté Galdikas ist weit weniger bekannt als Jane Goodall oder Dian Fossey. Niemand weiss mehr über Orang-Utans als die Kanadierin. Im Süden Borneos führt sie seit vielen Jahren ein Forschungszentrum.
Um Sandras grundlegendes Recht auf Freiheit einzufordern – das ihr durch das berühmte Urteil des zweithöchsten Gerichts Argentiniens zustünde –, geht Pablo neben dem strafrechtlichen noch einen
weiteren Weg, durch den er glaubt, schneller voranzukommen. Er startet eine zweite Klage, und zwar auf ziviler Ebene. Und ausnahmsweise sieht es so aus, als streife ihn das Glück. Denn die per Los entschiedene Richterwahl hätte nicht besser ausgehen können: Sie fällt auf Dr. Elena Liberatori.
Die Richterin mit den roten Haaren empfängt in ihrem Büro an der Avenida de Mayo 654 im neunten Stock, unweit des Balkons, von dem einst Evita zu den Menschen sprach. In Theatralik steht Liberatori jener in nichts nach. «Willkommen», ruft sie mit offenen Armen, ihre Stimme überschlägt sich. Sie bittet an einen runden Tisch. Dort sitzen aneinandergereiht ihre engsten Mitarbeiter: eine Sekretärin, ein Anwalt, eine Anthropologin. Als ob sie sich selbst ermahnen müsste, schlägt Liberatori eine Glocke. Konzentration, es geht um Wichtiges.
«Ach, Sandra», sagt sie dann. Sie wird ernst, wenn sie von ihr spricht. Sie habe Sandra durch eine Akte kennengelernt, die irgendwann auf ihrem Schreibtisch landete: «Sandra gegen die Stadt Buenos Aires». Ihre Sekretärin schüttelt den Kopf, nein, das stand da nicht. «Aber so ähnlich», sagt die Richterin. Jedenfalls war da dieser Fall, ein Orang-Utan, der sich in Gefangenschaft befinde und befreit werden sollte. Ihr erster Gedanke: «Ein Tier als Kläger». Sie, die mit 14 Jahren beschlossen hatte, Richterin zu werden, weil sie die Rechte von Tieren verteidigen wollte, war begeistert.
Es ist das erste Mal, dass eine Richterin den Antrag auf Freiheit für ein Tier nicht sofort archivieren lässt, sondern selbst zu forschen beginnt. Liberatori liest Theorien über Tierrechte, schaut sich Dokumentarfilme an. Der Titel eines Buches fasziniert sie: Die nicht menschlichen Personen. Per Skype befragt sie Experten aus Australien, Kanada, den USA. Sie versteht: Wie wir über etwas denken, über Frauen, Schwarze, Tiere, ist nicht natürlich gegeben. Es kann verändert werden.
Wie zum Beweis für ihre Arbeit lässt Liberatori nun einen Ordner ins Zimmer bringen, 200 Seiten umfasse er und sei doch nur einer von sechs, sagt sie. Dazu kämen Stunden von Videomaterial der Besprechungen. Sie öffnet eine Mappe, in der Artikel über Sandra gesammelt sind, von Medien aus Indonesien, Grossbritannien, Portugal. «Die Welt ist hier drinnen.»
Liberatori sagt, sie habe nie Zweifel daran gehabt, dass Sandra Rechte zustehen. Sie findet Stierkämpfe barbarisch, sie möchte Pferderennen beenden. Sie war immer gegen Pelz, gegen Zoos, «mein ganzes Leben lang». Sie hat fünf Hunde, «alles Wichtige in meinem Leben habe ich von ihnen gelernt». Elena Liberatori ist überzeugt: Tiere haben ein Gefühl für Gerechtigkeit. Daher sind Sandras Verteidiger positiv gestimmt, als die Richterin am 21. Oktober 2015 ihr Urteil verkündet. Sie bezeichnet Sandra darin als fühlende, nicht menschliche Person. Zum zweiten Mal erhält Sandra vor Gericht Rechte zugesprochen.
