Auffallend schön

Süddeutsche Zeitung Magazin, 6. Dezember 2019

Madeline Stuart ist Model und hat das Down-Syndrom. Immer an ihrer Seite: ihre Mutter Rosanne, die sich nicht mehr für die Karriere ihrer Tochter rechtfertigen will. Unterwegs auf der New York Fashion Week

 ZUM MAGAZINARTIKEL


Wie eine Porzellanpuppe, still und geduldig, sitzt die junge Frau auf einem Schminksessel im Backstagebereich einer Modenschau. Es ist Fashion Week in New York, September 2019. Ihre rostroten Haare sind zu einem langen Zopf geflochten, ihre blauen Augen blicken scheu nach links und rechts, ihre Füße berühren kaum den Boden, in ihren breiten Händen mit den kurzen Fingern hält sie eine Make-up-Tube, speziell für ihre schneeweiße, von Sommersprossen übersäte Haut. Bald beginnt die Show, da stellt Madeline Stuart, 23, eine Frage, die sie in dieser Woche in New York, inmitten der Hektik, häufig beschäftigt: »Where is my mom?« Verständlich sind nur die letzten beiden Wörter: »… my mom.«
Ihre Mutter Rosanne Stuart, 48, blond, ungeschminkt und schlicht gekleidet, sitzt schon am Laufsteg. In der ersten Reihe, damit sie filmen kann. Während ihre Sitznachbarinnen Selfies machen, richtet sie ihre Kamera nicht auf sich selbst, sondern auf die leere Bühne vor sich. Licht aus, Scheinwerfer an, ein Model nach dem anderen schreitet im Gleichschritt der Elektrobeats den Laufsteg ab. »Das ist eine der wichtigsten Schauen der Woche«, flüstert Rosanne. Sie ist angespannt. Und wenn Rosanne angespannt ist, dann ist es auch Madeline. Rosannes Gesichts-ausdruck ist Madelines Kompass. Es dauert ein bisschen zu lange, bis das nächste Model die Bühne betritt, es ist Madeline in einem schwarz gepunkteten Satinkleid der ungarischen Marke Amnesia. Sie hat die Aufmerksamkeit des Publikums nun für rund 30 Sekunden für sich. Sie muss jetzt alles richtig machen. Zugleich sind diese 30 Sekunden auf dem Laufsteg beinahe die einzigen des Tages, in denen Madeline auf sich allein gestellt ist. Auf dem Laufsteg ist Madeline unkontrollierbar.
Mehr als fünf Jahre zuvor, im März 2014, sitzt die 17-jährige Madeline Stuart zu Hause in Brisbane, Australien, und weint. Ihr fällt das Atmen schwer, sie ist zu dick, ständig krank. So erzählt es ihre Mutter. Rosanne fragt sie damals, ob sie fitter werden möchte, woraufhin die Tochter energisch nickt. Rosanne stellt Madelines Ernährung um. Keine Burger, keine Pommes mehr, kleinere Portionen Sushi, viel Gemüse. Knapp ein halbes Jahr später hat Madeline 17 Kilo abgenommen. Gemeinsam besuchen Mutter und Tochter eine Modenschau. Madeline ist fasziniert von den Frauen auf dem Laufsteg. Sie blickt zu ihrer Mutter und sagt: »Mum me model.« Mama, ich will Model sein.
Im Mai 2015 posiert Madeline im kurzen Blümchenkleid. Zum ersten Mal ist sie professionell geschminkt und frisiert worden. Sie hat ihre Mutter gebeten, vor der Tür zu warten, nach 40 Minuten tritt sie strahlend aus dem Fotostudio. Zwei Wochen später bekommt Rosanne die Bilder und ist überwältigt von der Schönheit und Wandelbarkeit ihrer Tochter. Sie erstellt Social-Media-Accounts in Madelines Namen und postet die Vorher-Nachher-Fotos. Das US-Supermodel Karlie Kloss entdeckt Madeline und twittert über sie, auf Facebook teilen Ashton Kutscher und Paris Hilton ihre Bilder, die 6,8 Millionen Mal geklickt werden. Medien berichten, Madeline wird zur Fashion Week nach New York eingeladen. Als sie im September 2015 zum ersten Mal auf den Laufsteg tritt, in Haute Couture des südafrikanischen Designers Hendrik Vermeulen, jubelt das Publikum. Rosanne Stuart rührt die Erinnerung an diesen Moment noch heute. Sie sagt: »Bis dahin hatte sie noch nie jemand mit meinen Augen gesehen.« Als eine wunderschöne junge Frau mit Down-Syndrom.
