"Ein Komplott"

Der Spiegel, 38/2019

Alex Schwazer, Olympiasieger im Gehen, wurde wegen einer auffälligen Urinprobe gesperrt. Aber seine Werte geben Rätsel auf. War es Doping oder Manipulation?
 

 

ZUM MAGAZINARTIKEL 

 

Im Großen Saal des Landesgerichts Bozen wurde am Donnerstag einer der mysteriösesten Dopingfälle verhandelt. Auf der Anklagebank saß ein ehemaliger Volksheld: Alex Schwazer, 34, Olympiasieger 2008 im Gehen aus Südtirol.

Seine Gegner: die Mächtigen. Die Fidal, der italienische Leichtathletikverband, der internationale Leichtathletikverband IAAF, die Welt-Antidopingagentur Wada. Der Vorwurf: Sportbetrug. In Schwazers Urin fanden sich 2016 Spuren von synthetischem Testosteron.

»Ich habe nicht gedopt«, sagt Schwazer. Der Leichtathlet fühlt sich nicht als Täter, er sieht sich als Geschädigter. »Ich bin Opfer eines Komplotts von höchster Stelle.«

Bei der Affäre geht es im Kern um 16 Milliliter Urin in zwei Flakons und die Interpretation dessen, was sich darin befindet. In den Händen des Richters liegt nun ein gentechnisches Gutachten, das er für die Klärung des Falls beauftragt hatte. Es gibt Aufschluss über den Gehalt an DNA in den Urinproben. Und es macht den Fall Schwazer noch komplexer.

Aus dem Gutachten kann der Eindruck entstehen, dass Schwazers Dopingprobe manipuliert worden ist. Wollte jemand ihm und seinem Trainer etwas unterschieben? Und wenn ja, warum? Involviert in den Fall ist auch das weltbekannte Kölner Dopinglabor.

Der DNA-Gehalt sei auffällig, urteilt Gutachter Giampietro Lago, Laborleiter einer Carabinieri-Sondereinheit in Parma. Er hatte Schwazers Urin untersucht, führte Tests mit 100 Freiwilligen durch. Sein Ergebnis: Die bei Schwazer festgestellten Werte seien mit physiologischen Faktoren nicht erklärbar.

Schwazer, die Stirnfalten zu tief für sein Alter, der Blick starr, galt als Ausnahmetalent, als bester Geher der Welt. Mit 14 Jahren beginnt er mit dem Leistungssport, mit 20 ist er der jüngste Leichtathlet seines Landes, der eine WM-Medaille holt: Bronze 2005 in Helsinki. 2008, Schwazer ist 23, der Höhepunkt: Olympiagold in Peking. Südtirol verehrt ihn als Helden.

Es folgen eine Depression – und Doping. Erfolg komme oft nicht allein durch Training, lernt Schwazer von Kollegen. 2011 erzählen ihm russische Athleten während der WM in Südkorea bei einem Bier von ihren Bluttransfusionen. Schwazer will Waffengleichheit.

Es beginnt mit einer Testosteron-Creme, die er online bestellt. Die erhoffte Wirkung bleibt aus, er setzt sie ab. Er fliegt ins türkische Antalya, kauft sich in einer Apotheke das Blutmittel Erythropoetin. Epo, der Klassiker in vielen Ausdauersportarten.

Ab März 2012 injiziert Schwazer sich das Mittel in die Armvene, qualifiziert sich für Olympia in London. »Ich ekelte mich vor mir selbst«, sagt er heute. Niemand in Italien scheint ihm zu misstrauen, mit einer Ausnahme: Alessandro Donati, ein Sportwissenschaftler und Italiens Symbolfigur für den sauberen Sport. Schwazers Verhalten sei auffällig, meldet Donati der Wada. Als am 30. Juli die Kontrolleure bei Schwazer klingeln, ist ihm klar, dass er positiv auf Doping getestet werden wird, am Vortag hat er sich zuletzt Epo injiziert. Keine zwei Wochen später steigt der olympische 50-Kilometer-Wettbewerb in London, ohne ihn.

Er wird für drei Jahre und neun Monate gesperrt, verliert die vielleicht besten Jahre seines Sportlerlebens. Und will es doch wissen. Dieses Mal absolut sauber, sagt er. Ausgerechnet mit der Hilfe seines Überführers Donati. »Würden Sie sich die Hände schmutzig machen und mich trainieren?«, fragt Schwazer. Donati sagt zu, unter einer Bedingung: »Du musst aussagen, was du weißt.«

Donati, 72, die Haare seitlich gescheitelt, die Statur schmächtig, einst selbst Läufer, arbeitete viele Jahre für das italienische Olympiakomitee und als Trainer für den Verband. Seine Erfahrung: Doping wird von einigen Kollegen und Funktionären geduldet, manchmal gezielt gefördert.

Schwazer lässt sich auf den Deal mit Donati ein. Donati war bereits 2012, im Zuge Schwazers erster Sperre, von der Wada als Berater beauftragt worden und hatte Zugang zu konfisziertem Material, auch zur Festplatte des Mannschaftsarztes, der gleichzeitig einer der höchsten Anti-Do- ping-Beauftragten der IAAF ist. Darin stößt Donati auch auf mehr als 12 000 Blutwerte von Leichtathleten, viele sind auffällig. Hätte man Schwazer nicht überführt, wäre dieser Verbandsarzt wohl nie durchsucht worden – und später nicht zu einer Haftstrafe verurteilt worden, gemeinsam mit zwei anderen Mitwissern. Schwazer sagte 2015 im Prozess als Kronzeuge aus.

Schwazer zieht nach Rom und trainiert mit Donati fünf Stunden täglich. Mithilfe einer Klinik lässt Donati unangekündigte Kontrollen durchführen. 35-mal wird Schwazers Blut untersucht.

