Der Geist von Ehingen

Brand Eins, Ausgabe 11/2013

Auch knapp zwei Jahre nach der Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker ist ihr Gründer am ehemaligen Firmensitz noch sehr präsent.

 

ZUM MAGAZINARTIKEL 

 

Egal wohin man kommt in Ehingen, Anton Schlecker ist überall. Etwa im starren Blick seiner ehemaligen Sekretärin, die im Café Miraval sitzt. 19 Jahre hat sie in der Konzernzentrale gearbeitet, davon 18 in der Abteilung für Expansion. Der Himmel hüllt sich an diesem Morgen in den Schlecker-Farben blau und weiß, und sie rührt an einem der Tische auf der Terrasse in ihrem Cappuccino. Fragt man sie, was übrig blieb von Schlecker, blickt sie hinter der großen, schwarzen Sonnenbrille hervor, lächelt kurz und sagt: „Ich.“ Mehr möchte sie dazu nicht sagen.

Anton Schlecker hat seine Heimatstadt, 25 311 Einwohner groß und 28 Kilometer von Ulm entfernt, ein Leben lang nicht verlassen. 1975 nicht, als er, mit 31 der jüngste Metzgermeister Deutschlands, einen Handel mit Drogerieartikeln gründete; Jahre später nicht, als sein Unternehmen zur größten Drogeriekette Europas emporstieg; und auch dann nicht, als es wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel.

Der Anfang vom Ende begann am 23. Januar 2012. An einem Montagmorgen musste Anton Schlecker beim Amtsgericht Ulm Insolvenz anmelden: für das Einzelunternehmen Anton Schlecker e. K., die Tochtergesellschaften Schlecker XL GmbH und Schlecker Home Shopping GmbH. Drei Tage später auch für Ihr Platz GmbH & Co. KG. Das Gericht eröffnete das Verfahren am 28. März 2012, die Auslandsfilialen Schlecker International GmbH und die französische Tochtergesellschaft Schlecker SNC wurden verkauft. Stück für Stück trug man Anton Schleckers Lebenswerk zu Grabe. Und damit auch einen Teil von Ehingen. Sie sei seither nicht mehr dieselbe, sagen die Bewohner heute über ihre Stadt.

Rund 25 000 Menschen haben mit der Pleite deutschlandweit ihren Job verloren, „gut 1000 waren es in Ehingen“, sagt Alexander Baumann (CDU), seit 2010 Oberbürgermeister. Für die meisten kam das Ende abrupt, ohne eine Stellungnahme von ganz oben. Unmittelbar nach dem Insolvenzantrag habe die Bundesagentur für Arbeit in der Schlecker-Zentrale eine Anlaufstelle eröffnet, sagt Baumann. Mitarbeiter packten ihre Sachen am einen Ende des Gangs in Kartons, um sich am anderen Ende als arbeitssuchend zu melden. Kurz vor der Insolvenz betrug die Arbeitslosigkeit 3,4 Prozent. Heute liegt sie bei 3,9 Prozent. „Im Vergleich mit den Nachbargemeinden ist sie bei uns derzeit am höchsten“, sagt der Bürgermeister.

Rund 23 000 Gläubiger haben Forderungen in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro angemeldet. Weil er als Einzelunternehmer mit seinem Privatvermögen haftete, ist Anton Schlecker offiziell mittellos. Trotzdem gehe es ihm nach wie vor hervorragend, heißt es im Ort. Immer noch wohnt er im weiß getünchten Anwesen am Ammerweg 4, 89584 Ehingen. Seine Angehörigen, die ihr Vermögen behalten durften, haben es aus der Insolvenzmasse zurückgekauft, damit sich der beratungsresistente Unternehmer von einst hinter den hohen Mauern verschanzen kann, ohne Ehingen verlassen zu müssen.

Drei Kilometer trennen Schleckers Zuhause im Norden von der Konzernzentrale im Süden der Stadt. Es war sein täglicher Weg, den er mit dem Porsche Cayenne, Kennzeichen UL–AS 1944, zurücklegte – aber auch das gehört zum alten Leben des Anton Schlecker, im Mai 2013 wurden seine Luxusautos versteigert.