Lange beherrschten rigide Schönheitsideale die Laufstege. Erst seit ein paar Jahren zeigt die Modebranche ihre Kleidung auch an Menschen, die diesen Idealen nicht entsprachen: Frauen mit Normalgewicht und Pigmentstörungen, Menschen nach Geschlechtsangleichungen, Menschen mit Behinderungen. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Modefirmen diese Casting-Entscheidungen
aus reiner Nächstenliebe treffen. Sie wollen mit der Zeit gehen, und die Zeit gebietet Diversität.
Madeline Stuart profitiert davon. »Maddy«, wie sie ihre Fans nennen, ist Model und Designerin ihres eigenen Modelabels 21 Reasons Why, benannt nach dem 21. Chromosom, das bei Menschen mit Trisomie 21 wie Madeline dreifach statt doppelt vorhanden ist. Mehr als eine Million Menschen folgen ihr auf Social Media. In New York wird Madeline immer wieder erkannt und angesprochen, im Supermarkt, auf der Straße. Auch deshalb dürften sich die Designer für sie interessieren: Madeline ist eine Multiplikatorin. Laut dem Magazin Forbes ist sie eine »Game Changerin Nr. 1« in der Modeindustrie – für ihre Mutter und ihre Fans ist sie eine »Aktivistin für Inklusion«. Madelines Sichtbarkeit auf den Laufstegen hat eine politische Dimension. Aber kann eine Frau Aktivistin sein, die gar nicht um ihren Aktivismus weiß? Wird man zur Aktivistin, weil andere in einem ein Vorbild sehen?
Madeline Stuart kann diese Fragen nicht beantworten. Kommunikation ist ihre größte Herausforderung. Die Muskulatur von Madelines Zunge ist schwach, manchmal hängt sie ihr unkontrolliert aus dem Mund. Sie scheint alles zu verstehen, spricht selbst aber nur einzelne Wörter. »Yeahhh« oder »ye yu«, was »Thank you« bedeutet. Man kann von Madeline nicht verlässlich erfahren, wie es ihr geht. Man kann sie beobachten: Madeline umarmt jeden mit der gleichen Intensität, einen Türsteher genauso wie den CEO von Tommy Hilfiger. Nichts ist einstudiert, alles passiert spontan. Hat sie keine Lust, wirkt sie abwesend, als hätte sie sich in einen Kokon zurückgezogen. Findet sie etwas toll, so wie Chicken Wraps oder M & M’s, ist alles an ihr Licht. Sie trinkt nur Getränke mit Kohlensäure, etwa Mineralwasser oder zuckerfreie Cola, und rülpst dann laut, woraufhin sie leise »Sorry« sagt. Sie liebt falsche Wimpern, geschmeidige Stoffe und Accessoires. Betritt sie während der Fashion Week einen Raum, sagt ihr oft irgendjemand, wie schön sie sei, wie großartig, wie wunderbar. Madeline hört das gern, sie hält dann die Hand zum Abklatschen hoch. Betritt sie einen Laufsteg, zeigt sie häufig auf die Menschen in der ersten Reihe und schüttelt sich, hüpft in die Höhe, macht ruckartige Bewegungen. Die anderen Models schauen in die Kamera, nie ins Publikum. Madeline macht es umgekehrt. Sie klatscht die Zuschauer in der ersten Reihe ab oder winkt ihnen energisch zu. Madeline hält sich nicht an die Regeln der Modebranche, die ein Ausflippen nur nach Plan erlauben. Sie bleibt nicht cool, weil sie nicht weiß, was Coolness ist. Am Ende der Show, wenn die Designer mit ihrem Lieblingsmodel auf die Bühne kommen, entscheiden sich viele für Madeline.