Aber hier endet das Urteil nicht, Liberatori macht einen entscheidenden Zusatz. Sie bestimmt eine Kommission aus drei Menschen, die über Sandras Zukunft entscheiden sollen. Unter ihnen ist auch
der ehemalige Direktor des Zoos. Ein Mann, der im selben Jahr wegen illegalen Handels mit bedrohten Tierarten angeklagt wird. Und der kein Interesse daran hat, einem Tier menschliche Rechte zu verleihen.
Warum Elena Liberatori diese Männer nennt, darunter ausgerechnet einen Kriminellen, erklärt sie nicht. Es bleibt ein Rätsel. Buompadre sagt, weil sie letztlich Angst gehabt habe, Verantwortung zu
übernehmen. Sie hätte auch eine sofortige Befreiung und Umsiedlung anordnen können. Vor ihrem Bücherregal steht ein riesiges Bild von Sandra, daneben ein Gedicht, das sie nach einem langen Arbeitstag für sie geschrieben hat. Es schliesst mit den Worten: Wir haben dir deine Würde geraubt. Sandra. Entschuldige. Deine Richterin.
Sandras Lieblingsplatz, eine künstliche Steinformation in ihrem Gehege, ist versehen mit einem Trinkbrunnen und liegt gegenüber einer Grube, die den Käfig von der Aussenwelt trennt. Beobachtet man sie ein paar Stunden lang, so kann es sein, dass sie den Ort nur wenige Male verlässt. Das Lebendigste an ihr ist nicht der Körper, zuweilen wirkt er teilnahmslos, desinteressiert, ja stumpf. Aber welch ein Widerspruch ihr Blick! So schaut kein Hund, keine Katze. Vielleicht ein Mensch. Sie starrt jedenfalls nicht, so wie das Zoobesucher vielleicht tun. Sandra sieht dich. Neugierig, durchdringend, fragend. So intensiv, dass dein Körper mit Gänsehaut reagiert. Und es dich unvorbereitet trifft.
Liberatori besucht Sandra nur einmal, ein Jahr nach dem Urteil. Weil sie ihrem Blick nicht standhalten kann, verlässt sie den Zoo. Dann organisiert sie einen Baumstamm und Seile zur Beschäftigung. Sie lässt Sandras Diät verbessern, aber sie befreit sie nicht. Keine Frage: Elena Liberatori will auf der Seite der «Guten» stehen. Die Richterin hat höhere Preise für U-Bahn-Tickets in Buenos Aires verhindert und sich für Armenviertel eingesetzt. Aber dennoch ist sie die widersprüchlichste Person in dieser Geschichte. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Plüschschimpanse, so wie ihn Jane Goodall bei sich trägt. Einen Orang-Utan habe sie nicht finden können, sagt die Richterin fast entschuldigend.
Pablo Buompadre kann darüber nur den Kopf schütteln. Die beiden sind nicht gut aufeinander zu sprechen. Liberatori verliert ihre Freundlichkeit nur ein einziges Mal. Nämlich in dem Moment, in
dem sie über den Anwalt spricht: «Er will mich so darstellen, als sei ich die Böse.» Er hingegen sagt: «Sie eignet sich nur dazu, Interviews zu geben.» Und so ist Sandra zwischen den beiden, die angeblich nur Gutes für sie wollen, zum Streitgegenstand geworden. Beide beanspruchen sie für sich. Wie ein zerstrittenes Elternpaar, das sich um das Sorgerecht für das gemeinsame Kind zankt.
Jemand, der Sandra viel länger kennt als die beiden und dem sie vielleicht am meisten am Herzen liegt, ist Aldo Giudice, einer der wenigen Primatologen Argentiniens. 1994 hat er als junger Student für seine Doktorarbeit das Verhalten von Menschenaffen im Zoo von Buenos Aires studiert. Sein Ziel war es damals, die Verhaltensforschung in seinem Land aufzubauen, als Brücke zwischen Mensch und Tier, «weil wir nicht dieselbe Sprache sprechen, aber einander sehr ähneln».