Im Mai 2016, Schwazers Sperre ist gerade abgelaufen, gewinnt er bei der Teamweltmeisterschaft in Rom über 50 Kilometer, mehr als dreieinhalb Minuten vor dem Zweiten. Es ist seine Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro.

Seine Karriere endet wenig später, knapp zwei Monate vor dem Start in Rio. Schwazer sitzt im Auto, als sein Handy klingelt. Es ist Donati: »Alex, du bist positiv.«

»Ein Komplott«, glaubt Donati: »Sie haben sich gerächt, weil Alex nicht still war.« Donati vermutet auch einen Feldzug gegen sich selbst, den Anti-Doping-Vorkämpfer.

Grund für Schwazers positives Testergebnis ist exogenes Testosteron. Die privaten Bluttests, die er gemacht hatte, könnten beweisen, dass er kein Epo genommen hat. Was Testosteron betrifft, sind sie nicht aussagekräftig. Am 5. Juli bestätigt die Analyse der B-Probe: positiv.

Dopingrechtsprechung kennt keinen Graubereich. Entscheidend ist, ob sich im Urin eine Substanz, die auf der Dopingliste steht, befindet oder nicht. Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder falsch positive Fälle. Aber nur wenige Athleten schafften es, ihre Unschuld zu beweisen. Etwa wenn Restmengen des Kälbermastmittels Clenbuterol mit dem Verzehr von belastetem Fleisch erklärt werden konnten.

Im Fall Schwazer attestieren zwei Experten die »absolute Abwesenheit eines Dopingverhaltens beim Athleten«, doch das wäscht nicht das Testosteron aus seinem Urin. Diesmal wird Schwazer für acht Jahre gesperrt.

Der Verschwörungsverdacht von Donati und Schwazer fußt unter anderem auf den Umständen der Dopingkontrolle. Schwazer wurde am Neujahrstag 2016 von den Kontrolleuren aufgesucht, um 7.30 Uhr. Der Urin lagerte eine Nacht lang bei der Kontrollfirma und wurde dann ins Labor nach Köln verbracht, der erste Test: negativ. Der Testosteronwert war nur leicht erhöht – wohl eine Folge der Silvesternacht, Schwazer hatte Alkohol getrunken.

Doch auf Anweisung der IAAF untersuchte das Labor Monate später erneut Schwazers Urin, mit einer genaueren Methode. Das Ergebnis: Das Verhältnis von Testosteron zu einem Stoff namens Epitestosteron ist zu hoch. Das bedeutet: positiv.

Schwazers Anwalt erstattet Anzeige gegen unbekannt wegen möglicher Manipulation der Probe. Es gebe Ungereimtheiten, darunter Erstaunliches: Die Kontrolle, die Schwazer zu Fall brachte, wurde an dem Tag in Auftrag gegeben, als Schwazer gegen den belasteten Verbandsarzt und dessen Komplizen aussagte.

Im August 2016 beantragt der Bozner Staatsanwalt die Beschlagnahmung von Schwazers Urinproben in Köln. Der Richter genehmigt ein Beweissicherungsverfahren. Der Urin soll in Parma untersucht werden, bei Experte Lago.

Aber es gibt Streit darüber, ob Köln die Proben aus der Hand geben darf. Erst ein Jahr später werden 10 Milliliter der A- und 6 Milliliter der B-Probe nach Parma geschickt. 16 Milliliter Flüssigkeit, ein wenig mehr als ein Esslöffel voll.

Am 4. September übergibt Lago seinen Bericht dem Gericht, 86 Seiten. Die gentechnische Analyse bestätigt, dass die beschlagnahmten Proben zweifellos auf Schwazer zurückzuführen sind. Aber es gibt Bedenken wegen des DNA-Gehalts, vor allem weil er in der B-Probe 3-mal so hoch ist wie in der A-Probe. Und rund 20-mal so hoch wie in einer Urinprobe, die Schwazer im April 2018 abgegeben hat. Diese Abweichungen kann sich der Gutachter nicht erklären. Mögliche Inter-pretationen für die Unterschiede liefert Lago gemäß seinem Auftrag nicht. Vor Gericht nennt er später mehrere mögliche Ursachen dafür, eine davon: die Manipulation der Probe. Davon sind Schwazer und Donati überzeugt.

Welche Rolle spielte dabei das Kölner Labor? In internen E-Mails, die die russische Hackergruppe »Fancy Bears« 2018 veröffentlichte, finden sich Sätze, die den Verdacht nahelegen, die IAAF hätte die Kölner beeinflusst, die Proben nicht nach Parma zu schicken. Wegen der laufenden Ermittlungen wollen sich weder die IAAF noch Köln zum Fall Schwazer erklären.

Zwei Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaften in Doha stellt sich nun die Frage, wie schmutzig die Leichtathletik ist. Sauberer als vor 20 Jahren, als alles vertuscht wurde, sagt Schwazer. Aber noch immer ermitteln Staatsanwälte gegen den ehemaligen IAAF-Präsidenten wegen Korruption.

»Es ist richtig, dass sich der Athlet an tausend Regeln halten muss. Aber nicht, dass jene, die die Regeln aufstellen, Narrenfreiheit haben«, sagt Schwazer. Statt Sperren, die nur Einzeltäter ausschließen, müsse sich das System ändern.

Mit einiger Sicherheit dürfte das Verfahren gegen Schwazer nun eingestellt werden. Ein Ende ist das aber nicht. Der Olympiasieger will seine Unschuld beweisen und dann seine Ruhe finden. Aber der Nachweis, wer seine Urinprobe manipuliert hat, könnte zu einem aussichtslosen Kampf werden.

 

Foto: Maria Feck