Alle wirken glücklich nach diesen Auftritten, das Publikum, die anderen Models, die Designer, vor allem Madeline selbst, nur Rosanne nicht. Als Madeline nach einer Show in New York wieder in den Backstage-Bereich kommt, rügt Rosanne ihre Tochter: »Du bist ein professionelles Model. Wenn du willst, dass andere dich auch so behandeln, musst du professionell laufen.« Gerade noch der gefeierte Star der Show, lässt Madeline nun ihren Kopf hängen und schmollt. Sie dreht sich weg, um kurz darauf doch wieder nach Rosannes Hand zu suchen. Rosanne würde am liebsten verhindern, dass die Zuschauer klatschen, wenn Madeline auf den Laufsteg tritt, weil sie weiß, dass
ihre Tochter sich dann nicht beherrschen kann. Rosanne sagt: »Es geht nicht darum, Spaß zu haben. Ich möchte, dass Models mit Behinderungen auf dem Laufsteg ernst genommen werden.« Einerseits profitiert Madeline von ihrer Einzigartigkeit in der Modewelt, andererseits markiert sie sie auch als anders, als abweichend. Deshalb, findet ihre Mutter, soll Madeline laufen und sich benehmen wie alle anderen: stumm, ernst, kein Hüpfen, kein Abklatschen. Aber wäre sie dann noch sie selbst?
An einem späten Vormittag haben Rosanne und Madeline zum ersten Mal ein wenig Zeit und setzen sich in die nächstgelegene Bar. Sie bestellen Irish Breakfast, mit den Würstchen, die Madeline so mag, aber nur selten essen darf. Würde Rosanne nicht aufpassen, äße Madeline so viel, bis ihr übel würde. Sie spürt kein Sättigungsgefühl und hat einen langsameren Stoffwechsel. In der Bar spielt ein Mann Gitarre, er singt Pretty Woman. Madeline legt ihren Arm um Rosannes Schultern. Die Mutter singt der Tochter den Liedtext ins Ohr:
»Pretty woman, won’t you pardon me
Pretty woman, I couldn’t help but see
Pretty woman, that you look lovely as can be
Are you lonely just like me?«
Weil Rosanne und Madeleine kaum miteinander sprechen können, kommunizieren sie vor allem körperlich, sie sind sehr zärtlich. Mehrmals am Tag vergewissern sie sich ihrer gegenseitigen Liebe mit Umarmungen und sanften Berührungen und flüstern sich Dinge zu. Manchmal sitzt Madeline auf dem Schoß ihrer Mutter. Sie schaut dann zu Rosanne hoch und sagt: »Love you, my mom.« Rosanne erwidert: »Love you too, baby.«
Rosanne Stuart spricht viel und schnell, ihre Sätze beendet sie oft mit der Frage, ob man sie verstanden habe, eine Antwort wartet sie nicht ab. Sie ist gelernte Zimmersfrau. 2012 wurde sie in Brisbane für ihre Erfolge als Geschäftsfrau ausgezeichnet. Sie führt drei Unternehmen, eines für Bausicherheit, eine Tanzschule – und das »Team Maddy«, wie sie es nennt. Die Fashion Week in New York ist für sie eine Arbeitswoche. Rosanne kontrolliert jedes Outfit, jede Frisur und zwischendurch die Followerzahlen von Madelines Accounts in den sozialen Medien. Dort schreibt sie im Namen von Madeline Sätze wie: »Der Laufsteg ist der Ort, an dem ich glücklich bin, ich träume jede Nacht davon und denke jeden Tag daran.« Abends wäscht sie Madeline die Haare und schminkt sie ab. Sobald Madeline schläft, schneidet sie Videos oder lädt Fotos hoch. Rosanne hat 30 Kilo zugenommen, seit ihre Tochter abgenommen hat. Seit vier Jahren versucht sie, während der vielen Modenschauen an mehreren Orten gleichzeitig zu sein: backstage, um Madeline zu betreuen, vor der Bühne, um sie zu filmen. Während Madeline mit Fans für Fotos posiert, steht Rosanne dahinter, die Finger in den Mundwinkeln: »Lächle, Maddy!