Giudice wirkt heute wie ein gebrochener Mann, mit Bauchansatz und einem lahmen Bein. Er ist kein Verhaltensforscher geworden, sondern Biologielehrer am Gymnasium. Er schliesst die Augen, wenn er von Sandra spricht. Ihr Schicksal rührt ihn, mehr noch: Er leidet darunter. Dass er nichts für sie hat tun können oder für die anderen Primaten. In Argentinien gäbe es zwar «ein Gesetz gegen Tiermisshandlung, aber niemanden, der qualifiziert ist, diese zu bewerten». Misshandlung bedeute nicht nur, ein Tier zu schlagen, sondern auch, «es nicht zu verstehen. Nicht zu wissen, was es braucht.»
Als er beauftragt wird, für die zivile Klage ein Gutachten über Sandra zu erstellen, wird er mit seinem alten Traum konfrontiert. Und mit dem Gefühl, mehr als zwanzig Jahre seines Lebens falsch investiert zu haben. Zuerst überwiegt jedoch die Freude. So oft er kann, sitzt er Sandra gegenüber, fühlt sich in sie hinein. Sieht ihr zu, wenn sie schläft, kaut, sich langweilt, ihr Geschäft verrichtet. Insgesamt beobachtet er sie 120 Stunden lang, «wenig Zeit», sagt Aldo, denn ein Tier zu beobachten, sei enorm schwierig. Er überlegt jedes Wort genau, bevor er spricht. «Orang-Utans sind wie Kinder», sagt er dann. Anders als Schimpansen hätten sie ein sehr zartes Gemüt. «Sandra ist stark,
sie ist ein Diamant.»
Rund 1,40 Meter gross, zirka 40 Kilogramm leicht: zart im Vergleich zu den doppelt so schweren Männchen. Und dennoch: Ihre Arme haben eine Spannweite von gut zwei Metern. Aber knapp 60 Prozent des Tages sei sie inaktiv und zutiefst gelangweilt. Sie manipuliere gezielt ihre Pfleger, bei jedem neuen Menschen teste sie dessen Grenzen aus. Sie zeige klar ihre Präferenzen. Wie in der Natur baue sie sich Nester mit umliegenden Materialien. Mit Händen, Füssen, dem Mund oder ihrem Rücken transportiere sie Sachen von einer Ecke zur anderen, ohne Nutzen. Daneben weise sie ein repetitives Verhalten auf: Oft schlage sie wie in Trance stundenlang gegen eine Gittertür, die Sommer- und Winterkäfig trennt. Und manchmal packe Sandra ihre Exkremente in ein T-Shirt ein und lege sich darauf, für den Experten ein hoch pathologisches Verhalten.
Tiere wie Sandra seien unser Spiegel, sagt Aldo Giudice. «Sandra ist ein Fisch ausserhalb des Wassers.» Ein Tier, das in Bäumen leben sollte, aber nie einen echten berührt hat. Das nicht weiss, was ein Wald ist. Fast ihr ganzes Leben halten sich Orang-Utans in Baumkronen auf, wo sie sich mit ihren hakenförmigen Greifhänden und -füssen in den Ästen einfädeln und tänzelnd von einem zum anderen schwingen. Fürs Gehen sind sie nicht gemacht. Was für ein Kontrast dazu ist Sandra. Immer sei sie auf dem Boden zu finden, sagen ihre früheren wie jetzigen Pfleger. Wie jemand, der das Potenzial seines Körpers nie ausgeschöpft hat, der zu Fuss schon auf dem Weg in den zweiten Stock keucht.