Das Garagentor ist weiß-rosa gestrichen und trägt ein Schild: „Privatgrundstück – Betreten verboten“. Zehn Meter hohe Birken und Lärchen bewachen Anton Schlecker wie camouflierte Soldaten. Eine Frau geht vorbei und sagt: „Wundern tut’s mich schon, warum noch niemand eine Bombe aufs Grundstück geschmissen hat.“

Nun sollen die ehemalige Konzernzentrale und der Lagerkomplex in Ehingen-Berg so bald wie möglich verkauft werden. „Es wäre schlimm, wenn die riesigen Flächen einfach vergammeln“, sagt Benedikt Maier, Grüner Gemeinderat in Ehingen. Fast surreal erhebt sich der Glaspalast, wie die Stadtbewohner die siebenstöckige Schlecker-Zentrale nennen, über das 45 000 Quadratmeter große Grundstück.

Die Stimmung in der Zentrale sei zum Fürchten, sagt eine Frau, deren ehemalige Kollegin noch immer dort arbeitet. Nun hat der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz das Sagen. Gemeinsam mit einer Handvoll ehemaliger Angestellter zerlegt er in Stücke, was sie unter dem früheren Chef aufgebaut haben. Gänge ohne Menschen und leere Zimmer, an deren Türen steht: „Dieses Büro ist nicht besetzt.“ Anton Schlecker habe noch ein Zimmer im Glasbau gemietet, heißt es in Ehingen. Ab und an soll er wie früher mit einem separaten Aufzug von der Garage ins Büro fahren.

Anders als für die Konzernzentrale werden für die einstigen Schlecker-Lager in Ehingen-Berg Verhandlungen mit einem ernst zu nehmenden Interessenten geführt. „Mit Rücksicht auf die laufenden Gespräche kann ich weder Namen noch Preise nennen“, sagt Geiwitz. Auf dem Areal befinden sich noch Lagerstätten der LDG Logistik- und Dienstleistungsgesellschaft und der BDG Bau- und Dienstleistungsgesellschaft. Unternehmen der Schlecker-Kinder Meike und Lars, deren einziger Kunde ihr Vater war. Im Juni 2012 mussten auch sie den Insolvenzantrag stellen.

Das Pförtnerhäuschen am Eingang der ehemaligen Lagerhallen ist unbesetzt. In ihrem Inneren ragen orange-blau gestrichene Regale empor. Ein Geräusch. Ist da jemand? Nein, hier arbeitet niemand mehr, es ist nur Wasser, das vom Dach in die Halle tropft. Auf dem Boden liegen alte Schlecker-Tüten, Fußabdrücke zeichnen sich auf ihnen ab, daneben sind Tampons verstreut und Kartons mit der Aufschrift „Verfallene Ware“. In der Ecke ein Schreibtisch, dahinter ein Bürostuhl. Mappen aus dem Jahr 2012 stapeln sich auf dem modrigen Boden, Wochenpläne von 2011 hängen an der Wand, darüber eine Uhr, sie ist um zehn vor zwölf stehengeblieben.

„Ach, der Schlecker“, sagt Johann Krieger und fährt sich durch das Haar, „er hat viel zu groß gebaut.“ 24 Jahre lang war Krieger Bürgermeister der Stadt. „Ehingen hat immer von Schlecker profitiert. Also haben wir ihn expandieren lassen, sonst hätte er es woanders getan.“ Die Zentrale habe Schlecker für doppelt so viele Angestellte gebaut wie dort arbeiteten, sagt Krieger. Der Unternehmer habe darauf spekuliert, dass die Preisbindung für Pharmazieprodukte falle, wie sie in den Siebzigerjahren für Drogerieartikel gefallen ist – damals hatte Anton Schlecker das als einer der Ersten erkannt. An jede Drogerie habe er eine Apotheke anschließen wollen, sagt Krieger. Aber dazu kam es nie.