« Madeline lächelt. Hat Madeline keine Lust mehr, ködert Rosanne sie manchmal mit Bonbons und fragt: »Machst du das für Mama?« Aber manchmal ist Madeleine so müde, dass sie nicht mal mit Süßigkeiten zu motivieren ist. Einmal bleibt sie einfach auf der Straße stehen und weigert sich weiterzulaufen. Insgesamt wird sie auf der Fashion Week sieben Tage hintereinander jeweils bis zu zwölf Stunden arbeiten. Drei der geplanten 16 Shows wird Rosanne kurzfristig absagen. Sie macht das ungern, weil sie nicht will, dass Madeline denkt, sie habe etwas falsch gemacht. »Madelines Gesundheit geht über alles«, sagt sie aber. »Wenn sie nicht mehr hier sein möchte, brechen wir ab und fliegen nach Hause.«
Das Down-Syndrom äußert sich sehr unterschiedlich. Einige Menschen mit Down-Syndrom können ein eigenständiges Leben führen, einen Beruf erlernen. Andere, so wie Madeline, bleiben auf ihre Eltern angewiesen. In den vergangenen zehn Jahren hat Rosanne zweimal geweint, erzählt sie. Einmal, als Madelines Klassenkameraden von der privaten Regelschule mit zwölf in die Oberstufe wechselten und ihre Tochter auf die Sonderschule. Das andere Mal, als alle außer Madeline zur Führerscheinprüfung antraten und ihr klar war: Madeline wird nie selbstständig sein. Kaum ein anderes Model wird von ihrer Mutter zur Fashion Week begleitet, allein würde Madeline es nicht schaffen. Aber Madeline Stuart verdient als Model gutes Geld. 30 Prozent, so schätzt ihre Mutter, trägt sie zum Haushaltseinkommen bei. Sie ist der erste Mensch mit geistiger Behinderung, der in den USA je ein Arbeitsvisum bekommen hat.
Trotzdem erfüllt Madeline viele Anforderungen der Branche nicht. Rosanne Stuart verrät ihre genaue Größe nicht, aber sie dürfte keine 1,60 Meter groß sein. Unter Madelines Brust wölbt sich ein Bäuchlein, weil sie immer noch gern Donuts isst. Implantate füllen die Lücken ihrer neun fehlenden Zähne. Zu den Shows trägt sie eigene Schuhe mit breiten Absätzen, weil sie auf hochhackigen Schuhen nicht laufen kann. Oft wird Madeline im Backstage-Bereich wie ein Kind behandelt. Statt sie direkt anzusprechen, reden Make-up Artists und Friseure über sie hinweg mit Rosanne. Andere sprechen bemüht deutlich oder sehr laut. Meistens bekommt sie das niedlichste Kleid. Rosanne beschwert sich dann. Nur ein Designer zeigt in New York Madeline verführerisch und schickt sie in einem Korsett auf den Laufsteg. Rosanne dankt dem Designer dafür.
An einem der ersten Abende in New York wird Madeline eine Auszeichnung verliehen. Die »Runway of Dreams Foundation«, die die Modebranche für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sensibilisieren will, ehrt Madeline mit dem »Inspirational Achievement Award«. Stunden vorher übt sie die Dankesrede. Auf laminierten Kärtchen stehen Sätze mit Zeichnungen darunter: Hi, I M Maddy / How R u? / I M happy to be here / Thank you Runway of dreams / 4 my award / we R all pretty / we R all equal / be proud / thank you.
