Der letzte Ruf des Auerhahns

Neue Zürcher Zeitung, 22. Dezember 2013

Wie sieht die Zukunft des Wintertourismus in den Alpen aus? Immer mehr Bahnen und Lifte, die immer grössere Gebiete erschliessen? Oder gilt es auf Ruhe und Erholung zu setzen und unberührte Natur zu erhalten? Im Südtiroler Ferienort Sexten ist nun ein Richtungsstreit eskaliert, der an zahlreichen Orten im Alpenraum seit langem schwelt.

 

ZUM ZEITUNGSARTIKEL 

 

Besuche in der Wirtschaft meidet Hans Peter Stauder seit einer Weile, denn in den meisten Lokalen wird er doch nur angepöbelt, «Verschwind, du Depp! Hinausgejagt gehörst du aus unserem Tal!», schreien sie ihm nach, während sie ihn aus der Tür hinausstossen. Auf der Strasse zeigen sie ihm die Zunge, vor dem Fischstand brüllen sie ihn an: «Du Elendiger, dir werden die Bauern schon ein Ei legen!» Daher trifft man den 56 Jahre alten Lehrer für literarische Fächer, Geschichte und Erdkunde am besten in seinem Holzhaus links der Strasse, die ins Dorfzentrum führt. Hier lebt er mit Frau und drei der fünf Kinder, im Ort ist er geboren und aufgewachsen. Aber hier will «Papa Schlumpf», wie ihn die Menschen wegen seiner Knollennase, seines Vollbarts und seiner Grösse von 1 Meter 65 nennen, niemand haben. «Schlachtet die Grünen», steht auf dem Flugzettel, den er in den Händen hält, «fackelt ihre Behausungen ab und schickt sie zum Teufel!!!!»

In Sexten, Touristenhochburg im Südtiroler Pustertal, dort, wo die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano Ferien machen, ist ein Konflikt eskaliert, der an vielen Orten im Alpenraum schwelt. Es ist der Konflikt zwischen Skitourismus-Industrie und Naturschutz. Hans Peter Stauder ist in Sexten der Inbegriff des Skigebietgegners, auch wenn er nicht alleine kämpft und Vereine wie auch Politiker hinter ihm stehen: der Alpenverein, WWF Italien, seine Partei, die Grünen. Seit Jahren sitzt Stauder für die Bürgerliste im Gemeinderat und kämpft zusammen mit seiner Frau Regina und dem Kleinbauern Georg Fuchs gegen die skitechnische Neuerschliessung eines bisher noch unberührten Hanges: des Stiergartens. Seine Gegner: Hoteliers, Wohnungsbesitzer, Campingbetreiber. Bauunternehmer, Bauern, Bergführer. Jene also, die direkt oder indirekt vom Tourismus abhängen – und das sind in einem Ort wie Sexten viele.

Das Wirtschaftsrad, sagen Sextens Hoteliers, drehe sich seit ein paar Wintern langsamer, die Lifte der Sextener Dolomiten AG seien zu alt, die Pisten zu kurz. Um von der Lawine an Skiattraktionen im Alpenraum nicht völlig überrollt zu werden, hat man sich 2009 zu einer Gesellschaft zusammengeschlossen. Seit den neunziger Jahren plant die Sextener Dolomiten AG, zwei der vier Skigebiete über den Stiergarten zu verbinden, mit zwei neuen Aufstiegsanlagen und zwei Pisten auf 2100 Metern Höhe.

Doch leben in diesem Gebiet seltene Tiere wie der Auerhahn, es wachsen Pflanzen wie die Deutsche Tamariske, ein immergrüner Strauch. Wichtige Feuchtgebiete finden sich hier und Wildbäche, die, so sagen Gegner des Skigebietausbaus wie der Ingenieur Ernst Watschinger, Überschwemmungen verursachen können – wenn alle Bäume gefällt wurden, die sie zurückhalten. Die Umweltschützer möchten den Stiergarten zum «Natura 2000»-Gebiet erklären – eine EU-Bezeichnung für den Schutz gefährdeter wildlebender heimischer Pflanzen- und Tierarten und ihrer natürlichen Lebensräume.

Seit an einem Augustwochenende für den Skipistenausbau aber zehn Hektaren Wald gerodet wurden, ein «Kriegsschauplatz» geschaffen wurde, wird in Sexten diskutiert, was so viele Erholungsgebiete in den Alpen betrifft. Sind Investitionen in den Wintertourismus antiquiert angesichts Klimaerwärmung, brüchiger Alpen, überteuerter Kosten für Skiausrüstung und Ü̈bernachtung? Oder sind sie die einzige Rettung für ein Tal, das vom Fremdenverkehr so abhängig ist wie das Baby von der Mutterbrust?