Einmal Schlecker, immer Schlecker

„Schleckerland“ nannte Anton Schlecker sein erstes Selbstbedienungswarenhaus, das er 1967 in Ehingen eröffnete. Am 6. Februar 2013 wurde der weiße Schriftzug auf blauem Hintergrund entfernt, das Schleckerland zum Alb-Donau-Center umbenannt. Wenige Tage vor der Insolvenz hatte es der Hamburger Investor Newport gekauft. Bis heute sagen die Ehinger: „Fahren wir ins Schleckerland“, wenn sie das Einkaufsparadies samt ehemaliger Schlecker-Apotheke und Schlecker-Tankstelle in der Talstraße neben dem Glaspalast meinen.

In einem sind sich Bürgermeister und Opposition einig: So einschneidend die finanziellen und logistischen Folgen der Pleite für die Stadt auch gewesen sein mögen, die emotionalen Nachwirkungen sind bei Weitem schlimmer. „Anton Schlecker war – neutral gesagt – immer ein sehr besonderer Mensch für Ehingen“, sagt der Grünen-Gemeinderat Benedikt Maier. „Die Leute haben vor Ehrfurcht geflüstert, wenn Anton Schlecker in der Nähe war“, erinnert sich Klaus Nagl, der heute als Beamter der Stadt Ehingen angestellt ist und früher in den Sommermonaten im Schlecker-Lager jobbte. „In jeder Filiale hing sein Bild.“

Kaum ein Ehinger, der keine Meinung über den Mann hat. „Mir tut er unglaublich leid“, sagt eine Frau, die 35 Jahre lang nur in den blau-weißen Läden eingekauft hat, während sie gerade Kleider betrachtet, wo sich einst Klopapierrollen stapelten. „So ein fleißiger Mann, hat nur gearbeitet, und dann für nichts.“ In die Räume des ehemaligen Schlecker-XL-Markts im Zentrum von Ehingen ist im Oktober 2012 das Bekleidungsgeschäft Gerry Weber eingezogen. In der einstigen Schlecker-Filiale nahe dem Marktplatz verkauft nun die Boutique Charisma Young Fashion ihre Ware.

Bis zur Insolvenz gehörten die beiden Häuser der Familie Schlecker. In den übrigen Filialen der Republik lautete die Geschäftsstrategie mieten statt kaufen, möglichst in zentraler Lage. Heute erinnere nur noch der Geruch an den Besitzer von einst, sagt die Verkäuferin von Gerry Weber. Aus dem Keller ist der Fleischgestank nicht hinauszukriegen, an den Drogeriemarkt war eine Metzgerei angeschlossen. Sie stammt aus einer Zeit, als noch der „alte Schlecker“, wie die Ehinger Anton Schleckers Vater nennen, das Sagen hatte. Damals, als man von der Paula Schlecker, der Mutter, immer eine Scheibe Wurst geschenkt bekam.

 „Schlecker hat eine hundsmiserable Öffentlichkeitsarbeit gemacht“, sagt Johann Krieger. Die Realität aber habe gar nicht so schlecht ausgesehen. „Oder warum arbeiteten sonst so viele Angestellte Jahrzehnte bei ihm?“ Von einigen, die jetzt bei Aldi Süd oder Müller angestellt seien, wisse der Altbürgermeister persönlich, dass die Arbeitsbedingungen dort nicht besser seien als früher bei Schlecker. „Manche werden sogar schlechter bezahlt.“ Und welcher Unternehmer könne schon von sich behaupten, seine Angestellten nicht zu kontrollieren?

Auch wenn nur noch sein Geist durch die Stadt weht, „ist und bleibt Anton Schlecker ein Ehinger“, sagen mehrere. Und als solcher habe er für den Ort viel Gutes getan. Das Sommerfest habe er gesponsert und der Narrenzunft eine Küche bezahlt. Den Fußballverein TSG Ehingen, bei dem er früher selber spielte, habe er finanziell unterstützt und das Handballturnier Schlecker-Cup organisiert, seine Antwort auf eine ähnliche Veranstaltung des Drogeriehändlers Müller.