Als sie diese Worte später spricht, klatscht das Publikum nach jedem Satz. Hinter ihr wird der Text auf einer Leinwand eingeblendet, weil man sie kaum verstehen kann. Nach der Preisverleihung findet eine Modenschau mit behindertengerechter Kleidung statt, »adaptive clothing«. Klett- statt Reißverschlüsse, Magnete statt Knöpfe. Es modeln Kinder mit fehlenden oder deformierten Gliedmaßen, Erwachsene im Rollstuhl. Madeline ist nicht das einzige erfolgreiche Model mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung. 2010 zeigte das Männermodel Mario Galla auf der Berliner Fashion Week zum ersten Mal offen seine Beinprothese. Die Amerikanerin Jamie Brewer war im Frühjahr 2015, eine Saison vor Madeline, der erste Mensch mit Down-Syndrom auf der New York Fashion Week. Aber kaum jemand ist so gefragt wie Madeline. Sie schließt den Catwalk in einem Tommy-Hilfiger-Kleid. 2016 startete Hilfiger eine Adaptive- Clothing-Linie. Könnte Madeline auch auf der regulären Hilfiger-Show laufen? »Nächstes Jahr kommen wir nur noch für die großen Shows«, sagt Rosanne, darauf angesprochen, am nächsten Tag.
Gemeinsam haben sie viel erreicht für die öffentliche Wahrnehmung von Menschen mit Down-Syndrom. Madeline ist in den vergangenen vier Jahren auf mehr als 100 Modenschauen gelaufen, in London, Paris, Dubai, San Francisco. Sie ist im September 2019 schon zum siebten Mal auf der Fashion Week in New York. Nur eine Frage wird Rosanne nicht los, sie wird ihr gestellt, seitdem Madeline als Model arbeitet: »Hat sie Spaß daran?« Genervt ahmt Rosanne die Fragenden nach, während sie auf den Beginn einer Show wartet. Wer Madeline schon mal auf dem Laufsteg erlebt hat, würde diese Frage wahrscheinlich mit Ja beantworten. Sie genießt offenkundig das Bad in der Menge. Sie besteht darauf, dass ihr Lippenstift nachgezogen wird, wenn sie Cola getrunken hat. Sie posiert und will fotografiert werden, wenn sie zurechtgemacht ist. Einmal holt Madeline, als sie auf ihr Abendessen wartet, ihr Handy aus dem Rucksack und schaut sich auf dem zerbrochenen Display Fotos und Videos von ihren Auftritten an, wieder und wieder. Sie lacht, als sie sieht, wie ausgelassen sie auf dem Laufsteg ist, »Oh my God«, sagt sie dann und wirkt ein wenig überrascht. Die Videos, auf denen sie so kontrolliert und zurückhaltend läuft wie die anderen Models und für die sie ihre Mutter im Anschluss gelobt hat, wischt sie gleich weiter.
In der Frage, ob Madeline Spaß am Modelsein hat, steckt aber noch mehr als eine bloße Erkundigung nach ihrem Wohlbefinden. In dieser Frage steckt auch die Sorge, dass jemand, der wie Madeline kein eigenständiges Leben führen kann, ausgenutzt wird. Gleichzeitig unterstellt die Frage, dass nicht nur die Modebranche sie ausnutzt, sondern auch ihre Mutter, die Person, die sie beschützen sollte. Rosanne wird immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie sei eine »Stagemom«, eine Eiskunstlaufmutter, jemand, der die Talente seines Kindes für die eigenen Vorteile nutzt. Rosanne Stuart weist das von sich. Ohne Madelines Karriere, sagt sie, wäre ihr viel Arbeit erspart geblieben, sie hätte ihre Unternehmen vorantreiben können und das Geld für die vielen Reisen zu den Modenschauen in aller Welt nicht ausgeben müssen. Sie sagt: »Ich unterstütze meine Tochter, wie jede andere Mutter es auch täte.« Sie ist sich sicher: Wäre Madeline nicht behindert, würde ihr niemand diese Frage stellen.
Letztlich drückt die Frage vielleicht auch den Widerwillen aus, eine Frau mit Down-Syndrom als schön und begehrenswert anzuerkennen. Womöglich steckt in ihr auch Neid darauf, dass ein Mensch mit Down-Syndrom Erfolge feiert, die den meisten Menschen ohne Behinderung verwehrt bleiben.