Sexten, die Gemeinde des Unesco-Weltnaturerbes «Drei Zinnen», zählte im Jahr 2012 1940 Einwohner und 635 632 Übernachtungen. 4085 Betten in 187 Beherbergungsbetrieben. Die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit liegt bei 4,7 Prozent, der Wohlstand kam durch den Tourismus ins Tal, bis in die siebziger Jahre war die Gegend bettelarm. Hier sind die Menschen stolz auf die Schönheit der Natur, als ob sie ihr eigenes Verdienst sei. Das nächste Kino ist 38 Kilometer entfernt, die meistgelesene Zeitung trägt den Namen der Bergkette. Leute von aussen sieht man besonders gern als Feriengäste, «Schöne Welt, böse Leut», betitelte der Sextener Schriftsteller Claus Gatterer seine Kindheitserinnerungen.

Der November ist ein trostloser Monat im Tal. Hotels und Bars sind geschlossen, die Jalousien der Häuser heruntergezogen. Selbst die Berge hüllen sich in Nebel. Vom Aussenpool seines Vier-Sterne-Hauses «Berghotel» zeigt Kurt Holzer auf die Sextener Sonnenuhr: Das Wahrzeichen des Ortes sind die Bergspitzen Neuner-, Zehner-, Elfer-, Zwölfer- und Einserkofel. Er liebt den Ausblick, aber wenn der Hotelier an Ferienorte wie Corvara oder Gröden denkt, wird er neidisch: «Da können die Gäste fast vom Frühstückstisch auf die Piste steigen.» Kurt Holzer hat das Berghotel selbst aufgebaut, er ist seit 1970 im Geschäft. Im Dorf nennen sie ihn auch «Immervoll», weil über 200 Tage im Jahr keines seiner 140 Betten leer bleibt. Ein höflicher Mann, Jahrgang 1941, ein Hotelier mit besten Umgangsformen, der weiss, was man Gästen sagt, um sie rundum glücklich zu stimmen. Neben dem Grossunternehmer und Präsidenten Franz Senfter aus Innichen ist er mit 22 Prozent der Hauptaktionär und Vizepräsident der Skigesellschaft. Wenige sind wie Holzer seit den Anfängen dabei. Wenige erinnern sich, wie die Bauern sie auslachten, als die Skigebietbetreiber in den achtziger Jahren die erste Schneekanone aufstellen liessen. Heute sind 183 im Einsatz. Holzer erzählt fasziniert von der Logistik des Wassers, der «gewaltigen Energievernichtung». Er kann über Kunstschnee philosophieren wie andere über das Leben.

In seiner Hotellobby steigt Kurt Holzer über Staubsaugerkabel, tänzelt um die Putztücher herum, die auf dem Boden liegen. Bald wird er die Tore öffnen, nonstop bis zum 6. April. Er kennt sich aus mit den Klagen des Gastes, er spricht von ihm, als handele es sich dabei um einen uniformierten Menschen. «Der Gast will nicht mit dem Bus fahren», «Der Gast findet kleine Skigebiete nicht attraktiv». Der Fortschritt sei langsam ins Tal gekommen, sagt Holzer, «Sexten ist gesund gewachsen». Wenn die Skigesellschaft nicht investiert, befürchtet er, wird eines der vier Skigebiete schliessen müssen. Die neue Piste würde 100 Meter über seinem Hotel enden. So lange schon, sagt er, wünschten sich Skigesellschafter und Gäste diese Verbindung, «aber zwei, drei Hanseln haben uns wieder und wieder blockiert». Leichter Zorn klingt in den Worten des sonst so kontrollierten Mannes mit. Im Sommer hatte die Skigesellschaft das Warten satt.

Samstag, 10. August 2013. Ferragosto-Wochenende, Hochsaison im Hochpustertal: Mit dem Ertönen der Mittagssirene fahren 10 Bagger auf, 34 Holzarbeiter hacken die von Förstern zur Fällung gezeichneten Bäume. Feriengäste fragen verwundert, was denn los sei im Dorf. Einige kündigen an, Sexten für immer den Rücken zuzukehren, wenn expandiert werde. Die Hoteliers versuchen, ihre Gäste zu beruhigen. Die nötigen Papiere hätten sie in der Hand, sagen sie. Da interessiert es die Skigesellschaft nicht länger, dass am Tag zuvor von der Gegenseite ein erneuter Einspruch beim Verwaltungsgericht eingelegt wurde. Am Sonntag um 14 Uhr 55 fällt der letzte Baum. Bis auf die Aufstiegsstrassen und einen Teil des Weges ist alles gehackt. Zehn Hektaren Wald – so gross wie 14 Fussballfelder.