Für Giudice gibt es zwei Möglichkeiten, mit traumatisierten Tieren umzugehen: sie zu töten oder sie zu heilen. «Wir haben den Mittelweg gewählt.» Früher dachte er, in einem Zoo würden Tiere studiert, würde ihnen weitergeholfen, aber das sei in Buenos Aires nicht passiert. «Es war ein Ort der Aufbewahrung, eher Zirkus als Zoo, eine Schande.» In seinem Bericht, den er der Richterin Liberatori vorgelegt hat, kommt er zum Schluss: Sandra sei in körperlich guter Verfassung für einen Umzug. Er legt einen solchen nahe.
Achtzehn Hektar gross ist der ehemalige Zoo von Buenos Aires, 1888 wurde er eröffnet. Eine Institution inmitten der Stadt, umzingelt von Strassen und Beton. Kaum jemand aus Buenos Aires, der ihn nicht von innen kennt. Lange wurde er von der Stadt betrieben, bis man in den neunziger Jahren Konzessionen an Privatpersonen vergab. «Zum Teil waren das Leute, die sonst Konzerte organisierten», erinnert sich ein ehemaliger Tierarzt des Zoos. Damals sei der Ort ein Umschlagplatz für Tierhandel gewesen. «Wären nicht ständig neue Tiere gekommen, wäre er leer gewesen.»
2016 läuft die Konzession aus, und der Zoo fällt wieder in die Obhut der Stadt Buenos Aires. Er wird offiziell geschlossen und danach in Ecoparque umbenannt. Eine Veränderung wird gross angekündigt, exotische Tiere sollen umgesiedelt und zum Teil durch einheimische und in grösseren Käfigen lebende Tiere ersetzt werden. Seit September 2017 sind keine Besucher mehr erlaubt, da der Ecoparque zur Baustelle geworden ist. Das Hämmern und Bohren übertönt den Strassenlärm.
Dazwischen leben noch immer rund 1000 Tiere: Giraffen, Nashörner, Elefanten, ein Kondor, Schimpansen. Und Sandra. Der Ecoparque scheint Pressefragen zu Sandra leid zu sein. Ihre Gesundheitsakte will er nicht freigeben, auch nicht über ihre Vergangenheit reden. Aber die lässt sich über andere Wege ans Licht bringen.
An einem kalten Wintertag im Jahr 1986, am Tag der Liebenden, dem 14. Februar, wird Sandra in Rostock in die Welt der Menschen hineingeboren. Als Hybrid, eine Kreuzung aus einem Orang-Utan aus Borneo und einem aus Sumatra – Tiere wie Sandra gibt es nur, weil Menschen entschieden haben, dass es sie für ihr Vergnügen und für Forschungszwecke geben soll.
Mit drei Jahren wird Sandra von den Eltern getrennt, mit ihrem späteren Partner Max zieht sie im November 1992 ein weiteres Mal um, gemeinsam verlässt das Affenpaar Deutschland im September 1994 Richtung Argentinien. Die letzten Orang-Utans sind dort 1974 verstorben. Zwanzig Jahre
später kommen Sandra und Max in Buenos Aires an. Von dem Willkommenstes gibt es zig Fotos, ein Medienspektakel, denn Sandra und Max sind die Spende eines vermögenden und medienaffinen Unternehmerehepaars.
Ihre Firma Medicorp vertreibt in den neunziger Jahren Krankenversicherungen für die Mittel- und Unterschicht Argentiniens. Der Besitzer ist damals medial bekannt. Als er mitbekommt, dass der Zoo von Buenos Aires zwei Orang-Utans aus Deutschland kaufen möchte, aber kein Geld hat, schlägt er ihnen ein Geschäft vor: Orang-Utans gegen Publicity. Leuchtende Augen auf beiden Seiten, er überweist 50 000 US-Dollar an den Zoo. Als Dank an die Spender erhalten die Affen die Vornamen ihrer Gönner: Aus Max wird Rafael, aus Sandra Marisa.