Und die Frage transportiert eine bittere Erkenntnis: Nämlich, dass man sie nie vollends wird beantworten können, weil Madeline selbst nicht dazu in der Lage ist, sie zu reflektieren. Als Fragender wird man immer wieder zurückgeworfen auf die Antworten von Rosanne. Die sagt: »Die Gesellschaft steckt Menschen mit Behinderungen in Schubladen und kennzeichnet sie mit all ihren Einschränkungen.« Madeline zeige, dass das nicht so sein müsse. Dass ein Mensch mit Down-Syndrom mehr wollen dürfe als ein Leben in der Behindertenwerkstatt. »Es ging nie darum, dass Madeline als Model bewundert wird, sondern dass sie eine Plattform erhält, um für Gleichberechtigung zu kämpfen.« Diese Plattform hat ihr Rosanne geschaffen. Und damit hat sie nicht erst vor fünf Jahren begonnen, als Madeline zu ihr »Mum me model« gesagt hat.
Am 13. November 1996 platzt Rosanne Stuarts Fruchtblase. Sie ist damals 25, Studentin, ihre Eltern bringen sie ins Krankenhaus. Keine halbe Stunde später, so erinnert sie sich, ist ihre Tochter da, ein Wunschkind. Doch noch ehe Rosanne Madeline im Arm halten darf, bringt der Arzt das Baby weg. Minuten später kommt er wieder und sagt: Ihre Tochter hat das Down-Syndrom. Er sagt auch: Sie wird es nie zu etwas bringen, sie wird das Alter einer Siebenjährigen mental nicht überschreiten, und mögliche weitere Kinder würden unter Madeline leiden. Rosannes Vater sagt: Du
kannst sie nicht mit nach Hause nehmen. Und Rosannes Mutter sagt einen Satz, der Rosanne bis heute begleitet: Sie wird nie so schön sein wie du.
Rosanne erzählt an einem Nachmittag in New York davon, als Madeline ein Nickerchen macht, sie soll nichts davon mitbekommen. Rosannes Stimme ist ruhig und sanfter als sonst. Sie sagt: »Du hast all die Erwartungen an das Kind und weißt, es wird anders kommen. Dein Leben wird nie mehr so sein wie früher. Aber das bedeutet nicht, dass es schlecht sein wird.« Die gerade Mutter gewordene Rosanne wirft damals alle hinaus, den Arzt, ihren Vater, ihre Mutter, und verbringt die ersten drei Tage mit Madeline allein. Adoption kommt für sie nicht in Frage. Sie sagt sich: Dieses Kind wird glücklich sein, egal was passiert. Es gebe nur eine Sache, die sie bis heute bereut: »Als ich meine Tochter zum ersten Mal angeschaut habe, habe ich nicht Madeline gesehen, sondern das Down-Syndrom. Ich hatte Angst.«
Madeline kommt mit einem Herzfehler zur Welt, einem Septum-Defekt, der bei Menschen mit Down-Syndrom häufig auftritt. Mit acht Wochen wird sie am Herzen operiert, es besteht eine nur 13-prozentige Überlebenschance. Eine Narbe durchzieht seither ihre Brust. Auf dem Laufsteg zeigt Madeline sie offen. Die zweite Operation folgt 22 Jahre später, im Dezember 2018. Insgesamt 14 Tage lang liegt sie auf der Intensivstation. Mehrere Nächte fürchtet die Mutter, ihre Tochter zu verlieren. Madeline überlebt. Sie nimmt sich eine Auszeit, lässt die Frühjahrssaison 2019 sausen und steht im September 2019 nach neun Monaten wieder auf dem Laufsteg.
»Madeline ist eine Kämpferin. Sie ist mein Spiegel. Der gleiche starke Wille, das gleiche Temperament, die gleiche Sturheit«, sagt die Mutter. Sie lacht. Auch äußerlich sind die beiden sich ähnlich: die vollen Lippen, die Gesichtszüge. Rosanne hat Madeline weitgehend alleine großgezogen, ohne Partner, ohne weitere Kinder. Ihren Vater sieht Madeline nur ab und an.