Im Sommer suchte Stauder hier noch Waldbeeren, lauschte den Vogelgesängen. Im Winter sieht er nun durch seine Brille das gerodete Waldstück hinauf und sagt: «Was für ein Gewaltakt muss das gewesen sein.» Die Blitzaktion machte Sexten italienweit bekannt. Der Journalist Gian Antonio Stella von der Zeitung «Corriere della Sera» verglich die Rodung mit Praktiken der italienischen Mafia, der Staatsanwalt ermittelte, fand am Ende strafrechtlich nichts Verwerfliches an dem Vorgang.

Vorbei an Werbeflächen für Ski und Skischuhe führt eine Strasse zu den Aufstiegsanlagen der Sextener Dolomiten AG und dem Büro von Mark Winkler, Geschäftsführer der Ski- gesellschaft. Ein Analytiker, von Beruf Techniker, 40 Jahre alt. Der Baustopp, den das Verwaltungsgericht Bozen am Montag nach der Rodung verhängte, wurde im September dieses Jahres bestätigt. Anfang Dezember 2013 wurde die Entscheidung über den Weitergang des Projektes auf Februar 2014 verschoben. Dann soll geklärt werden, ob die Waldarbeiter, wie die Gegner behaupten, bei der Rodung den gesetzlichen Abstand zu einem naheliegenden Biotop missachtet haben.

23 Verfahren hat die Skigesellschaft mit dem Projekt des Skigebietausbaus bisher durchlaufen. Das zehrt an den Nerven. Mark Winkler ist sichtlich bemüht, nicht völlig auszurasten. Die Baukonzession vom 8. August hält er wie eine Trophäe in die Luft. Er bereut es, sich nicht medientechnisch beraten lassen zu haben. Weil die einheimische Presse Partei für die Naturschützer ergriffen hätte, sah er sich am Ende genötigt, Artikel in den Südtiroler Tageszeitungen zu kaufen.

Kann das Schicksal einer Deutschen Tamariske wichtiger sein als die berufliche Zukunft eines Familienvaters?, fragen die Befürworter. 200 Arbeitsplätze hängen im Winter an der Skigesellschaft. Bei dem Protestmarsch «Zukunft statt Stillstand» zwei Wochen nach der Rodung sind 1500 Menschen anwesend, Bauern fahren mit ihren Traktoren vor – auch sie sind an der Piste interessiert: Weil sie sich ideal zur Ablage der Gülle eignen, «oberhalb von Trinkwasserquellen», sagt der Pistengegner Stauder. Weil sie Durchfahrtsrechte durch ihre Felder teuer verkauft haben und weil manche Skihütten planen. Eine 1000 Quadratmeter grosse Anlage mit Restaurants und Bars ist Teil des Ausbauprojektes.

«Der Gast kommt zu uns, um unberührte Natur zu geniessen», sagt der Geschäftsführer der Skigesellschaft, Mark Winkler. Vor «unberührte» hält er kurz inne. Dann erzählt er von seiner Vision: dem Erlebnisskifahren. Die sogenannte Giro-Tour soll den Skifahrer an einem Tag über vier Berge führen, 30 Kilometer Abfahrten, 10 000 Höhenmeter. Bis jetzt ist dafür viermal Busfahren nötig. Mit den beiden geplanten Pisten könnten zwei Busse eliminiert werden. Eine gutgehende Zukunft des Wintertourismus steht für Geschäftsführer Winkler ausser Frage. «Man muss weiterdenken! Im chinesischen, japanischen, indischen Markt schlummern riesige Potenziale.» Seine Augen leuchten. Auch Präsident Franz Senfter ist überzeugt: «In 100 Jahren wird noch Ski gefahren.»