Das Werbeshirt, das der Unternehmer Sandra in die Hand gibt, als sie benommen aus dem Transportkäfig steigt, zieht sie sich prompt über den Kopf. «Besser als jede Inszenierung!», denkt er. Neben dem Käfig stehen fortan zwei Promoterinnen, die Flyer von Medicorp verteilen. Nur drei Jahre später trennt sich das Unternehmerpaar, die Orang-Utans erhalten ihre ursprünglichen Namen zurück.
Lange dachte man, Orang-Utans seien weniger intelligent als andere Menschenaffen. Heute ist klar, dass das nicht stimmt. Sandra kann so tun, als ob sie schlafe. Sie kann sich dort verstecken, wo sie niemand sieht; früher bemängelten die Besucher dann den leeren Käfig. «An Sandra war man nur zu Reproduktionszwecken interessiert», sagt ihr Anwalt Pablo Buompadre. Aber weil sie noch zu jung ist, wird sie nicht schwanger. Daher muss ein weiterer fruchtbarer Orang-Utan her. Man
findet ihn wieder in Deutschland, im Zoo von Hannover: Conny.
Nach zwei Jahren der Verhandlungen kommt Conny im März 1998 nach Argentinien, gemeinsam mit zwei unfruchtbaren Orang-Utans, Timo und Sara. Alle drei Hybride sterben früh, Conny, die älteste von ihnen, mit 22 Jahren. In Buenos Aires wird indes Max’ Tod knapp verhindert. Vor den Augen der Zoobesucher erhängt er sich beinahe mit einem Kabel, das unachtsam aus der Wand ragt.
Um die Tiere in bestimmten Momenten zu kontrollieren, brachten die Betreuer sie damals in einen kleinen Teil des Käfigs, sie nennen ihn Kerker. Viele Jahre ist dieses Verlies Sandras Schlafort. Dort verbringt sie täglich 14 Stunden. Von 18 Uhr, wenn der Zoo schliesst, bis 8 Uhr morgens, wenn die Betreuer ihre Arbeit beginnen.
Manche Pfleger setzen eine elektrische Stange zur Züchtigung ein. In allen Zoos, so erzählen es ehemalige Mitarbeiter, würden die Tiere grob vernachlässigt. 2017 startet Pablo Buompadre daher einen neuen strafrechtlichen Prozess, in dem er diese Ereignisse gesammelt anprangert. Es ist die Causa «Misshandlung der Familie von Sandra».
1998 kopulieren Sandra und Conny mit Max, schwanger wird überraschenderweise nur die jüngere Sandra. Am 2. März 1999 bringt sie einen Sohn zur Welt, es ist der erste und einzige Orang-Utan, der bisher in Argentinien geboren wurde. Die Zoobesucher taufen ihn Gembira.
Sandra kümmert sich liebevoll um das Kleine. Bis zum 12. Tag, als ein Tierarzt diagnostiziert, sie habe aufgehört, das Baby zu stillen, und es stehe kurz vor dem Tod. Kurzerhand lässt er Sandra betäuben und nimmt ihr das Junge weg. Als Sandra aufwacht, liegt Gembira mit Windeln in den Armen einer Zooangestellten, die ihn fortan mit einem Fläschchen füttert.
Der kleine Gembira zieht Tausende von Besuchern an, Prominente lassen sich mit ihm ablichten. Sandra bleibt allein zurück. Ein paar Tage nach der Trennung legt man ihr eine Puppe mit Urin von Gembira in den Käfig, sie zerreisst sie in Stücke. Nach 17 Monaten – als das öffentliche Interesse an dem Orang-Utan-Baby abgenommen hat, als sie das Maximum aus ihm herausgeholt haben – wird eine Wiedervereinigung von Mutter und Sohn versucht. Sandra ist sehr interessiert an Gembira, riecht an ihm, aber er nicht an ihr.