„Aber wie er mich andererseits auch geplagt hat mit seiner Sparsamkeit!“, erinnert sich der Bauingenieur Günter Reisch, der in Ehingen und Umgebung für Anton Schlecker den Bau beinahe aller Immobilien ausgeführt hat. Wie jeden zweiten Montag sitzt Reisch mit seinen Freunden in der Kegelstube des Gasthofs „Zur Sonne“. „Ich hab’ ihn Toni genannt“, sagt Reischs Kegelfreund, der weißhaarige Karl. 40 Jahre lang hat er für die Familie Schlecker gearbeitet. Zuerst als Metzgermeister, dann im Versandhaus des Drogeriehändlers. 1995, zwei Jahre bevor er in Rente ging, sei dann die Christa, Anton Schleckers Frau, auf ihn zugekommen und habe gesagt: „Karl, ich bin jetzt die Frau Schlecker für dich.“ Die Christa, sagt er, sei nie sein Fall gewesen.

Seit der Insolvenz, erzählen sich die Kegelfreunde, pflege Anton Schlecker kaum noch Kontakt zu seinen früheren Bekannten. Nicht einmal zum Skat treffe er sich mehr mit ihnen, auch die Saunarunden von früher seien passé. Ganz allein sitze der Toni nun zu Hause. „Seien wir froh“, sagt einer der Kegler, „dass wir noch beisammen sind.“ Die Männer nicken zustimmend.

Einst war die Stadt der ganzen Republik ein Begriff. Aber selbst gegenüber dem Rathaus war Ehingens berühmtester Bürger scheu. Verhandlungen hat Anton Schlecker für gewöhnlich über seinen Prokuristen Reinhold Freudenreich führen lassen – den Mann, der schon für Anton Schlecker senior gearbeitet hatte und mehr über das Unternehmen gewusst haben soll als der Inhaber selbst. Arbeitsam und loyal – die idealen Eigenschaften eines Schlecker-Angestellten.

Auch der Oberbürgermeister Alexander Baumann stand in seiner Amtszeit kaum mit Anton Schlecker in Kontakt. Von der Schlecker-Insolvenz hat er an einem Freitagnachmittag aus den Medien erfahren. Die Nachricht sei ein großer Schock für die Stadt gewesen, erinnert er sich. Aber in Ohnmacht gefallen sei er deshalb nicht. Anhand der Entwicklung der Gewerbesteuer, die das Unternehmen auf den Gewinn an seine Gemeinde abführen muss, sei schon Jahre zuvor der Niedergang erkennbar gewesen. „Gehen Sie davon aus, dass ein Unternehmen, das Insolvenz anmelden muss, wohl eine Weile vorher keinen Gewinn mehr auswirft.“

Für 2013 rechnet das Ehinger Rathaus mit stattlichen 35 Millionen Euro Gewerbesteuer. Die Stadt hat schon bessere Jahre gesehen, 2007 betrug die Gesamtsumme noch 47,8 Millionen Euro. „Der Rückgang hängt aber nur zu einem geringen Prozentsatz mit Schlecker zusammen“, versichert Baumann. Im Jahr 2003, als das Unternehmen noch florierte, betrugen die Gewerbesteuereinnahmen Ehingens beispielsweise nur 11,3 Millionen Euro. Die Schlecker-Pleite zwinge Ehingen nicht dazu, die Straßenbeleuchtung auszuschalten, scherzt Baumann. Ende 2013 wird die Stadt sogar schuldenfrei sein.

Schlecker sei nie das erfolgreichste Unternehmen Ehingens gewesen. „Gott sei Dank bleibt uns die Firma Liebherr!“ Von seinem Amtszimmer aus zeigt Alexander Baumann gen Norden, zum Werk des Unternehmens. Knapp 3000 Angestellte bauen dort Kräne, deren herausragende Qualität weltweit bekannt ist – viel bekannter, als Schlecker es jemals war. Liebherr ist nun Ehingens ganzer Stolz.

 

Foto: Niklas Grapatin