Bis Madeline drei Jahre alt ist, lebt Rosanne von der Unterstützung für alleinerziehende Mütter. Sie arbeitet nicht, macht stattdessen Therapien mit ihrer Tochter, die in Australien kostenlos sind. Sie fördert und fordert Madeline, die mit 15 Monaten laufen kann, die meisten Menschen mit Down-Syndrom lernen das erst mit zwei Jahren. Rosanne sagt, sie und Madeline führten ein gutes Leben, in einem eigenen Haus mit einer Wiese, darauf zwölf Kühe. Laut Rosanne war Madeline das beliebteste Mädchen der Klasse. »Kinder haben sie nie gehänselt.« Die Diskriminierung sei von den Eltern gekommen. Manche drohten, ihre Kinder von der Schule zu nehmen, weil sie mit Madeline im Sportteam nicht gewinnen konnten. »Als Elternteil eines behinderten Kindes erfährt man nie totale Akzeptanz«, sagt Rosanne. Aber manchmal auch keine Unterstützung von Menschen in der gleichen Lage – »weil sie so daran gewöhnt sind, dass ihre Kinder unsichtbar sind«.
Wie viele Menschen mit Down-Syndrom auf der Welt leben, ist nicht verlässlich erfasst. Schätzungen sprechen von 50 000 in Deutschland und fünf Millionen weltweit. Die 2008 in Kraft getretene UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung bezeichnet Inklusion als Menschenrecht, die Modebranche feiert ein Model mit Down-Syndrom. Und doch werden immer weniger Kinder mit Down-Syndrom geboren. Madeline weiß nichts davon, weil ihre Mutter ihr nichts davon erzählt. Sie weiß nicht, dass die Krankenkassen in Deutschland Frauen mit Risikoschwangerschaften künftig Bluttests zahlen, um herauszufinden, ob ihr Kind Trisomie 21 hat. Sie weiß nicht, dass in Ländern wie Island, wo das schon länger üblich ist, kaum noch Kinder mit Down-Syndrom geboren werden, obwohl die Tests manchmal falsch liegen. »Ich fühle mich sehr privilegiert, an Madelines Seite zu sein«, sagt Rosanne. »Weil ich durch sie verstanden habe, was zählt. Weil ich ein besserer Mensch geworden bin, genügsamer und gütiger.« Zwei Gedanken verdränge sie: Was, wenn Madeline früh stirbt?  Seit ihre Tochter auf der Welt ist, habe sie nichts mehr ohne sie gemacht. Auch deshalb ist der Muttertag für sie der traurigste Tag im Jahr, weil Madeline sich nichts aus diesem Tag macht. Und: Was, wenn sie selbst vor Madeline stirbt?
Es ist Nacht, Viertel nach eins in New York, Madeline und ihre Mutter sitzen nach der letzten Show des Tages im Taxi zum Hotel. In Brisbane ist es Nachmittag. Über Messenger ruft Madeline ihren Freund Robbie an. Sie sagt »Hiii« und lächelt in die Kamera, Rosanne übernimmt das Reden und erzählt Robbie von ihrem langen Tag. Robbie, ein Jahr älter als Madeline, hat eine leichte geistige Behinderung, er führt ein eigenständiges Leben. Madeline und er haben sich 2011 bei den Special Olympics in Brisbane kennengelernt. Madeline spielte im Frauen-Cricket-Team, Robbies Bruder, der eine geistige Behinderung hat, in dem der Männer. Zweieinhalb Jahre lang habe Robbie um Madeline geworben, erzählt Rosanne, seit 2014 sind sie ein Paar. Zu Hause sehen Madeline und Robbie sich beinahe täglich, sie tanzen auch gemeinsam in Madelines Tanzschule, die Rosanne leitet. »Madeline will eines Tages heiraten«, sagt Rosanne.

 

Foto: Maria Feck