Noch einmal soll Sandra Nachwuchs bekommen. Da Max, der einzige männliche Orang-Utan, nun im Zoo von Cordoba lebt, wird Sandra zu ihm gebracht. Aber sie verweigert sich ihm vehement und kommt ein knappes Jahr später wieder zurück nach Bueno Aires. Inzwischen ist Gembira dort zum zweiten Mal verschwunden. Diesmal für immer. Laut Gerüchten ist er in einen chinesischen Zoo gebracht worden. Seit 2008 lebt Sandra allein. Als Max ein Jahr später in Cordoba stirbt, ist sie die letzte ihrer Art in Argentinien und die vorletzte in ganz Lateinamerika.
Ob sie sich noch an ihre alten Weggefährten erinnern kann? Seit einer Weile hat sie einen neuen gefunden. Ab und an legen ihr die Betreuer ein Kätzchen in den Käfig, mit dem sie, so Primatologe Giudice, eine Art Mutter-Kind-Beziehung führt. Sie wickelt es in ein T-Shirt und deckt es wieder zu, wenn es sich daraus befreit. Manchmal trägt sie es auf ihrem Rücken im Käfig herum. Geht das Spiel zu lange, versuchen die Pfleger, das Kätzchen gegen Essen auszutauschen. Nicht immer willigt Sandra sofort ein, richtig aufmüpfig wird sie nie.
Im ehemaligen Zoo ist Sandra mittlerweile der Star für die Mitarbeiter. Ihr Alltag ist nun abwechslungsreicher, mit Beschäftigungsprogrammen, die ihre mentalen Fähigkeiten fördern sollen. Längst wird ihr die Nahrung nicht einfach vorgesetzt, sie muss sich dafür anstrengen. Früher ist sie von den Besuchern gefüttert worden, mit Keksen, die sie am Eingang kauften. Manchmal warfen sie ihr ein Stück Pizza vor die Füsse. Die Fotos von damals zeigen eine übergewichtige Sandra, mit 15 Kilogramm mehr auf den Rippen. «Sie werden sie noch mit einem Ferrari zum Flughafen bringen», scherzt ihr Anwalt.
Pablo Buompadre hat Sandra nur einmal gesehen, im Mai 2017. Er hat sie gefilmt, wie sie mit einem Stock gegen einen Coca-Cola-Becher schlägt. Wieder und wieder. Sein Schatz sind Videos wie dieses, mit denen er die für ihn unwürdigen Lebenssituationen dokumentieren will. Er hält sie geordnet auf seinem Laptop. Der Anwalt befreit Tiere wahllos, das grosse Ziel scheint wichtiger als das einzelne Schicksal. Daher ist er immer auf der Suche nach neuen Klienten. Für die Schimpansin Cecilia hat er das geschafft, was ihm für Sandra verwehrt blieb: Im November 2016 genehmigte eine Richterin den Habeas-Corpus-Antrag. Cecilia lebt nun in Halbfreiheit, in einem Freigehege ausserhalb des Zoos.
In den Gerichten Argentiniens stapeln sich indessen die Ausreden, die Sandras Befreiung verhindern. Der strafrechtliche Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Weil Buompadre als Verantwortliche für die Misshandlung von Sandra auch Politiker nennt, bleibt der Vorwurf diffus. Denn weil die Politiker nie direkten Umgang mit Sandra hatten, können sie nicht wegen Misshandlung belangt werden. Der zweite strafrechtliche Prozess «Misshandlung der Familie von Sandra» ist eingeschlafen, bevor er überhaupt losging. Und auch in der zivilen Klage mit Richterin Elena Liberatori ist keine Einigung in Sicht.
Sandras Gehege ist geschätzte 50 bis 80 Quadratmeter gross. Rund 300 Hektar, oder drei Millionen Quadratmeter, misst hingegen das Revier, in dem sich Orang-Utans in Freiheit aufhalten. In diesem können sie zwischen tausend Pflanzen unterscheiden, ist ihnen jeder Baum bekannt ebenso wie das Obst, das darauf wächst. Für die Futtersuche durchforstet ein Orang-Utan im Urwald ein Gebiet von einem Quadratkilometer.