Obwohl laut Landschaftsleitbild des Landesentwicklungs- und Raumordnungsplans (Lerop) der Autonomen Provinz Bozen «keine neuen Skigebiete und keine weiteren Zusammenschlüsse bestehender Skigebiete» vorgesehen sein sollen, erhielten die Befürworter des Ausbaus immer Unterstützung von ganz oben. Die Landesregierung unter Südtirols ehemaligem Landeshauptmann Luis Durnwalder hat das Projekt mehrmals durchgewinkt, auch dann schon, als die empfehlende Umweltverträglichkeitsprüfung am Anfang negativ ausfiel. Doch mittlerweile ist sie positiv bewertet, wenngleich mit 50 Auflagen versehen. Eine Volksbefragung ist seit 1997, als ein ähnliches Projekt abgelehnt wurde, ein rotes Tuch in Sexten. Die Bürgerliste fordert sie seit langem.

Samstagnachmittag in der Bar des Hotels Waldheim. Kaffeetassen klirren, Bier zischt, Männer brummeln. Vier Skilehrer und zwei Bergführer sind sich einig: «Wir brauchen diese Pisten», «Wir wollen sie haben, alle». Der Name Hans Peter Stauder ist hier ein Schimpfwort, genauso wie «grüner Richter». Stauder nimmt die Anfeindungen gegen ihn erstaunlich gelassen, sagt den Menschen: «Benehmt euch», statt zurückzumotzen. Im Dorf flüstern «Papa Schlumpf» manche zu: «Mach weiter.» Aber er ist müde geworden, so lange kämpft er nun schon gegen die Skipisten. In seinem Arbeitszimmer stapeln sich Jahre des Protestes in vier Ordnern, dokumentiert mit der Sorgfalt eines Lehrers.

Es gibt Momente, da möchte er aufhören. Im Sommer, als der Bürgermeister die Baukonzession ausstellte, dachte er, jetzt würden sie es bald geschafft haben. «Aber wenn immer wieder Fehler gemacht, Bestimmungen übergangen werden, müssen wir Rekurs einreichen.» Sextens Hoteliers haben in den letzten Jahren gross in ihre Anlagen investiert, Stauder glaubt, viele hätten sich dabei übernommen, «in der Piste sehen sie ein Allheilmittel und erwarten sich 30 Prozent mehr Umsatz, aber das ist eine Utopie». Vor allem gibt er nicht Ruhe, weil er ein altes Projekt verhindern möchte: ein Skikarussell, das die vier Skigebiete der Sextener Dolomiten AG mit dem Skigebiet Sillian in Osttirol, Österreich, auf der anderen Seite des Karnischen Kammes verbinden will.

Anders als der Präsident der Skigesellschaft Franz Senfter, der das Grossprojekt mit Sillian für sehr erstrebenswert hält, will Vizepräsident Kurt Holzer aber nichts mehr davon wissen. Bevor man über die Grenze denke, müssten die eigenen Gebiete verbunden werden, was zwei weitere Eingriffe bedeute. Holzer ist nicht die Sorte Mensch, die etwas überstürzen würde. Eher ein Mann, der mit der Legotechnik arbeitet, Klotz für Klotz anlegt. Sein Berghotel ist ein nie endendes Projekt, das er modelliert, zerlegt wie ein Playmobilhaus. Die Rezeption hat er dreimal verschoben. In Zukunft brauchten Leute in Ballungszentren mehr denn je Ferien, sagt der Hotelier, «sie kommen zu uns, um sich in der Natur zu entspannen». 30 000 Übernachtungen zählt das Berghotel jährlich, Umsatz drei Millionen Euro. Ungefähr so hoch wie seine Schulden.

Der geplante Zusammenschluss der beiden Skigebiete wird die Skigesellschaft rund 28 Millionen Euro kosten. 8,8 Millionen Euro wurden von der Landesregierung zugesichert, 5,9 Millionen Euro durch eine Kapitalerhöhung der 360 Aktionäre erreicht. Irgendwann sollen endlich schwarze Zahlen geschrieben werden, aber davon ist man heute noch weit entfernt. Die Verzögerung hat die Kosten um 1,5 Millionen Euro in die Höhe getrieben.

Umweltschützer Hans Peter Stauder weiss, dass die beiden Pisten über kurz oder lang in Betrieb genommen werden. Er will kein Verhinderer des Wirtschaftswachstums sein, aber er fände es klüger, alte Lifte auszutauschen, bevor neue gebaut werden. «Unberührte Natur zu zerstören, kann keine langfristige Lösung sein.» 1999 zählte er einen Augusttag lang mit Frau und Kindern alle vorbeifahrenden Autos vor seiner Haustür. Es waren 13 000. Sie wurden in den letzten Jahren nicht weniger.

Doch in einem sind sich alle Beteiligten ausnahmsweise einig: Für einen sanften Tourismus ist es in Sexten schon lange zu spät.
 
Foto: Lois Hechenblaikner