Sandra könnte in der Wildnis nicht überleben, sie wüsste nicht, wo sie ihr Essen suchen sollte. Sie hat keine Vorstellung davon, dass es noch etwas anderes gibt als diesen beengten Lebensraum, der ihre Welt darstellt. Das Maximum an Freiheit, das sie je geniessen wird, ist ein Dasein in einem Zufluchtsort für grosse Primaten. In Gefangenschaft leben Orang-Utans meist zehn Jahre länger als in freier Wildbahn. Wenn sie Glück hat, oder Pech, könnte Sandra noch 30 Jahre leben. Aber wo, darüber streiten sich die Beteiligten. Jeder glaubt zu wissen, was das Beste sei für Sandra. Und jeder kämpft für sich allein.
Für Pablo Buompadre liegt der Ort in Brasilien, im Zufluchtsort Sorocaba nahe Sao Paolo. Im Juli 2017 lehnte die Richterin Liberatori eine Verlegung dorthin allerdings ab. «Nur weil es nicht ihre Idee gewesen ist», sagt Pablo. Aldo Giudice würde Sandra am liebsten in Borneo wissen, bei ihren Ursprüngen, bei seinem Vorbild, der grossen Orang-Utan-Verhaltensforscherin Biruté Galdikas. Der Primatologe hat ihr eine Mail geschrieben, Liberatori und Buompadre behaupten dasselbe. Aber niemandem soll sie geantwortet haben. Im Interview mit der argentinischen Tageszeitung La Nación sagte Galdikas 2016: «Sandra ist in Borneo herzlich willkommen.»
Und Liberatori? Sie favorisiert einen anderen Ort, das Center For Great Apes in Florida. Anders als in Sorocaba gäbe es dort geschultes Personal für Orang-Utans. Und Bäume. Aber auch mehr Vorschriften, um ein exotisches Tier einführen zu dürfen. Im Dezember 2017 beschloss die Richterin Sandras Verlegung dorthin. Anfang Juli 2018 bekam Sandra einen Fruchtcocktail vorgesetzt, versehen mit einem Beruhigungsmittel, das sie schläfrig werden liess. Dann schoss man ihr einen Pfeil mit dem Narkosemedikament Tilazol in den Nacken. Wenig später lag sie auf einem Operationstisch, um für die bevorstehende Übersiedlung nach Florida von den Augen bis zu den Zehen durchgecheckt zu werden.
Sandra wurde auf Krankheiten wie Tuberkulose, Hepatitis A, B und C untersucht, ihre Nasenlöcher und der Rachenraum auf Anzeichen von Grippe. Zahnbilder wurden gemacht, ausserdem Blut-, Urin- und Stuhlproben entnommen. Eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs wurde durchgeführt, ein Elektrokardiogramm sowie eine spezielle Untersuchung des Herzens und ein Ultraschall des Bauchraums. Sie wurde gegen Tollwut und Tetanus geimpft. Neben einem Team aus Experten und Ärzten, darunter ein Tierarzt des Ecoparque, ein Kardiologe und ein Spezialist für Ultraschall, war auch Richterin Liberatori anwesend. Sie folgte dem Verfahren von einem Glasraum aus, gleich neben dem Operationssaal.
Ach, Sandra. Von all dem Rummel um sie herum, von den Sticheleien und Machtkämpfen, bekommt sie nichts mit. Seit Juni 2016 lebt sie völlig abgeschirmt, besucht werden kann sie nur mit richterlicher Erlaubnis. Sie fragt sich vielleicht, wo all die Menschen geblieben sind, sie ist sie stärker gewohnt als andere Orang-Utans. Und sie liebt den Kontakt zu ihnen.
Früher oder später wird Sandra Argentinien verlassen. Weil Liberatoris Urteil von einem höheren Gericht angefochten wurde, wird sie dies jedoch nicht als Subjekt tun. Sie wird gehen als das, was sie rechtlich – bis auf einen kurzen Moment – zeit ihres Lebens war: eine sich bewegende Sache.